Lumia 800 im Test: Solider Neuanfang für Nokia

Mit ihrem ersten Windows Phone hoffen die Finnen, verlorenen Boden wieder gutmachen zu können. Eine Chance darauf hätte das Smartphone. Die Microsoft-Software legt aber ein paar Stolpersteine in den Weg.

Lumia Test Solider Neuanfang
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Lumia Test Solider Neuanfang
(c) Presse Digital (Daniel Breuss)

In Finnland herrscht Nervosität. Wohl selten hing in Nokias Geschichte dermaßen viel vom Marktstart eines Mobiltelefons ab wie beim aktuellen Lumia 800. Das Gerät ist das erste mit Microsofts Windows-Phone-Betriebssystem an Bord und soll als Speerspitze gegen die Smartphone-Konkurrenz von iPhone und Android dienen. In den vergangenen Jahren hatte Nokia stark gegen die beiden Neueinsteiger im Handy-Markt verloren. Grund genug für den Traditions-Hersteller, im Februar vorigen Jahres einen Strategiewechsel zu verkünden. Erstes Ergebnis ist das Lumia 800, das sich DiePresse.com näher angesehen hat.

Kunststoff-Monolith

Wer schon einmal das gescheiterte MeeGo-Handy N9 gesehen hat, wird ein Deja-Vu erleben, wenn er das Lumia 800 in die Hand nimmt. Das kommt nicht von ungefähr. Nokia hatte nur acht Monate Zeit, um das Gerät zu entwickeln und bediente sich beim vorigen Hoffnungsträger. Gleichgeblieben sind das Polycarbonat-Gehäuse, die Kamera und das AMOLED-Display. Letzteres wurde aber von 3,8 auf 3,7 Zoll verkleinert, um Platz für die drei Windows-Phone-Tasten zu machen. Geopfert wurde leider auch die Frontkamera, obwohl Windows Phone diese inzwischen ansprechen könnte. Generell wirkt die Konstruktion aber wertig und liegt angenehm in der Hand.

Nokia Lumia 800: Die Bilder zum Testbericht

Die Verwandtschaft zum N9 schadet dem Lumia 800 aber nicht, im Gegenteil. Schon dieses fiel durch seine hohe Verarbeitungsqualität und den scharfen, sehr kontrastreichen Touchscreen auf. Die leicht gewölbte Glasoberfläche und das stabile Kunststoffgehäuse wirken in Kombination robust genug, um das Handy bedenklos auch ohne Schutzhülle in jeglicher Tasche verschwinden zu lassen. Der einzige Kritikpunkt am Gehäuse ist die Klappe, über die man erst Zugang zum Micro-USB-Anschluss erhält. Langfristig ist das ständige Aufklappen zum Laden oder Daten übertragen eher lästig.

Windows Phone mit Anpassungen

Kern des Lumia 800 ist naturgemäß das neue Betriebssystem. Wer schon einmal Windows Phone genutzt hat, wird sich gleich zuhause fühlen. Die Anpassungen, die Nokia vorgenommen hat, nehmen sich sehr moderat aus und beschränken sich vorrangig auf ein paar Apps. Für Österreich sind das "Nokia Karten", "Nokia Navigation" und "Nokia Musik". Das bei der Enthüllung des Lumia 800 vorgestellte "Mix Radio", über das man vorgefertigte Playlists herunterladen und auch für den Offlinegebrauch speichern kann, ist allerdings nicht dabei. Dafür kann man erfahren, welche Konzerte gerade in der Nähe sind. Für Musikgenuss werden Kopfhörer mitgeliefert, deren Klang sogar überraschend positiv auffällt, wenn auch die Höhen etwas klirren.

Brauchbare Gratis-Navigation

Eines der mutmaßlichen "Killerfeatures" ist aber die Navi-App. Nokia bietet schon seit einiger Zeit auf seinen Handys kostenlose Auto- und Fußgängernavigation an. Entsprechend gut funktioniert die Anwendung auch. Weltweites Kartenmaterial und unterschiedliche Stimmen in verschiedenen Sprachen stehen zum Download zur Verfügung. Einmal auf dem Gerät, lässt sich die App damit als vollwertiges Navi auch im Ausland ohne Internetverbindung nutzen. Der Funktionsumfang ist aber im Vergleich zu anderen, kommerziellen Apps deutlich geringer.

Windows Phone: Licht und Schatten

Windows Phone selbst ist mit seiner umfassenden Facebook- und Twitterintegration (ohne zusätzliche Apps), sowie dem hervorragenden E-Mail-Client ein sehr gutes mobiles Kommunikationsgerät. Hier kann Microsoft besonders seit dem Update auf Version 7.5 Punkte sammeln. Über längeres Drücken der "Zurück"-Taste kommt man in die Multitasking-Auswahl der zuletzt geöffneten Apps. Brauchbar ist auch der Browser, der auf Basis des Internet Explorer 9 für "große" Computer arbeitet. Leider hat Microsoft aber eine Funktion gestrichen. Der Browser ermöglicht es nicht mehr, nach bestimmten Begriffen auf einer geöffneten Website zu suchen - eine sträfliche Vernachlässigung.

Ein weiterer Wermutstropfen der Microsoft-Software ist der mangelnde Zugriff auf das Dateisystem. Während es etwa Android erlaubt, Dateien ganz normal über die Bordmittel des Betriebssystems auf das Gerät zu schaufeln, und beim iPhone zumindest Zugriff auf den Kamera-Ordner gewährt wird, verlangt Windows Phone die Zune-Zusatzsoftware. Erst über sie lassen sich Fotos auf den PC übertragen oder Musik von selbigem auf das Handy bewegen. Alternativ lassen sich Fotos, Kalendereinträge, Kontakte und E-Mails online über einen Windows-Live-Account speichern. Leider bietet das Lumia 800 nur 16 Gigabyte Speicher. Dass mehr reingehen würde, hat Nokia mit dem N9 bewiesen. Dieses wird mit bis zu 64 Gigabyte angeboten.

Gute Schnappschuss-Kamera

Positiv fällt die Kamera des Nokia Lumia 800 auf. Zwar kann sie nicht ganz mit der des iPhone 4S mithalten, für spontane Schnappschüsse unterwegs reicht sie aber auf jeden Fall. Zumindest, solange die Lichtbedingungen passen. Zu viel Sonne kann zu überstrahlten Elementen führen, solange man nicht Spot-Messung aktiviert und die richtige Stelle zum Fokussieren antippt. Zu wenig Licht fördert ein leichtes Bildrauschen zutage, das man aber erst beim Hineinzoomen richtig merkt. Störend wirkt die längere benötigte Belichtungszeit, da die Fotos dann eher verwackelt sind.

App-Markt im Wachstum

Einer der größten Kritikpunkte an Windows Phone ist das noch geringe App-Angebot. Im Vergleich mit Android und Apples iOS hinkt das Microsoft-System hier tatsächlich hinterher. Allerdings wächst der "Marketplace" sehr rasant und bietet bereits einige sehr brauchbare Apps. Hier ist Geduld angebracht, auch wenn Microsoft insbesondere im Spielebereich schon sehr viel vorgelegt hat. Durch die Integration seines Online-Dienstes Xbox Live könen Besitzer eines Windows Phone ihre freigeschalteten Erfolge auch (sofern vorhanden) auf der großen Spielkonsole Xbox 360 betrachten. Für selbige gibt es übrigens eine Fernsteuerung für Windows Phone. Nokia hat mit "App-Highlights" eine Anwendung integriert, die besonders gelungene Apps hervorhebt. Eine Spaßfunktion ermöglicht es, durch Schütteln des Geräts eine zufällige App aus dem Marktplatz aufzurufen.

Windows Phone: Die besten Apps für das Microsoft-System

Fazit

Das N9 war bereits ein gelungenes Gerät, allerdings war dessen MeeGo-System mit seinem kaum vorhandenen App-Angebot zum Scheitern verdammt. Das Nokia Lumia 800 ist ebenfalls ein solides, flottes und äußerst hübsches Smartphone. Letzteres ist natürlich Geschmackssache und hängt auch von der Wahl der Gerätefarbe ab. Die schwarze Version wirkt etwas langweiliger als ihre blauen und rosa Geschwister. Aber auch als dezenter Monolith sticht das Nokia-Gerät aus der Masse der anderen schwarzen Plastikquader heraus. Wichtiger sind aber die inneren Werte. Hier punktet das Lumia 800 als flottes Smartphone mit präzisem und reaktionsfreudigem Touchscreen. Dessen AMOLED-Display ist eine Freude für die Augen, auch wenn es im Vergleich zu anderen Mitspielern auf dem Markt eher klein geraten ist. Positiv sind auch die kostenlose Offline-Navigation und die brauchbare Kamera. Weniger positiv ist der mit 16 Gigabyte für heutige Verhältnisse nur mittelmäßig große Speicher.

Ob das zusammen mit dem trotz sinkender Verkaufszahlen immer noch wirksamen Nokia-Markennamen reicht, um sich aus der restlichen Masse der Windows Phones abzuheben und damit den Hersteller wieder aus seiner Krise zu führen, wird der Markt in den nächsten Monaten entscheiden. Windows Phone an sich ist zwar ein bereits ausgereiftes Stück Software, stellt sich bei vielen Gelegenheiten leider selbst ein Bein. Fakt ist, dass das Lumia 800 aber bisher das rundeste Gesamtpaket der bisherigen Vertreter dieser Gattung darstellt.

(db)

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