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Nachruf: "Für einen Verhaltensforscher nicht faul genug!"

20.09.2005 | 00:00 |  VON JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

Rupert Riedl, Grenzgänger zwischen Biologie und Philosophie, ist mit 80 gestorben.

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"Ich will endlich in Ruhe gelassen werden, um mein amphibisches Leben zwischen Strand und Meer wieder aufnehmen zu können", wünschte sich Rupert Riedl 1995 zum 70. Geburtstag. Damit formulierte er auch die Tücken seiner Existenz, die keine Grenzen anerkannte - zwischen Biologie und Philosophie so wenig wie zwischen Luft und Wasser - und sich doch bewusst war, dass die Grenzen in einer kapitalistischen Massengesellschaft hart und anonym gezogen werden und es keine kollektive Gegenwehr gibt, sondern allenfalls kraftlose Appelle an die Besinnung auf bessere - oder als besser imaginierte - Zeiten.

Er selbst hat sie kaum erlebt, zunächst sah es nicht gut aus für den am 22. Februar 1925 in Wien Geborenen. "Ein miserabler Schüler" sei er gewesen, erinnerte er sich, Kriegsmatura, zwei Jahre Front, dann war er mit dem Wunsch seines Vaters, eines Bildhauers, konfrontiert, er möge Malerei studieren. "Nach dem Krieg habe ich gewusst, dass die Welt gerettet werden muss. Ich wusste damals genau, dass die Welt nicht durch Malerei gerettet werden kann, sondern nur durch Erkenntnis", formulierte er in einem TV-Interview und fügte hinzu: "Ich hoffe, man merkt die Ironie meiner Rede" - soll heißen: auch die Erkenntnis wird nichts retten.

So gespalten, versuchte er sich an der Akademie der Künste und an der Fakultät der Medizin, scheiterte in beiden, fand sein Gebiet, die Biologie, vor allem die Meeresbiologie. 1948/49 leitete er die Unterwasser-Expedition Austria, später machte er das Leben in der Adria einem breiten Publikum bekannt - "Die Gärten des Poseidon. Wie lebt und stirbt das Mittelmeer", ein Buch, das Basis einer TV-Dokumentation wurde -, er verfasste auch "den Riedl", "Fauna und Flora des Mittelmeers", bis heute Standardwerk.

Das brachte ihm die Anerkennung des Fachs - einen Lehrstuhl in Österreich allerdings erst 1971, nach Umweg über die USA -, aber er wollte immer über das Fach hinaus, einer seiner Lehrer hat es früh bemerkt: "Rupert, für einen Verhaltensforscher bist du nicht faul genug", diagnostizierte Konrad Lorenz. Er hatte mit seiner Beobachtungsgabe erfasst, dass Geduld nicht Riedls Sache war, seine Kollegen entging es auch nicht, sie schenkten ihm ein Türschild aus Gummi, nichts anderes hielt seinen sporadischen Wutausbrüchen stand.

Die Ruhe teilte er also nicht mit Lorenz, etwas anderes schon: "Die Kantischen Apriori im Lichte zeitgenössischer Biologie". In diesem Aufsatz hatte Lorenz 1941 zum ersten Mal angedacht, dass die Kategorien, in denen wir Erkenntnis gewinnen, nicht a priori vorhanden sind - wie Kant annahm -, sondern im Lauf der Evolution entstanden, als Anpassung an die Herausforderungen der Umwelt. Diese Idee einer "evolutionären Erkenntnistheorie" wurde von Lorenz und Riedl unabhängig weiter entwickelt, in den 70er Jahren publizierten sie beide, Lorenz in der "Rückseite des Spiegels", Riedl in "Die Ordnung des Lebendigen".

Allzu großen Anklang fand das innerhalb der zuständigen Fakultät nicht - für Riedl ein Grund mehr, die Arbeitsteilung der Wissenschaften und der Philosophie zu kritisieren -, aber es brachte auch das Zusatzproblem, dass die Evolution der Erkenntnis und des Handelns irgendwann und irgendwie stehen geblieben ist respektive der eigenen Leistung nicht hinterher kam: Für Riedl haben wir unsere geistigen Fähigkeiten in Kleingruppen von Jägern und Sammlern erworben und damit am Ende die Massengesellschaft und den Kapitalismus erfunden.

Hier herrschen andere Werte, Riedl erläuterte es oft am Beispiel einer Pavianhorde: "Wenn sie von einer Großkatze angegriffen wird, dann müssen die Oberaffen an die Front. Da werden nicht die Kinder vorgeschickt. In unserer heutigen anonymen Gesellschaft verwenden stattdessen die hochgerangten Individuen ihren hohen Rang, um ihr Risiko zu reduzieren." Riedl nannte das "Adaptierungsmangel" - wir können die alten Werte und Verhaltensweisen nicht so transformieren, dass sie den modernen Bedingungen standhalten -, er suchte den Ausweg in "Bildung", auch in politischer Einmischung - er war in Hainburg mit dabei und im Club of Rome -, er wusste um das Scheitern: "Wir machen alles falsch. Mit geradezu todbringender Konsequenz. Das wirkliche Problem dahinter ist der Turbo-Kapitalismus." So wich er aus, so gut es eben ging, oft in Sarkasmus - eines seiner Bücher trägt den Untertitel "Nachdenken über Gott und die Welt". Und über das Ende: "Wir leben im Brandungsgebiet zweier obsoleter Gesellschaftstheorien: des Marxismus und des Kapitalismus. Leider ist der Marxismus so schnell zugrunde gegangen. Jetzt kann man ja gar nicht mehr darüber reden - es ist, als ob es nur noch eine Gesellschaftstheorie gäbe."

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