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Neurowissenschaft: „2:1 für Sigmund Freud“

08.05.2007 | 10:02 |  THOMAS KRAMAR (Die Presse)

Der Traum ist doch eine Wunscherfüllung: Neuropsychologe Mark Solms revidierte bei der Freud-Vorlesung 2007 psychoanalytische Ideen.

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Der Traum ist eine Wunscherfüllung“, das ist der zentrale Satz der „Traumdeutung“. Sigmund Freud selbst schwächte ihn 33 Jahre später, in einer von vielen Revisionen, in einer „Neuen Vorlesung“, ab zu „Der Traum ist der Versuch einer Wunscherfüllung.“ Doch auch in dieser Form schien Freuds These spätestens ab 1977 den meisten Neurowissenschaftlern völlig obsolet.

Damals vollendete J.Alan Hobson sein „activation-synthesis-model“: Danach entstehen der unruhige REM-Schlaf – und mit ihm die Träume – durch periodische Aktivitätsschübe in einem primitiven Teil des Gehirns, der Pons. Das Großhirn versucht, das urtümliche, sinn- und inhaltslose Brodeln, das von unten zu ihm dringt, irgendwie zu deuten, etwas halbwegs Sinnvolles daraus zu synthetisieren: nichts als Schäume.

Diese Ergebnisse trugen dazu bei, dass es zuerst unter Neurologen, dann unter vielen Intellektuellen en vogue wurde, Freud, je nach Neigung, als reinen Philosophen, als Literaten oder Betrüger zu bezeichnen, in Büchern wie „Freudian Fraud“ oder „Why Freud Was Wrong“ wurde mit dem Vater der Psychoanalyse abgerechnet. „Is Freud Dead?“, fragte das Magazin „Time“ 1993.

Auch Mark Solms, Neuropsychologe in Kapstadt, London und New York, würde auf diese Frage wohl nicht mit einem todesverachtenden „Nein“ antworten. Aber er nennt gern das Ergebnis der Abstimmung nach einem Rededuell, das er 2006 bei einem Neurologen-Kongress mit J.Alan Hobson focht, in Zahlen: „2:1 für Freud.“

„Wir schulden Freud eine Entschuldigung“, konstatierte er bei der Wiener Freud-Vorlesung, die seit 34 Jahren am 6.Mai, Freuds Geburtstag, stattfindet. Und er schilderte seine Forschungen ab initio, ab der ersten großen Überraschung, die er 1997 erlebte, als er u.a. bei der Untersuchung von Patienten mit einschlägigen Hirnschäden feststellte: Ein Schaden in der Pons stoppt sehr wohl den REM-Schlaf, nicht aber die Träume. Solms' Zusammenfassung dieser und weiterer Arbeiten: Es gibt REM-Schlaf ohne Träume. Es gibt Träume ohne REM-Schlaf. Träume sind nicht das subjektive Korrelat des REM-Schlafs.


Träume entstehen an höherem Ort

Wesentlich und unabdingbar für Träume, so Solms, sind vielmehr viel „höhere“ Teile des Hirns, im Frontallappen: Bahnen, in denen Impulse über den Neurotransmitter Dopamin laufen. Werden diese Bahnen beschädigt – durch chirurgische Entfernung oder durch Medikamente –, dann träumt der Patient nicht mehr. Er halluziniert auch nicht mehr, dazu vollführte man diese Operation – als schonende Variante der Lobotomie – in den Sechzigerjahren, und ihm fehlt es an Antrieb. Wer die Dopamin-Bahnen verstärkt, etwa durch zu viel Dopa-Einnahme, erlebt zu viele Träume, vor allem Albträume.

Bei der Zusammenschau dieser Befunde muss es den (kritischen) Freudianer Solms gerissen haben: Nennt man das Dopamin-System nicht das Belohnungssystem des Hirns? Ortet man dort nicht die Begierde, das Suchen nach Reizen, die Motive? Passt das nicht wunderbar zur Freudschen Theorie, Träume seien die Erfüllung von (unbewussten) Wünschen? Ja, sagt Solms und stellt die „Minimal-Hypothese“ auf: Das träumende Hirn ist hoch motiviert und von der Realitätskontrolle befreit, aber die Motorik ist stillgelegt. Die Träume passieren statt realem motiviertem Verhalten.

Der Traum ist aber laut Freud auch Hüter des Schlafs, verhindert, dass diverse Leibreize den Schläfer wecken. Er habe zwei Patienten, deren Diagnose diese Sicht zu bestätigen scheinen, sagt Solms: Sie können wegen Ausfalls visueller Zentren nicht träumen – und wachen öfter auf.


Und wozu die Traumarbeit?

Bleibt die Frage der „Zensur“, die Freud in den Träumen walten sah. Warum die Traumarbeit, warum die Verkleidung der latenten Trauminhalte in manifesten? Schläft das Über-Ich nicht auch?

Nicht völlig, meint Solms. Es sei aber geschwächt, so falle die Zensur ziemlich roh aus. Der Traum sei auch als geschwächte Form des Denkens zu verstehen. Geradezu verzweifelte Versuche, eine Realität zu interpretieren und zugleich nicht wirklich zur Kenntnis zu nehmen, fand Solms in einem unheimlichen Fall, den er „The man who lived in a dream“ nennt und nach der Vorlesung erzählte: ein hirnoperierter Mechaniker, der den Neurologen als Mechaniker erkennen will und offensichtlich seine Krankheit bildlich begreift, als Schaden an einem Gerät. Er lebe gleichsam in einem Traum.

„DIE TRAUMDEUTUNG“

„1900“ stand auf dem Cover, doch ausgeliefert wurde das Buch vom Wiener Deuticke-Verlag bereits am 4.11.1899. Als Motto wählte Freud einen Vers aus der Aeneis: „Flectere si nequeo superos, acheronta movebo.“ (Kann ich die Oberen nicht beugen, werde ich die Unterwelt bewegen.) Die Traumdeutung sei „die Via regia zur Kenntnis des Unbewussten im Seelenleben“.

1908, im Vorwort zur 2.Auflage, nannte Freud sein Buch „ein Stück meiner Selbstanalyse“, „meine Reaktion auf den Tod meines Vaters, also auf das bedeutsamste Ereignis im Leben eines Mannes“.

Im siebten Kapitel, „Zur Psychologie der Traumvorgänge“, skizzierte Freud erstmals ein „Bild unseres psychischen Apparats“, noch ohne Es, Ich und Über-Ich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2007)

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4 Kommentare
Aaron Fishhof
08.05.2007 08:37

2:1

ist vermutlich richtig!

Freud hat sicher die Träume zu 2/3 RICHTIG gedeutet,aber es gibt Träume,die nicht in dieses Schema verdrängter Wünsche passen,sondern Visionen der Zukunft sind!

Träumte einmal,dass ein Schulkollege auf einem Fußball-Platz mit Fallschirm hart gelandet ist und sich ein Bein gebrochen hat.

Am nächsten Tag hatten wir ein Fußball-Spiel LEHRER-SCHÜLER und ICH habe mir das Knie schwer verletzt.

Träumte auch vor 2 Jahren öfters,dass ich mein Auto im Ausland nicht mehr gefunden habe.

Bei der Rückreise aus Istrien ist dann einige Tage später der Kühler meines Autos am Loibl-Pass ausgeronnen und mußte abgeschleppt werden etc.

Das ist naturwissenschaftlich noch nicht erklärbar,hängt ab sicher von Morphogenetischen
Feldern außerhalb des Zeitvektors unserer Raumzeit im Interspace der 4.Dimension zusammen ?

Armin Kolovrat vom Berg der Freude


Gast: AEIOU
07.05.2007 21:46

Auf den Hund gekommen.

Mein Hund mich oft bestürzt,
wenn er im Traum die Lefzen schürzt,
er schnarcht und seufzt und murrt,
manchmal kläfft er und knurrt
er schlabbert und auch flatulenzt
ganz ungeniert und nicht begrenzt.
Und Letzteres nährt den Verdacht,
er hat gelebt, was er im Schlaf nun macht.
Und was bewirkt das somnambule Getöse?
Es ist die Sprache vom Gekröse.
Es ist nix Transzendentes, das wir missen,
nur das "Geräusch" des Lebensmotors ist es wie wir wissen.

Antworten Herman
07.05.2007 23:56

Re: Auf den Hund gekommen.

gut so, Hunde sind die besten Freunde

Antworten Antworten Gast: AEIOU
08.05.2007 00:07

Re: Re: Auf den Hund gekommen.

Und möglicherweise die besseren Psychoanalytiker.

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