Das SMS ist tot – es lebe „Joyn“

Die Killerapplikation hat in Zeiten des Smartphones ausgedient. Die Industrie will mit einem neuen Standard wieder Geld verdienen. Auf neuen Smartphones soll Joyn bereits integriert sein.

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Barcelona/Wien/Eid. Rasch fliegen die Finger über die Tastatur, beziehungsweise jetzt über den Touchscreen: Als am 3. Dezember 1992 das erste SMS (mit dem Text „Merry Christmas“) im britischen Vodafone-Netz versendet worden ist, wusste noch niemand, dass dieses „Short Message Service“ die zwischenmenschliche Kommunikation revolutionieren wird. Milliarden dieser maximal 160 Zeichen umfassenden Infos schwirren täglich weltweit durch die Netze – allein in Österreich sind es jährlich rund sieben Milliarden. SMS: Das war die Killerapplikation, auf die die Industrie gesetzt hat und die sie über 20 Jahre jene Milliarden verdienen ließ, die sie in Innovationen und Netze gesteckt hat.

Mit dem Smartphone hat sich das allerdings geändert: Warum sich auf kurze – und gleichzeitig teure – SMS beschränken, wenn man riesige Datenpakete um niedrige Flatrates bekommt oder kostenlose Onlinedienste nutzen kann? Immer mehr Kunden sind mit ihrem Smartphone auf Facebook Messenger, Google Talk, Twitter oder Messaging-Apps wie WhatsApp umgestiegen. Ihre unmissverständliche Botschaft an die Industrie: Das SMS als Geldquelle versiegt. Allein im Vorjahr entgingen den Netzbetreibern knapp 14 Milliarden Dollar (10,5 Mrd. Euro) an SMS-Einnahmen, errechnete der britische Marktforscher Ovum.

Dieser Erlösschwund ist offenbar so schmerzhaft, dass sich die Mobilfunker – über alle Rivalitäten hinweg – zu einem Schulterschluss aufrafften. Die Vereinigung der Mobilfunkanbieter (GSMA) hat auf dem Mobile World Congress in Barcelona einen neuen Standard für Kommunikationsdienste vorgestellt: „Joyn“, bisher bekannt unter Rich Communications Suite Enhanced (RCS-e).

 

Texte, Bilder und Videos

Joyn steht für Erreichbarkeit, Sicherheit, Qualität und Verbindung über alle Netze hinweg, hieß es bei der GSMA. Joyn gehört einer neuen Generation von IP (Internet-Protokoll)-basierten Nachrichtensystemen an und soll eine Alternative zu Nachrichten-Apps darstellen. Neben Texten, und zwar unbegrenzt langen, lassen sich künftig auch Bilder und Videos übermitteln, genauso wie eine Unterhaltung mit mehreren Nutzern (Gruppen-Chat) möglich ist. Dokumente, Fotos und Angaben über den eigenen Standort können mittels Joyn auch während eines Telefonats verschickt werden. Zudem können alle Nachrichten im „Cloud“ gespeichert werden, um jederzeit Zugriff zu haben.

 

Kein Starttermin in Österreich

Dass Joyn noch heuer startet, dafür wollen aufseiten der Gerätehersteller HTC, Huawei, LG, Nokia, RIM, Samsung, Sony und ZTE sorgen. Deutsche Telekom, KPN, Telefonica und Vodafone sind als Netzbetreiber mit an Bord. Auf neuen Smartphones soll Joyn bereits integriert sein, auf alten Geräten werden die Kunden mittels einer App den Dienst aktivieren können. Schon im April soll in Spanien der neue SMS-Standard umgesetzt werden. In Österreich ist der Start offen. Bei der Telekom Austria evaluiere man Joyn, heißt es zur „Presse“. Einen konkreten Termin habe man noch nicht.

Bleibt als große Unbekannte Apple: Der US-Konzern, der mit dem iPhone den Smartphone-Hype erst so richtig in Gang gesetzt hat, hat noch nicht entschieden. Apple bietet mit iMessage bereits ein SMS-Konkurrenzprodukt an. Das funktioniert allerdings nur zwischen Apple-Geräten. Ob Apple zugunsten von Joyn auf das hauseigene Produkt verzichten wird, ist offen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2012)

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