Embryonale Stammzellen (ESC) sind so begehrt, weil sie pluripotent sind, sich – noch – in alle Zelltypen des (menschlichen) Körpers entwickeln können. Doch die Forschung an ihnen ist in vielen, vor allem in christlich geprägten Ländern umstritten: Denn bei ihrer Gewinnung muss ein Embryo zerstört werden, wenn auch in einer noch so frühen Phase seiner Entwicklung.
Derzeit werden ESC aus Embryonen gewonnen, die bei In-vitro-Fertilisation übrig geblieben sind. Eine andere Möglichkeit wäre es, sie durch Klonen zu gewinnen, also durch Übertragung des Zellkerns einer Körperzelle in eine unbefruchtete Eizelle, wie z.B. weiland beim Klonschaf Dolly.
Doch 1)hat das bisher nicht funktioniert, die Behauptung des Südkoreaners Hwang Woo-suk, ihm sei gelungen, einen menschlichen Embryo zu klonen, wurde 2005 als Fälschung entlarvt. 2)entsteht dabei eben ein Embryo, der nach Entnahme der ESC vernichtet werden muss – schon weil diese ihn nicht unbeschädigt lässt.
Das muss nicht sein, behaupten nun Forscher um Robert Lanza, den Vizepräsidenten der US-Biotechnologiefirma „Advanced Cell Technology“ (ACT), in Cell Stem Cell, Titel: „Human Embryonic Stem Cell Lines Generated without Embryo Destruction“. Entnommen wurden die Zellen dem Embryo in einem ganz frühen Stadium, in dem er nur aus acht Zellen besteht, sog. Blastomeren. Diese sind aus der befruchteten Eizelle durch nur drei Teilungsschritte entstanden: erst zwei, dann vier, dann acht Zellen. Dass die Embryonen trotz Entnahme einer dieser Zellen unbeschädigt und lebensfähig sind, zeigten die Forscher, indem sie sie bis zum Blastozysten-Stadium (mit mehr als 128 Zellen) weiterwachsen ließen, dann wurden die Embryonen eingefroren.
Die entnommenen Zellen konnten im pluripotenten Zustand gehalten werden, dabei half die Zugabe von Laminin, einem Glykoprotein, das in Zellmembranen vorkommt.
Skepsis unter Kollegen
„Biologisch ganz toll“, kommentiert der Wiener Genetiker Markus Hengstschläger, „aber ethisch unklar.“ Wie das? Nun, es fragt sich, ob die entnommene Zelle nicht nur pluripotent, sondern mehr noch, nämlich totipotent ist. Ob sich also aus ihr ein ganzer Embryo (inklusive Plazenta) entwickeln könnte. Wenn das so ist, dann ist diese Zelle potenziell ein Embryo, d.h., mit ihrer Verwendung als Stammzell-Quelle geht ein potenzieller Embryo zugrunde. Das mag nach Haarspalterei klingen, aber so wird nun einmal diskutiert in der Bioethik: Auch gegen die Präimplantationsdiagnostik wurde angeführt, dass die zur Untersuchung entnommenen Zellen die „Potenzialität“ für ein Menschenleben hätten.
Zweiter Kritikpunkt, so Hengstschläger: „Der Beweis, dass der Embryo trotz Entnahme einer Zelle gesund geblieben ist, ließe sich nur dadurch führen, dass man ihn einer Frau einsetzt und austragen lässt. Das wird man nie in einem Experiment erproben können, das wäre ethisch untragbar.“
Kollegen melden auch sachliche Bedenken an: „Man kann nicht garantieren, dass die Prozedur den Embryo nicht schädigt“, sagt Hans Schüler (Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin, Münster). Die angewandte Technik zur Entnahme von Zellen aus den Embryonen (die gleiche wie bei der Präimplantationsdiagnostik) ist überdies in Österreich und Deutschland verboten.
Und Skepsis an Lanzas Behauptungen hat sich bisher bewährt: Schon im August 2006 war in einer Aussendung seiner Firma zu einer Nature-Publikation die Rede von zerstörungsfreier Gewinnung von ESC, da war es aber jedenfalls noch nicht so weit. tk
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2008)

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