Welcher Gott regierte vor Zeus?

Ein Fund auf dem Berg Lykaion deutet darauf, dass es dort einen älteren Kult als den der Olympier gab. Die entdeckten Tonscherben sind etwa 1.000 Jahre älter als die Spuren der Griechen.

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(c) Die Presse (Archiv)

Zeus tötete seinen Vater Kronos, der hatte seinen Vater Uranos getötet, so wird auch am Himmel innerhalb der Sippen um die Macht gekämpft. Und nach außen? Hat Zeus nicht nur das eigene Haus übernommen, sondern auch die Kultstätten früherer Religionen? „Auf der höchsten Kuppe des Gebirges befindet sich eine Erdaufschüttung, der Altar des Lykaischen Zeus. Von dieser Stelle aus ist der größte Teil des Peleponnes sichtbar. Vor dem Altar, zur aufgehenden Sonne hin, stehen zwei Säulen, auf denen sich früher zwei vergoldete Adler befanden. Sie opfern dem Zeus Lykaios auf diesem Altar im Geheimen; mir war es unangenehm, neugierig danach zu fragen, wie es sich mit diesem Opfer verhält.“

Der Berg heißt Lykaion („Wolfsberg“), der Berichterstatter Pausanias (etwa 155n.Chr. bis 180n.Chr.), und die Frage, die er sich verkneift, ist die nach dem Opfer. Mythen berichten (nicht vom Opfer, aber) vom Verzehr von Menschen-, gar von Götterfleisch: Ein gewisser Lykaon habe Zeus solches Fleisch vorgesetzt, in einer Variante ordinäres Menschenfleisch, in einer anderen Fleisch eines Sohnes („Arkas“, wie Arkadien), den der Gott mit der Nymphe Kallisto hatte. Die Rache war hart, Zeus schleuderte Blitze in den Palast des Lykaon und verwandelte den selbst in einen Wolf. Darauf nahm später ein Ritual Bezug, in dem junge Männer auf dem Berg gemeinsam einen Eintopf löffelten, in dem ein Stück Menschenfleisch war. Wer das in den Mund bekam, wurde für einige Jahre zum Werwolf.

Man deutet das als Metapher für einen temporären Ausschluss gefährlicher Gesellschaftsmitglieder, und aus der gesamten griechischen Antike gibt es keine Funde, die auf Menschenopfer deuten. Gab es sie in früheren Religionen, irgendwoher müssen die Mythen ja kommen? Auch darauf deutet nichts, aber immerhin deutet nun etwas darauf, dass es auf dem Lykaion, einem der höchsten Heiligtümer des Zeus, lange vor ihm die Kultstätte einer Religion gab, die von ihm übernommen wurde.


Repräsentant(in) von Sturm und Beben?

Und zwar mit hoch emotionalen Mitteln: „Lykaion ist einer der mythologischen Geburtsorte von Zeus, der andere ist in Kreta“, berichtet David Gilman Romano (Penn State University), der seit einigen Jahren am Berg gräbt (zuletzt waren Archäologen zu Beginn des 20.Jahrhunderts dort). Er hat an den Resten des Zeus-Altars Tonscherben gefunden, die 5500 Jahre alt sind – die Griechen, und mit ihnen Zeus, kamen erst vor 4500 Jahren aus dem Norden. Wer vorher dort war, ist nicht klar, klar hingegen ist, dass die 1420 Meter hohe Bergspitze für eine Siedlung zu rau war. Für ein Heiligtum nicht. Wen hätte man verehren sollen? „Das wissen wir noch nicht“, erklärt Romano: „Es könnte in Zusammenhang mit Naturphänomenen wie Sturm, Gewitter oder Erdbeben gestanden sein, ein Gott – oder eine Göttin – könnte diese Naturgewalten repräsentiert haben“ (www.museum.upenn.edu).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.02.2008)

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