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Kulturgeschichte: So schmeckt die Freiheit

23.03.2007 | 22:22 | ANNE-CATHERINE SIMON (Die Presse)

Tabak im Osmanischen Reich: US-Historiker James Grehan hat einen Kulturkampf rekonstruiert – er kommt einem beunruhigend bekannt vor.

Eklige Bilder zerfressener Lungen, schwarzumrandete Todeswarnungen – schlimm sind die Aussichten, mit denen die Gesellschaft derzeit die Raucher konfrontiert, um Nichtraucher aus ihnen zu machen. Aber sie waren schon einmal schlimmer, der US-amerikanische Historiker James Grehan hat hübsche Beispiele in Quellen aus dem Osmanischen Reich aufgestöbert. Demnach werden etwa die Raucher dereinst mit ganz schwarzem Gesicht vor Allah erscheinen, Wasserpfeifen um den Hals; und in ihren Gräbern werden sie brennen, wie der Tabak in der Pfeife.

So hieß es im 17. Jahrhundert, am Höhepunkt des nahöstlichen Kulturkampfes um den schwarzen Dunst. Grehan hat dessen Geschichte im Osmanischen Reich rekonstruiert („The American Historical Review“, 5/2006) und kommt zu einem bemerkenswerten Ergebnis: Der Tabak habe – neben Kaffee und Tee – mehr als alle anderen Produkte dazu beigetragen, dass sich auf dem Gebiet der heutigen Türkei und osmanischen Provinzen wie Syrien oder Ägypten ein „frühneuzeitlicher“ Lebensstil entwickeln konnte.


Frauen rauchen, „ganz wie Männer“!

Ja, gab es denn eine „Frühe Neuzeit“ nicht nur in Europa, sondern auch im Nahen Osten? Grehan ist einer aus der wachsenden Zahl an Historikern, die versuchen, Weltgeschichte neu, gewissermaßen mit „globalisierten“ Augen, zu schreiben. Die Zeit zwischen 15. und 18. Jahrhundert ist hier ergiebig, die wirtschaftliche Verflechtung greift um sich, neue Konsumgüter breiten sich weltweit aus. Für Grehan liegt genau hier der Grundstein für die spätere moderne Konsumkultur und die Globalisierung.

Bis es aber so weit ist, werden noch viele Schlachten geschlagen. Und jene ums Rauchen ist eine der härtesten, gerade im Nahen Osten, zeigt Grehan. Aus der Neuen Welt dringt der Tabak in die Medizin, dann in den Lebensstil, in Holz-, Ton-, Wasserpfeifen (die langen Pfeifen verwenden die Janitscharen dann auch gern als Vehikel für geheime Botschaften). Viele Frauen finden sich unter den frühen Tabak-Enthusiasten, betont Grehan (der ägyptische Gelehrte al-Buzar klagt, sie würden dadurch an Drallheit einbüßen). In Damaskus im Jahr 1750 bemerkt ein Bürger, dass einige Frauen, „größer als Männer“, am Flussufer sitzen und Tabak rauchen, „wie die Männer“.

Aber so friedlich geht es nicht immer zu. Sultan Murad IV. lässt 1633 alle Istanbuler Kaffeehäuser schließen und verbietet das Rauchen, ertappte Sünder lässt er hinrichten. Und in Kairo bricht noch 1699 eine Straßenschlacht aus, weil Teilnehmer einer Pilgerprozession beginnen, rauchende Zuschauer zu verprügeln. Ein Tabak-Verbot folgt aufs andere, alle sind sie kurzlebig und nutzlos. Bis ins 18.Jahrhundert ist der Rauch in fast alle Ritzen der osmanischen Gesellschaft gedrungen. Er ist dort leichter erhältlich, billiger und siegt früher über die staatlichen Autoritäten als in Europa.


Christenverschwörung gegen den Islam

„Der Tabak machte die Suche nach dem Vergnügen öffentlicher, selbstverständlicher, freier“, schreibt Grehan. „Er brachte einen Wendepunkt, zutiefst befreiend und verunsichernd“. Zunächst wegen der krass physischen Natur, dem hedonistischen Beigeschmack dieses Vergnügens, dann auch weil das Rauchen, wie der Kaffee, soziale Hierarchien aufweichte, in Kaffeehäusern tranken und rauchten Beamte mit Arbeitslosen, Künstler mit Lehrern.

Nur so ist auch die Leidenschaftlichkeit der Rauch-Bekämpfer erklärbar. Sie argumentierten praktisch (Feuergefahr), medizinisch (ungesund) und ästhetisch (Mundgeruch), sie brandmarkten Tabak als ungustiös (angeblich hätten Raucher, denen man Pferdedreck statt Tabak gegeben habe, nicht einmal den Unterschied gemerkt); da Tabak nicht im Koran steht, argumentierten sie, dass er ähnlich wirke wie Wein, manche witterten hinter dem Tabak sogar eine christliche Verschwörung gegen den Islam. Er bringe Nichtstun und Lasterhaftigkeit und untergrabe die moralische Ordnung.

Grehan lässt es bei der Geschichte eines Kulturkampfes bewenden – es fällt aber nicht schwer, sie ins Heute weiterzuspinnen und ob der Ähnlichkeit der Argumentationsmuster ins Grübeln zu kommen. Zum Beispiel darüber, ob nicht die Raucherdebatte ein deutlicher Indikator dafür ist, wie es im Match zwischen individueller Freiheit und gesellschaftlicher Gängelung (im Namen wechselnder „Moral“) gerade steht.

Inline Flex[Faktbox] RAUCHEN.„Gesunder“ Tabak

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.03.2007)


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