Wien/Toronto/Red. „When it rains, it pours“, sagen die Engländer, und meinen damit, dass schlechte Nachrichten selten allein kommen. Diese Erfahrung macht gerade der Smartphone-Hersteller Research in Motion (RIM) mit seinem Blackberry. Als wären sinkende Verkaufszahlen nicht genug, hat auch noch der Internetdienst des Unternehmens seit Tagen Probleme. Und das fast weltweit. Millionen Kunden bekommen weder E-Mails, noch haben sie Zugang zum Internet.
Aktie legt leicht zu
Zusammengenommen ist das der perfekte Sturm, der mit dem Verkauf des Unternehmens enden könnte. Entsprechende Gerüchte wurden in der Nacht auf Mittwoch in den USA verbreitet.
Demnach stehe ein „grundlegender Umbruch“ von RIM bevor, wie Jaguar Financial, ein großer Aktionär, meinte. Immer mehr Anteilseigner würden darauf drängen, dass der kanadische Konzern verkauft oder restrukturiert wird. Derzeit unterstützten bereits die Halter von mindestens acht Prozent der Blackberry-Stimmrechte diese Position.
Jaguar-Financial-Chef Vic Alboini sagte der Nachrichtenagentur Reuters, er führe mit verschiedenen institutionellen Aktionären Gespräche über einen Richtungswechsel. Es sei wahrscheinlich, dass sich weitere Anteilseigner anschließen. Der Aktionärsvertreter fordert unter anderem einen Wechsel in der Chefetage. Zudem solle sich RIM in Teilen oder komplett zum Verkauf stellen.
Seitens des Unternehmens mit Sitz in Waterloo im kanadischen Bundesstaat Ontario gab es keine Stellungnahme. Die Aussagen von Jaguar Financial – das bekannt dafür ist, Unternehmen ins Visier zu nehmen, die sich unterdurchschnittlich entwickeln – hatten jedenfalls Folgen: Die Aktie in New York legte um mehr als vier Prozent zu. Die Investoren glauben offenbar, dass Alboini eine erfolgversprechende Strategie verfolgt.
Das Plus ist der erste Aufwärtstrend für RIM seit langer Zeit. Weil man nur verhalten auf die Konkurrenz durch iPhone und Android reagierte, sanken die weltweiten Verkaufszahlen. Im zweiten Quartal 2011 lieferte RIM enttäuschende 10,6 Millionen Smartphones und nur 200.000 Tablet-Computer („Playbook“) aus. Zum Vergleich: Apple verkaufte im gleichen Zeitraum 20 Millionen iPhones und neun Millionen iPads. RIMs Nettogewinn fiel um 47 Prozent auf 419 Millionen Dollar, der Umsatz betrug 4,2 Mrd. Dollar.
Entsprechend entwickelte sich die Aktie: Notierte RIM in New York zu Jahresbeginn noch bei 58,9 Dollar, stand die Aktie gestern bei 23,8 Dollar. Der Höchststand des Jahres lag bei 69,8 Dollar, im Juni 2008 notierte Research in Motion noch bei 147,55 Dollar.
Dienstausfall auch in Österreich
In einer solch angespannten Situation kann einem Unternehmen kaum Schlimmeres passieren, als die loyalen Kunden zu verärgern. Doch seit Tagen bleiben die Blackberrys stumm und vibrieren auch nicht: Wegen eines Systemfehlers bei RIM werden E-Mails gar nicht oder nur verzögert auf die „Crackberrys“ weitergeleitet, wie die Handys wegen ihrer süchtig machenden E-Mail-Funktion genannt werden. Der Ausfall hat Folgen für Nutzer in Europa, im Nahen Osten, in Afrika, Indien, Brasilien, Chile und Argentinien.
Auch in Österreich sind hunderttausende Kunden von A1 über Orange bis T-Mobile betroffen. Geschätzt verwenden etwa 450.000 Menschen einen Blackberry, die Betreiber geben keine exakten Nutzerzahlen bekannt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2011)
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