Lumia 920: Nokias vielleicht letzte Hoffnung im Test

Mit einem hervorragenden Display und vielen nützlichen Ideen sticht das neue Flaggschiff hervor. Alte und neue Probleme schränken den Spaß aber ein.

Lumia Nokias vielleicht letzte
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Lumia Nokias vielleicht letzte
(c) Presse Digital (Daniel Breuss)

Viel steht auf dem Spiel für Nokia. Das Lumia 920 ist gewissermaßen das Gerät, das über die Zukunft des angeschlagenen finnischen Herstellers entscheidet. Denn wenn sich das Smartphone nicht verkauft, dann könnte das das Aus für den Traditionskonzern bedeuten - und vielleicht auch für Windows Phone, dem Versuch Microsofts, ein modernes Smartphone-Betriebssystem auf die Beine zu stellen. Dementsprechend hat Nokia nahezu alles in das Lumia 920 gesteckt, was derzeit an Technik möglich ist. Ein Display, das auch bei Tageslicht gut ablesbar sein und sich mit Handschuhen bedienen lassen soll. Eine Kamera, die die Konkurrenz vor Neid erblassen lassen soll. Und technische Innovationen wie etwa LTE in allen verfügbaren Frequenzbändern und kabelloses Aufladen. Ob die Mischung geglückt ist, hat DiePresse.com über die Weihnachts- und Neujahrsfeiertage ausführlich getestet.

Finnischer Brocken

Eines fällt sofort auf, wenn man Nokias Lumia 920 in die Hand nimmt. Dieses Smartphone ist ein ganz schöner Riegel - und das nicht nur von der Form her. Es ist mit 130 x 71 x 11 Millimetern recht groß und mit 185 Gramm auch vergleichsweise schwer. Allerdings braucht man keine Fitnessclub-Mitgliedschaft, um das Ding zu stemmen. Auch untrainierte Dreijährige schaffen es nachweislich, das Gerät über einen längeren Zeitraum ohne Übermüdung in der Hand zu halten. Und nach ein paar Tagen Nutzungsdauer fällt das Gewicht auch nicht mehr auf. Dafür stellt sich das alte Nokia-Hardware-Feeling ein. Das Lumia 920 fühlt sich wieder so solide an, als könnte man damit in den Krieg ziehen. Die Designsprache, die vor eineinhalb Jahren mit dem gescheiterten N9 eingeführt wurde, hat Nokia hier schön weitergezogen und verfeinert. Das Lumia 920 hebt sich dadurch vom Rest der Smartphonewelt ab, wofür auch die unterschiedlichen Gehäusefarben sorgen.

Nokia Lumia 920: Die Bilder zum Testbericht

Beeindruckendes Display

Schaltet man das neue Nokia-Flaggschiff ein, wird man von einem der aktuell besten Displays begrüßt. 4,5 Zoll Diagonale, 1280 x 768 Auflösung und damit eine höhere Pixeldichte als beim iPhone 5. Das macht sich auch bemerkbar. Man erkennt keine einzelnen Bildpunkte beim regulären Benutzen des Geräts. Farben werden knackig und ohne die übertriebene Sättigung anderer Hersteller dargestellt, Weiß ist tatsächlich auch Weiß und nicht gelb- oder grünstichig (wie noch beim ein Jahr alten Lumia 800. PureMotion HD+ nennt Nokia die genutzte Technologie vollmundig. Das kann dem Besitzer aber ziemlich egal sein, außer um beim Smartphone-User-Stammtisch mit wichtigen Begriffen um sich werfen zu können.

Im Alltag ist es eine Freude, die Anzeige zu betrachten. Dank des Dual-Core-Prozessors wird auch alles flüssig dargestellt, wobei die genutzte Windows-Phone-Software immer schon recht flott war. Nokias Anspruch, auch bei Sonneneinstrahlung eine brauchbare Darstellung zu liefern, konnte im Test bestätigt werden. Dabei wird der Helligkeitswert teilweise so hoch gedreht, dass bei Rückkehr in dünklere Umgebungen Schwarz für eine Sekunde wie Grau wirkt. Sobald der Lichtsensor die veränderte Situation bemerkt, passt aber alles. Auch die Benutzung mit Handschuhen klappte im Test recht gut und ist gerade in der kalten Jahreszeit erfreulich. Dazu muss die Haut der Finger aber direkten Kontakt mit dem Teil des Handschuhs haben, der das Display berührt.

Kamera mit Bildstabilisator

Die Kamera wird von Nokia gewissermaßen als "Gustostückerl" des Lumia 920 angepriesen. Daher auch der Marken-Zusatz "PureView". Das letzte Gerät, das diese Bezeichnung trug, war das ungewöhnliche Nokia 808 PureView, das einen 41-Megapixel-Sensor, spezielle Bildverarbeitung und als Ergebnis großartige Fotos aufwies. Die aktuelle Kamera nutzt weder einen riesigen Sensor noch ein spezielles Verfahren, führt die Bezeichnung aber dennoch. Bemerkenswert ist der optische Bildstabilisator für Fotos und Videos, der auch sehr zuverlässig arbeitet.

Nokia Lumia 920: Beispielbilder der Kamera

Die Bildqualität des Lumia 920 ist so eine Sache. Kurz gesagt: Ja, sie ist gut. Sehr gut sogar. Feine Strukturen werden detailliert dargestellt und wie angepriesen sind Bilder bei schlechten Lichtverhältnissen immer noch gut brauchbar. Allerdings gibt es hin und wieder unangenehme Ausreißer beim automatischen Weißabgleich. So scheint der eigene Nachwuchs auf einmal nicht aus dem Mutterleib sondern vom Mars zu stammen, wenn sich die Kamera wieder einmal irrt. Hilfreich ist hier, den Weißabgleich je nach Lichtverhältnissen manuell einzustellen. Dieses Problem, das nur bei Kunstlicht und ohne Blitz auftritt, haben aber auch andere Smartphones. Generell sind die Farben neutral bis kühl, insbesondere bei Kunstlicht, wodurch Weiß oft korrekt dargestellt wird, was aber subjektiv nicht jedem Betrachter gefällt.

Heutzutage werden Fotos mit Smartphones nicht einfach nur gemacht, um sie später einmal wieder anzusehen, sondern um sie mit seinen Freunden auf Facebook oder auf anderen Plattformen zu teilen. Das klappt selbst ohne eigene App mit den Bordmitteln von Windows Phone 8. Die beliebte (und vor kurzem wegen ihrer Nutzungsbedingungen umstrittene) Foto-Plattform Instagram wird aber nicht unterstützt. Wer trotzdem seinen Bildern einen Retro-Anstrich geben will, kann das mit dem von Nokia mitgelieferten "Kreativstudio" machen. Färbung, Schärfe und Bildausschnitt lassen sich unkompliziert einstellen, das fertige Produkt kann dann auch gleich online gestellt werden.

Das alte Problem: Apps, Apps, Apps

Damit wäre auch schon ein großer Minuspunkt von jeglichem Gerät mit Windows Phone 8 erreicht. Das App-Angebot ist noch weit nicht auf dem Niveau von Apples iOS oder Googles Android. Allerdings ist das Wachstum sehr steil und aktuell kann Microsoft auf 120.000 verfügbare Apps zurückblicken. Zwar fehlen bekannte Größen wie Dropbox oder Spotify. Wer aber Windows Phone wirklich nützen will, muss ohnehin ein Microsoft-Konto anlegen und hat damit Zugriff auf Skydrive, das ein mit Dropbox vergleichbarer Online-Speicher ist. Spotify lässt sich dann auch mit Microsofts eigenem Dienst Xbox Music ersetzen, sofern man dazu bereit ist, ein Bezahlabo durch ein anderes zu ersetzen.

Nokia-Karten mit Indoor-Plänen

Nokia ist sich aber des App-Problems bewusst und hat selbst ein paar sehr gute Apps integriert, die positiv hervorstechen. Einerseits die Karten, die zwar nicht den Detailreichtum von Google Maps bieten, dafür aber etwa Einkaufszentren integriert haben. Der einkaufswillige Nutzer kann im Vorfeld über sein Smartphone nachsehen, in welchem Stockwerk das gesuchte Ladengeschäft in dem Zentrum ist, und damit Zeit sparen. Dann Nokia Mix Radio, das vorgefertigte Zusammenschnitte unterschiedlichster Stile zur Verfügung stellt. Der Autor dieser Zeilen hat dadurch seine Freude an einer lange vernachlässigten Musikrichtung wiederentdeckt. Langfristig will man dann aber doch gern seine eigenen Playlists haben.

Gratis-Navigation

Mit Nokia Drive+ hat das Lumia 920 auch noch eine gute Offline-Navigation an Bord. Karten für das gewünschte Land lassen sich auf das Gerät laden, solange GPS-Verbindung besteht, kann man sich damit auch ohne teure Roaming-Verbindung im Ausland zurecht finden. Im Test klappte das sowohl zu Fuß, als auch im Auto problemlos. Für letzteres ist sehr angenehm, dass die Bedienelemente größer gemacht wurden als sonst bei Windows Phone üblich. Sprachsteuerung (z.B. "Ich will zu Adresse X fahren") ist allerdings nicht möglich. Dafür ist die App kostenlos auf dem Nokia-Modell integriert.

Akkuleistung im üblichen Bereich

Weil ein paar Nutzer von DiePresse.com über Facebook gefragt haben: Ja, man merkt einen Unterschied im Akkuverbrauch, wenn man das Lumia 920 als Navi nutzt. Dieses Testgerät wurde mit rund einer Stunde GPS-Navigation und Musikstreaming pro Tag sowie ständig aktiviertem Push-E-Mail getestet. WLAN, Bluetooth und NFC waren nie ausgeschaltet. Die Musik wurde über ein Bluetooth-Audiogerät genutzt, was wiederum den Akku mehr belastet als würde man die mitgelieferten, recht guten Kopfhörer nutzen. Natürlich zieht der große Bildschirm jede Menge Energie. Wenn man ständig im Web surft oder Spiele spielt (wozu das exzellente Display natürlich einlädt), schlägt sich das auf die Akkuleistung nieder. Das Gerät verhielt sich so wie zahlreiche andere auf dem Markt: Während der Nutzer schläft, sollte man es auch aufladen. Drahtloses Aufladen konnte mangels entsprechender Gegenstelle nicht ausprobiert werden.

Google-Dienste kaum nutzbar

Derzeit tobt ein bisschen eine Kontroverse, ob Google und andere Firmen Windows Phone 8 bewusst ignorieren oder blockieren. Microsoft hat etwa im November schon Web-Entwickler gebeten, den mobilen Internet Explorer 10, der in dem Betriebssystem integriert ist, nicht als Browser zweiter Klasse zu behandeln. Offenbar spielen manche Websites abgespeckte Versionen aus, wenn sie den Browser erkennen, obwohl der mobile IE auch aufwendige Elemente mit HTML 5 darstellen kann. Hinzu kommen noch die Steine für alle Nutzer von Google-Diensten. Der Webkonzern weigert sich, Apps für das aufkeimende Betriebssystem zu entwickeln und Microsoft behauptet, dass der Konzern eine YouTube-App, die alle Funktionen bietet, mutwillig verhindert. Und im Dezember hat Google Windows Phone die Unterstützung von Kalender und Kontakten bei Gmail entzogen. Es gibt zwar eine Möglichkeit, diese über ein neues Protokoll wieder zu integrieren. Microsoft scheint derzeit aber lieber den geprügelten Underdog spielen zu wollen und empfiehlt den Umstieg auf seinen eigenen Online-Dienst outlook.com. Ärgerlich ist auch, dass Google jeglichen Besuch von maps.google.com mit Windows Phone einfach auf die mobile Google-Suchseite weiterleitet. Selbst wenn man in die klassische Ansicht wechselt und dann Maps aufrufen will, wirft Google Nutzer von Windows Phone 8 zurück auf die mobile Startseite. Google will das aber demnächst wieder umstellen.

Knackpunkt Verfügbarkeit

Gerade im Vergleich zum Lumia 800 ist das neue Gerät sowohl bei der Hardware als auch der Software eine Wohltat. Für Nokia könnte sich das Lumia 920 aufgrund seiner demonstrierten Leistung als der Fels in der Brandung erweisen, den der Hersteller dringend nötig hat, um gegen Google und Apple bestehen zu können. Nur dazu müssten ausreichende Stückzahlen vorhanden sein. Außer über einige wenige Händler auf eBay ist das Lumia 920 nirgends verfügbar. Und Fantasiepreise jenseits der 700 Euro sind wirklich nicht zu rechtfertigen. Selbst die knapp 650 Euro UVP müssen kritisch bewertet werden. Denn das neue Nokia-Flaggschiff ist zwar ein gutes Gerät. In dieser Preisklasse spielt aber auch das besser etablierte iPhone 5. Und Googles ebenfalls gelungenes Nexus 4 wird in Österreich je nach Händler für 400 bis 550 Euro angeboten - ist aber auch nirgends verfügbar. Mit weitreichender Verfügbarkeit und attraktiven Vertrags-Kombiangeboten über Mobilfunker könnte Nokia hier ein Erfolg gelingen. Und damit etwas Schwung in einen Markt bringen, der im Zweikampf Apple vs. Google zu erstarren droht.

Fazit

Es fiel überraschend schwer, das Lumia 920 wieder an Nokia zu retournieren. Trotz der ursprünglich einschüchternden Größe und des unerwarteten Gewichts war das Smartphone über fast zwei Wochen hinweg ein treuer Begleiter. Die aufgrund der im Vergleich zu anderen Plattformen geringeren App-Auswahl befürchteten Funktions-Lücken taten sich nicht auf. Natürlich kommt es aber auf die eigenen Anforderungen an ein solches Gerät an. Der sehr guten Kamera, guten E-Mail-Integration, Offline-Navigation und durchgängig flotten Bedienung stehen das Fehlen beliebter anderer Apps und das oben erwähnte, äußerst ärgerliche Problem rund um die Google-Dienste gegenüber. Wer gerade einen Systemwechsel überlegt oder noch überhaupt kein Smartphone besitzt, sollte einen genaueren Blick auf das Lumia 920 werfen. Denn obwohl auch andere Windows Phones, wie etwa das HTC 8X, recht gelungen sind, sticht Nokias neues Flaggschiff in vielen Details positiv hervor. Man muss aber bereit sein, sich in Microsofts Dienste-Welt zu begeben.

Nokia Lumia 920: Die Bilder zum Testbericht

(db)

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