Orange-Chef: Mobilfunk in Österreich unrentabel

30.03.2012 | 14:18 |  von Daniel Breuss (DiePresse.com)

Die Rahmenbedingungen seien katastrophal, wettert Michael Krammer. Seit 2006 sind die Umsätze trotz Wachstum dramatisch gefallen. Schuld daran sieht er die Politik.

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Michael Krammer sieht düstere Zeiten auf den heimischen Mobilfunkmarkt zukommen. Während die Nachfrage steigt und damit auch die Nutzungsintensität der Telefonie- und Datendienste, sinken die Umsätze unaufhaltsam. Seit 2006 hat die Branche in Österreich hunderte Millionen Euro eingebüßt, insgesamt mehr als 20 Prozent. Umsätze pro verbrauchter Einheit sind von 23 auf nur vier Cent gesunken. Das Kundenwachstum betrug dagegen 41,1 Prozent, die Datendienste sind sogar um 13.500 Prozent gestiegen. Krammer sieht die Gesetzgeber gefragt, die in seinen Augen eine "Pseudo-Konsumentenschutzpolitik" durchführt.

Roaming-Regeln kosten 1,5 Millionen Euro

Wie so oft hat der wortgewaltige Orange-Chef im Rahmen eines Pressegesprächs auch gleich ein Beispiel auf Lager. Die neuen europäischen Roaming-Regeln würden Orange alleine auf einen Schlag 1,5 Millionen Euro kosten. Auch seien in Österreich die Terminierungsentgelte, also was die Betreiber von einander für die Zustellung von Gesprächen in fremde Netze verlangen dürfen, rascher als anderswo gesenkt worden. Zusammen mit dem Roaming würde das die Hälfte des Umsatzrückgangs von Orange seit 2006 ausmachen. Damals konnte das Unternehmen noch 617 Millionen Euro einnehmen. 2011 waren es nur noch 500 Millionen.

Dennoch konnte Orange sich nach Angaben Krammers noch gut halten. Mit einer EBITDA-Marge von 33,4 Prozent sei man den Mitbewerbern weit voraus. In absoluten Zahlen stieg das EBITDA von 2006 bis 2011 von 161 auf 167 Millionen Euro. 2010 konnte Orange hier noch 185 Millionen verbuchen. "Orange Österreich ist kerngesund", tönt Krammer stolz.

Innovationen nur noch in den USA

Als "Kernproblem" bezeichnet Krammer die Diskrepanz zwischen dem Wunsch nach einem europäischen Binnenmarkt und der Tatsache, dass es 27 verschiedene Rechtsräume mit jeweils unterschiedlichen Mobilfunklizenzen gibt. "Das ist für Investoren nicht attraktiv", gibt es zu bedenken. Daher würden die Innovationen auch anderswo stattfinden. Die Fertigung von Handys und technischer Infrastruktur sei nach Asien abgewandert, die neuen Ideen kämen aus den USA, sagt Krammer. Für Neelie Kroes, EU-Kommissarin für die digitale Agenda, hat er wenig Gegenliebe übrig. Sie sei mehr an sinkenden Roaming-Gebühren als an nachhaltigen Investitionen interessiert, wettert der Orange-Chef.

LTE: Ohne Refarming "absolutes Minimum"

Hoffnungen hegt er für die neue Datenfunktechnik LTE. Kunden seien bereit, für mehr Leistung auch mehr zu zahlen, ist Krammer überzeugt. Dass es aber immer jemanden geben kann, der den Preis drückt, sei "ein Risiko, mit dem man rechnen muss". Aktuell sieht Krammer LTE in Österreich aber zum Scheitern verurteilt. "Mit 2,6 Gigahertz lässt sich kein LTE-Netz aufbauen." Sollten im Zuge der Neuvergabe der Frequenzen ("Refarming") im Herbst die Rahmenbedingungen nicht stimmen, werde nur "das absolute Minimum" ausgebaut. Die Betreiber sind aufgrund der Lizenzbedingungen verpflichtet, 25 Prozent der Bevölkerung mit LTE abzudecken. "Aber keine einzige Antenne mehr", stellt Krammer klar, falls die Frequenzlösung nicht kommt.

3 kauft Orange

Ob er selbst das noch erleben wird, ist allerdings fraglich. Orange Österreich hat einen gültigen Kaufvertrag mit Hutchison, dem Unternehmen hinter dem Betreiber 3, unterzeichnet. Für 1,3 Milliarden Euro verkaufen France Telecom und Mehrheitseigentümer Mid Europa Partners Orange an 3. Wenn die Wettbewerbshüter grünes Licht geben, wird die Marke Orange mit Jahresende in Österreich verschwinden. Die 2,3 Millionen Orange-Kunden werden samt der Infrastruktur und dem Personal an 3 gehen. Lediglich 750.000 Kunden der Billigmarke Yesss werden von A1 geschluckt.

Keine Angst vor Wettbewerbshütern

Genau wegen dieses letzten Teils hatte die Bundeswettbewerbsbehörde aber Bedenken geäußert. Krammer sieht allerdings kein Hindernis für die Transaktion. "Von 1000 Fusionen im europäischen Mobilfunkmarkt wurden zwei nicht genehmigt", sagt der Orange-Chef. Und die Gespräche mit der BWB seien bisher sehr konstruktiv, sachlich und "hochprofessionell" verlaufen. Dass A1 mit Yesss seine Marktanteile steigern wird, relaitivert Krammer. Rein von den Kundenzahlen wäre es ein Plus von sechs Prozent. Beim Umsatz machen die Yesss-Kunden aber nicht einmal ein Prozent des Gesamtmarktes aus, sagt Krammer. Das sei vernachlässigbar.

Krammer: Keine Zukunft bei Telekom

Seine eigene Zukunft lässt der erfahrene Manager weiterhin offen. "Bis zum Closing bleibe ich Orange verpflichtet", sagt Krammer. Eine Frühpension schließt der 52-Jährige aber definitiv aus. Genausowenig will er mit der Telekom Austria zu tun haben. Krammer sieht es als problematisch an, dass ein Betrieb, der von staatich geregelten Lizenzen abhängig ist, zu einem Teil genau diesem Staat gehört. Es wird spekuliert, dass Krammer seinen nächsten Job außerhalb Österreichs antreten wird. Dass er bereit ist, sich wieder einem anderen Chef unterzuordnen, gilt als unwahrscheinlich.

Plädoyer gegen Mitarbeiterabbau

Bis auf die Geschäftsführung, die nach Krammers Ansicht "sehr leicht einsparen" lässt, soll es aber keine großen Personalkürzungen geben. Für einige Zeit nach dem Kauf durch 3 müssen die Systeme ohnehin parallel betreut werden. Eine Vergleichbare Konsolidierung in den Niederlanden, wo Orange und T-Mobile zusammengegangen sind, führte zu Einsparungen in Höhe von 17 Prozent. Krammer hält im Gespräch aber seinen 800 Mitarbeitern die Treue. Sie seien der wahre Wert von Orange, nicht das Netz oder die Shop-Infrastruktur. Ein flammendes Plädoyer in Richtung 3, bei den anstehenden Kürzungen in ein bis zwei Jahren nicht allzu hart durchzugreifen.

(db)

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20 Kommentare
Gast: Take one und es ist ein klax to be really free
19.04.2012 11:12
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Weg mit dem Speck: Wie Preiskampf gute ONE-Innovationen verhinderte

Krammer jammert nur, weil neben den Mid European Partners er und die Bine Bauer an dem Orange Deal beteiligt sind, an dem er natürlich ein wenig mehr cashen will und weil er jetzt merkt, dass man, wenn man innovationslos nur abspeckt, irgendwann nur mehr mit Haut und Knochen darsteht.

Marketing, dass ich nur auf den Preis fokusiert, ist schlicht und einfach dumm.

Mit ONE/Orange hätte er die Chance gehabt, sich hinter A1 als zweiter Qualitätsanbieter zu etablieren. Aber nachdem Tele.Ring nur ein qualitäts- und niveauloser Preiskampf war, kann man eben nichts anderes als Preise reduzieren.

Innovativ wären gute Tarife für Senioren gewesen, Kooperationen mit Senioren-Notrufdienste und Emporia.

Oder eltern-kindgerechte Angebote (samt Hardware!) für SchülerInnen.

Oder Machine to Smartphone communication.

Es gäbe noch so viele Möglichkeiten, Simkarten und Grundgebühren OHNE großen Traffic zielgruppengerecht anzubieten. ONE ist einmal ansatzmäßig diesen Weg gegangen. Leider hat man dann etwa 2003/04 dem "Abspecken" unterworfen und diese Innovationen sind bis heute noch nicht umgesetzt, da ONE gutes, innovationsorientiertes Personal freisetzen mußte, im Krammers Preiskampf Paroli zu bieten. ONE hat wesentlich mehr Geld in die Netzinfrastruktur sowie in die Lizenz investiert als Tele.Ring.
Krammer hätte mit Orange als Mutter Innovationen machen können, die in der Orange-Welt angenommen worden wären. Pläne ligen heute noch in der Brünner Straße.
Preiskampf ist eben einfacher,oder?

Gast: Der Inder
19.04.2012 10:59
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Krammer hat in Deutschland bewiesen, was er wirklich kann

Krammer hatte mit Tele.Ring bloß Glück, sein wahres Geschick hat er ja bei seinem kurzen Gastauftritt in Deutschland bewiesen.

Gast: Fatalist
31.03.2012 16:50
0 0

Karl Marx lässt Grüßen!

Mit den billigen Tarifen wird es vorbei sein, wenn die Großen die Kleinen gekauft oder zerstört haben, dann werden sie sich den Markt aufteilen und die Preise absprechen wie die großen Ölkonzerne!!
Es ist nur noch eine Frage der Zeit!

Gast: handynutzer
31.03.2012 16:34
0 0

Krammer

Herr Krammer hat seinerzeit Telering zu einer erfolgreichen Marke gemacht, allerdings unter Einsparung der Qualität. Kein hochwertiger Netzausbau. Mittlerweile ist Telering für mich der am wenigsten interessante Anbieter. Öfters kein Verbindungsaufbau, schlechte Hotline, alle paar Monate neue Tarife, so dass man sich immer wieder betrogen vorkommt, weil man innerhalb der Zweijahresfrist keine Änderung vornehmen kann. Die Liste der "alten Tarife" ist mittlerweile ellenlang. Sobald mein Vertrag endet, bin ich weg.
Entweder bob oder gleich 3 (je nach Anspruch).

1 0

Habe mit Orange beste Erfahrungen.

Ich habe keinerlei Netzprobleme und einen ausgezeichneten Tarif. Abzocker sind eher jene, die kein besseres Netz haben und wesentlich mehr verlangen. Wie auch beim Breitband-Internet.

Re: Habe mit Orange beste Erfahrungen.

Bezahlte Werbung.

Gast: Take ONE und es ist ein klax to be free
31.03.2012 01:36
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Weg mit dem Speck: Wie ONE darunter litt (ab etwa 2004)

Ach geh, jetzt ist Mobilfunk in Österreich plötzlich unrentabel? Bei einer EBIT.Marge von 33,4 Prozent? Andere Firmen, die ebenfalls keine Marktführer sind, hätten diese gerne!

Leider hat Orange nur sehr wenig in die eigene Infrastruktur investiert. ONE war einmal ein wirklich gutes Netz. Ich erinnere mich noch an "Rauschfrei", oder ATS 1,- Gutschrift bei Gesprächsabbruch, oder an den Ö3-Moderator, der von Bregenz bis Wien gefahren ist und das Netz ist nur einmal abgebrochen.

Wie standen A1 und Max.Mobil damals da?

Dann kam Tele.Ring. Eigentlich von Beginn am zum Tode verurteilt. Von Mannesmann zu den Amis, von dort zu T-Mobile. Tele.Ring war unter Krammer zum Diskounter geworden und hat letztendlich die Preise in Österreich ruiniert. Krammer hat nichts investiert, keinen eigenen UMTS-Ausbau und nur das billigste Alcatel-Equipment für GSM verwendet.

ONE beispielsweise mußte von 1200 Mitarbeitern auf rund 800 abspecken. Projekte wurden auf Eis gelegt, die Infrastruktur ausgelagert,.... Krammer wollte es so -- die Branche sollte abspecken. Nichts verdienen, nichts investieren. "Weg mit dem Speck!" meinte nicht nur die billigsten Tarife, sondern auch 400 Arbeitsplätze eines Unternehmens, dem er derzeit noch vorsteht. Darüber hinaus bis heute noch viele unrealisierte Projekte.

Tele.Ring wäre auch hochprofitabel gewachsen, wenn die Preise etwas höher gewesen wären. ONE, von Jorgen Bang-Jensen und Lars Reichelt als günstige Qualitätsmarke positioniert, wäre es besser gegangen.

Gast: Olaf Swantee
30.03.2012 21:47
3 0

Möglicherweise ist Michael Krammer einfach nur überbezahlt.


Mit dem hundsmiserablen Empfang und noch schlechterem Service ist Orange ganz sicher unrentabel


Gast: hias aus stinaz
30.03.2012 20:24
0 0

Orange-Chef: Mobilfunk in Österreich unrentabel

daun schleichts eich raunzer

Gast: TA
30.03.2012 20:07
0 0

Da hat er schon recht...

Krammer hat recht: Die Gender-und-Quoten-Spezialistin Kroes ist inkompetent und eine der Hauptverantwortlichen dafür, dass die europäische Mobilfunkindustrie (die vor einem Jahrzehnt noch weltweit führend war) ruiniert ist. Die ehemals großen europ. Telekombetreiber und Herstellerkonzerne sind mittlerweile reif für die Übernahme durch chinesische, indische und US-Betreiber. Wurde der GSM-Standard noch lehrbuchmäßig von fähigen Ingenieuren im Auftrag der EG entwickelt, ist von dieser Dynamik in der heutigen EUdSSR nichts mehr übrig.
Dass auf nationaler Ebene eine als Ministerin zuständige Handelsschülerin keinen Plan hat und auch keinen zuwege bringt, sollte niemand verwundern.

Gast: ADVOCATUS DI
30.03.2012 16:43
1 0

VERKAUF-DURCH VERSCHENKEN

Der könnte in seiner-DREISTEN VERLOGENHEIT-problemlos in die Politik wechseln!!
Erst M.KRAMMER war es, der zuerst bei ONE und jetzt bei ORANGE den Markt destabilisiert hat!!
Außerdem ist er, wie die Poster @ megadoc und @ zypesse richtig anmerken-BETRIEBSWIRTSCHAFTLICH EINE VÖLLIGE FLASCHE!!
Mich wundert nur, dass irgenein MobilTel-Provider diesen Mann in eine Management Position gehieft hat!
Offensichlich verkauft dieser-"Schaumschläger" sich selbst eindeutig besser als den Mobilfunk und Dienstleistungen dieser Branche!!
Ich hoffe, dass seine Karriere bei ORANGE ein Ende findet!!

Gast: bleibmoderat
30.03.2012 16:38
2 0

Tschüssi, wer unter wirtschaften "abzocken" versteht, der

hat in der Wirtschaft einer Demokratie ohnehin nichts zu suchen.

Gast: eglac
30.03.2012 16:34
1 0

Unrentabel und wie hoch ist dabei der eigene Verdienst?


EBITA-Marge

Nachdem Herr Krammer bei Orange so gut wie nichts investiert hat (und damit die Marke auch gegen die Wand gefahren hat, was mich als ehemaligen One-Kunden, der beim Wechsel zu Orange das Weite gesucht hat, wirklich schmerzt), ist diese EBITA-Marge kein Wunder.

unrentabel?

..."Mit einer EBITDA-Marge* von 33,4 Prozent sei man den Mitbewerbern weit voraus"...

Das bezeichnet man als "unrentabel"? :-)

*Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen

5 0

Wettbewerb drückt nun einmal die Preise.

Im Mobilfunkbereich dürfte das bis jetzt funktioniert haben.

Im Energie-, Banken-, Versicherungs-, Bau-, Nahrungsmittel- usw. Bereich,
nehmen uns die Unternehmen hingegen gemeinsam in die Zange.

Also lasst uns die Freude über günstige Mobiltelephontarife.

Gast: xi-berger
30.03.2012 15:32
4 0

zur Erinnerung

Herr Krammer, wer hat den seinerzeit unter dem Motto "Weg mit dem Speck" der Konkurrenz die Preise kaputtgemacht. Da dürfen Sie aber jetzt nicht jammern. Und die Politik der Nullpreis-Handys wird sich über kurz oder lang auch aufhören, weil es nicht mehr machbar sein wird. Ich kaufe mir die Telefone schon seit Jahren am freien Markt uncodiert. Wenn man es durchrechnet, finanziert man das sogenannte Nullpreis-Handy eh selbst mit. Übrigbleiben werden schlussendlich A1 mit bob (und evtl. Yess, falls die Übernahme von Orange durch 3 klappt), T-Mobile und 3. Und das wird für Österreich mehr als nur reichen.

Gast: Johann S
30.03.2012 14:58
4 0

Das Mitleid

mit den Mobilfunkbetreibern hält sich in engen Grenzen.

Gast: strelnikov
30.03.2012 14:40
2 5

Was habe ich immer gesagt

Die EU und die AK machen den Mobilfunk kaputt.
Beide zuwenig zu tun und nur Blödsinn im Kopf.

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