Grüne Apps: Das Spiel mit der Nachhaltigkeit

Umweltbewusstes, nachhaltiges Leben ist frustrierend – zumindest ohne Anreize, finden App-Entwickler. Umwelt-Apps sollen daher spielerisch, im Wettstreit mit anderen zu klimafreundlichem Verhalten motivieren. Mit Bonuspunkten und Preisen werden Konsumenten dazu verlockt, CO2 zu sparen.

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Andreas Miedaner. – (c) Stanislav Jenis

Mit dem Auto oder mit dem Rad zur Arbeit? Teures Fleisch vom Biobauern oder doch lieber das vom Billig-Discounter? Ein neues Haus mitten im Grünen bauen oder in das alte am Ortsrand ziehen? Lohas – das steht für „Lifestyles of Health and Sustainability“, also nachhaltig lebende Menschen – träfen meist von sich aus die richtige Wahl, lautet der Grundtenor der App-Entwickler. Aber was ist mit den bequemen „Normalos“, die sich das Mittagessen lieber schnell in der Plastikschüssel liefern lassen, anstatt es mühevoll zu Hause vorzubereiten und dann in der Tupperware-Schüssel mit ins Büro zu nehmen?

Für Andreas Miedaner sind der Schlüssel, mehr Leute zu einem nachhaltigen Lebensstil zu motivieren, gute Taten und ihre Auswirkungen sichtbar zu machen. „Ich glaube, wenige Menschen handeln aus Idealismus. Die meisten tun etwas, wenn sie dafür Anerkennung bekommen oder selbst sehen, welchen Nutzen ihr Handeln hat“, erklärt der 52-Jährige. Mit dem Start-up Treeday will der Chef einer Werbeagentur zeigen, dass viele kleine Aktionen etwas bewirken können. Derzeit befindet sich das Unternehmen in der Testphase, mit Beginn 2016 will Miedaner mit dem fertigen Produkt starten.


Virtuelle Bäume. Treeday ist ein soziales Netzwerk, auf dem „Treeder“ ihr Handeln im Kampf gegen den Klimawandel visualisieren können. Um die Auswirkungen des eigenen Tuns sichtbar zu machen, rechnet die Plattform mit virtuellen Bäumen oder „Treeds“. Ein Treed steht für einen „Baumtag“. Das ist die Menge Kohlenstoffdioxid, die ein Baum pro Tag aus der Luft filtert – rund 80 Gramm. Für jede CO2-sparende Handlung vergibt Treeday eine gewisse Zahl an Treeds. So wird ein Nutzer, der mit dem Zug statt mit dem Auto von Wien nach Salzburg fährt, mit 385 Treeds belohnt. Er hat damit 31 Kilogramm CO2 eingespart – die Leistung von 385 Bäumen pro Tag. Die durch nachhaltiges Leben gewonnenen Bäume werden auf einer Landkarte dargestellt, einer Art „grünem Google Maps“.

Treeds werden außer im Verkehr auch in anderen Bereichen vergeben. Die Liste werde ständig erweitert, meint Miedaner. Der virtuelle Wald wächst etwa auch, wenn ein Treeder statt eines Schnitzels vegan isst. Das Ziel ist, als Community 650 Milliarden virtueller Bäume zu schaffen. Das entspreche einem Wald der Größe Nordamerikas.

Denn mit dem damit eingesparten CO2, erklärt Miedaner, könne der Klimawandel eingedämmt werden. Die Berechnungsgrundlagen für die Treeds entwickelte das Institut für globalen Wandel und Nachhaltigkeit an der Universität für Bodenkultur (Boku) in Wien. Laufend aktualisiere einer der 15 Treeday-Mitarbeiter die Berechnungen.

Der Öko-Fan hat noch einen weiteren Anspruch an das Netzwerk, das auf dem Desktop, als mobile Version oder App erhältlich ist: Nachhaltigkeit solle vereinfacht werden. Daher vereine Treeday alles, was für einen umweltbewussten Lebensstil nötig sei. So sind auf der Karte außer den herkömmlichen Nutzern auch Unternehmen eingezeichnet. Dafür entwickelte Treeday mit der Boku branchenspezifische Indizes: Mit einem Fragebogen können Firmen den Grad ihrer Nachhaltigkeit auf einer Skala von null bis 100 errechnen. Je umweltfreundlicher, desto größer das grüne Icon, das „Nachhaltigkeitssiegel“.

Auch das Geschäftsmodell von Treeday basiert auf der Beteiligung von Unternehmen: Firmen sollen für ihren Onlineauftritt einen monatlichen Beitrag zahlen. Das Ziel sei eine Plattform, „auf der nachhaltige Unternehmen ihre Produkte verkaufen und bewerben können“. Geplant ist zudem ein Loyalitätsprogramm für Nutzer. Je aktiver ein Treeder, je mehr umweltfreundliche Produkte er konsumiert, desto mehr Bonuspunkte erhält er. Belohnt für seinen Eifer wird er mit Gutscheinen grüner Partnerfirmen. Goodies könnten ein zusätzlicher Anreiz für mehr Nachhaltigkeit sein, meint Miedaner.

Dass es Extra-Motivation bedarf, um Umweltbewusstsein zu fördern, davon ist auch Robert Praxmarer überzeugt. Gemeinsam mit Thomas Layer-Wagner, einem ehemaligen Dozentenkollegen an der Fachhochschule Salzburg, entwickelte er Ökogotschi, eine grüne Version des 1990er-Jahre-Hits Tamagotchi. „Das Ziel ist, das Konsumverhalten durch ein Spiel so zu verändern, dass regionaler konsumiert und CO2eingespart wird“, erklärt der 38-Jährige. Mit dem CO2-tilgenden Männchen sollen vor allem Digital Natives angesprochen werden – mit 16 bis 35 Jahren Angehörige jener Generation, die mit Digitaltechnologien aufgewachsen sind.

Vorerst ist das Ökogotschi nur im Handel vertreten, später wird das Konzept auf andere Bereiche ausgeweitet. Mit jedem Kilo CO2, das Nutzer durch den Kauf nachhaltiger Produkte einsparen, wächst das kleine Monster und ist glücklich. Auch hier gilt: Wird durch umweltschonendes Verhalten eine gewisse Punktezahl erreicht, bekommen User bestimmte Produkte vergünstigt.

Das Ganze soll so einfach wie möglich funktionieren. Daher wird das Ökogotschi etwa durch Barcode-Scanner oder die Handykamera aktiv werden – einmal den QR-Code auf einer Rechnung fotografiert, schon könnte das Ökogotschi ausrechnen, wie klimafreundlich der Einkauf war. Auch Spiele sind geplant, um nachhaltigen Konsum attraktiv zu machen. Filmt der Nutzer beispielsweise die gekaufte Biomilch, springt das Männchen auf der Packung herum und löst mit dem Spieler Aufgaben. So soll auch ein Wettbewerb um das beste Ökogotschi entstehen.


Laienforscher. „Das Ökogotschi ist ein digitaler Schulterklopfer. Durch Anfeuern und spielerische Umsetzung können Menschen viel mehr erreichen“, sagt Praxmarer. Starten soll das Projekt des Start-ups Polycular spätestens Ende nächsten Jahres. Zuvor ist eine Reise ins Silicon Valley geplant, um mehr Investorengelder für die App-Entwicklung zu gewinnen. Finanzieren will sich Polycular letztlich durch kostenpflichtige Abos der Partnerfirmen, die die App als grünen Marketingkanal nutzen können.

Spielerisch versucht auch das Internationale Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) mit Sitz in Laxenburg Bürger für ihr Projekt zu gewinnen. Mit der eigens entwickelten App FotoQuest können Laien Informationen über die Änderung der Landnutzung in Österreich sammeln. Die Forscher interessieren besonders die Entwicklung der Feuchtgebiete und das Voranschreiten der Bodenversiegelung. Mit der rasanten Trockenlegung und Versiegelung von Land durch neue Straßen und Siedlungen würde viel CO2 freigesetzt – und der Klimawandel begünstigt.

Die IIASA-Forscher haben 15.000 Zielorte mit fehlenden Landschaftsdaten in Österreich festgelegt. Die App hilft nun bis Ende September, an diesen Punkten Daten über die Bodenbedeckung zu sammeln – etwa, welche Bäume und Nutzpflanzen am Zielort zu sehen sind oder ob der Boden betoniert ist. Die eifrigsten Nutzer nehmen an einer Auslosung für die Hauptpreise teil. Derzeit gebe es mehr als 150 aktive User, sagt der Projektleiter Steffen Fritz. Die gewonnenen Daten werden letztlich nicht nur von den Forschern selbst verwendet, sondern auch an Nichtregierungsorganisationen und das Umweltbundesamt weitergeleitet.

Zwar würden Bürger auch aus Kostengründen in das Forschungsprojekt miteinbezogen, sagt Fritz. Wichtig sei aber ebenso, auf das Problem der Bodenversiegelung aufmerksam zu machen. „Mit FotoQuest wird Bürgern bewusst gemacht, wie sich die Landschaft verändert, wo Boden versiegelt ist oder noch Feuchtgebiete vorhanden sind.“

Insgesamt vier Jahre dauert das von der Europäischen Union geförderte Programm. Das Ziel sei zu lernen, „wie man Apps verwenden kann, um die Landschaftsplanung zu verbessern“, sagt Fritz. Zugleich wolle IIASA herausfinden, welche Daten per App von Laienwissenschaftlern erhoben und wie für Bürger interessante Fragen formuliert werden können, um möglichst nützliche Daten zu sammeln. Letztlich hofft Fritz, dass bald keine Preise mehr nötig sind, um Menschen zu motivieren.

Öko-Apps

Treeday, ein soziales Netzwerk, will nachhaltiges Leben auf einer einzigen Plattform vereinfachen.

Ökogotschi, das Nachhaltigkeitsmonster nach Tamagotschi-Vorbild, soll vor allem Digital Natives zum CO2–Sparen motivieren.

FotoQuest ist eine App, mit der Bürger bis 30. September für Forscher Daten über die Landnutzung in Österreich sammeln können.

Lexikon

CO2. Der weltweite CO2-Ausstoß beträgt etwa 49 Mrd. Tonnen pro Jahr.

Klimawandel. 650 Milliarden Bäume – die Fläche Nordamerikas – wären nötig, um die Erderwärmung einzudämmen.

Bäume. 80 Gramm CO2 pro Tag filtert ein Baum durch Fotosynthese aus der Luft.

Zugfahren. Einmal mit dem Zug statt mit dem Auto nach Salzburg zu fahren, spart 31 Kilogramm CO2.

Boden. Täglich werden in Österreich 19 Fußballfelder Boden durch den Bau neuer Straßen und Siedlungen versiegelt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.08.2015)

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