Wendelin Schmidt-Dengler: Zu unpäpstlich für „Literaturpapst“

Leidenschaftlicher Kenner, Kritiker und Advokat der österreichischen Literatur: Der Germanist Wendelin Schmidt-Dengler ist „Wissenschafter des Jahres“.

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Wäre er Naturwissenschaftler, würde er sein Forscherleben wohl auf die Ermöglichung der Bilokation verwenden. Manche glauben, dass er sie schon jetzt praktiziert: Etwa jener Herr, der erbost im Österreichischen Literaturarchiv anrief, weil er einen angekündigten Vortrag Schmidt-Denglers im Rathaus hören wollte und nun in der Zeitung gelesen hätte, der Herr Professor spreche um dieselbe Zeit in der Nationalbibliothek... Schmidt-Denglers Antwort: Der Herr möge kommen, wohin er wolle, er werde da sein. Und so war es. Das versteht nur, wer die Redegeschwindigkeit des österreichischen Parade-Germanisten kennt – ob in der Literatur oder am Fußballplatz, wo sich der treue Rapid-Fan gerne aufhält. Einmal ließ der ORF ein Spiel Rapid-Austria von Schmidt-Dengler und einem Austria-geneigten Philosophenkollegen im Wettstreit kommentieren – nach allgemeiner Einschätzung ging das Match zugunsten der Germanistik aus.

In der Reihe der „Wissenschafter des Jahres“, die jährlich vom Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten gekürt werden, stehen Philosophie und Germanistik nun einträchtig beieinander: Auf Konrad Paul Liessmann (2006) folgt für das Jahr 2007 der 65-jährige in Zagreb geborene Literaturprofessor und Leiter des Österreichischen Literaturarchivs. Am Dienstag wurde er in Wien für sein Bemühen, die Arbeit seines Fachs öffentlich verständlich zu machen, ausgezeichnet – wie vor ihm und Liessmann schon Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb (2005), Mathematiker Rudolf Taschner (2004) oder die Molekularbiologen Josef Penninger (2003) und Renee Schroeder (2002).

Schmidt-Dengler pflegt erhaltenes Lob gern hastig auf andere abzuwälzen – in diesem Fall auf die Arbeit seiner Fachkollegen, die das öffentliche Image der Germanistik in den letzten Jahren stark gehoben hätten. Bei der Verleihung des Österreichischen Staatspreises für Literaturkritik 1994 hatte er wiederum auf jene verwiesen, die ihm seit der Kindheit beim Umgang mit Literatur geholfen hätten: „Ohne dieses Gespräch über Literatur, allein auf mich angewiesen, wäre ich wohl irgendwo im Bereich der Schundliteratur oder des Kitsches verunglückt...“


Selbst Doderer war beeindruckt

Da war etwa sein Onkel, ein Buchhändler in Graz, der ihm als Erster den Weg statt in die Import-Export-Familienfirma zur Literatur wies – zu Doderer, den Schmidt-Dengler noch persönlich kennen lernte (als habilitierter Altphilologe soll er den Autor beeindruckt haben, indem er ein Homer-Zitat auf Griechisch fortführte), Musil, Herzmanovsky-Orlando, weiter zu Bernhard, Jandl, Mayröcker, Handke. Wenn das öffentliche und fundierte Gespräch über Literatur in Österreich bis heute nicht verstummt ist, verdankt sich das in erster Linie ihm, dafür lieben ihn auch die Autoren. Er habe die Barrieren zwischen der Universität und der kulturellen Szene, zwischen Germanistik und Autoren aufgehoben, sagte der Leiter der Wiener Vorlesungen Hubert Ehalt in seiner Laudatio. Eine Vermittlung der österreichischen Literatur sei ohne ihn nicht denkbar.

Wer so viel auf einmal leistet, dem sieht man auch nach, dass er seine Studenten regelmäßig am späten Nachmittag mit „Guten Morgen“ grüßt (wohl eine Art zu verdrängen, dass die 20 noch für diesen Tag geplanten Unternehmungen nicht alle erledigt werden können). Auch die Leitung des Österreichischen Literaturarchivs ist eine Schmidt-Denglersche Lösung: Aus dem 1996 ausgeschriebenen „Vollzeitjob“ machte das Ministerium eine „Nebentätigkeit“; denn man wollte nicht auf Schmidt-Dengler verzichten, der wiederum nicht auf die Uni.


„Wir brauchen unser Denkhäuschen“

Und die Uni nicht auf ihn. Im „Presse“-Archiv erinnert man sich an den jungen Dozenten Mitte der Siebziger im schon damals vollen Hörsaal – vor Studenten, die die Aufgabe, „Der Hausierer“ eines gewissen Peter Handkes zu lesen, als extravagante Zumutung empfanden. Heute treibt Schmidt-Dengler ausländische Studenten zur Verzweiflung, die nach den ersten Minuten seines Redestrudels resigniert den Stift weglegen; für die meisten anderen ist er ein Lust an der Literatur entfachender Kugelblitz, explosive Mischung von wandelndem, nein rasendem Lexikon und leidenschaftlichem Kritiker. Letzteres in gemütlich-österreichischer Variante. Um zu erkennen, wie unpassend das pathetische Etikett „Literaturpapst“ für ihn ist, muss man ihn nur mit Marcel Reich-Ranicki sehen. In den Neunzigern saßen sie gemeinsam im „Literarischen Quartett“ – sein Gesprächspartner, erzählt Schmidt-Dengler, habe ihm ständig die linke Hand niedergedrückt, um ihn zum Schweigen zu bringen.

Vergeblich natürlich. In Aristophanes' Komödie „Die Wolken“ findet man Sokrates in einer mit Hängematte ausgestatteten Denkhöhle. „Wir brauchen unser kleines Denkhäuschen, auch wenn wir immer wieder hinausgeprügelt werden“, betonte der „Wissenschafter des Jahres“ zwar bei der Dankesrede am Dienstag. Ihn muss man aber gar nicht hinausprügeln, er hält es selbst nicht lang drin aus. Gott sei Dank.

ZUR PERSON

1942 in Zagreb geboren, studierte Schmidt-Dengler Klassische Philologie und Germanistik in Wien. Seit 1989 ordentlicher Professor am Institut für Germanistik, seit 1996 Leiter des Österreichischen Literaturarchivs an der Nationalbibliothek. Trat u.a. als Herausgeber Heimito von Doderers, Fritz von Herzmanovsky-Orlandos, Thomas Bernhards und Albert Drachs hervor.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2008)

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