11.02.2012 22:40 | Meine Presse Merkliste0

Migranten leiden am Verlust der eigenen Sprache

26.02.2008 | 19:07 |  INGE KORNECK (Die Presse)

„Bildungserfolg bei Sprachtod?“ Linguistin Katharina Brizic untersucht auch die Situation in den Herkunftsländern wie der Türkei.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

„Sprachtod“, erklärt die Linguistin Katharina Brizic, „heißt, dass eine Sprachgemeinschaft ihre Sprache aufgibt und zu einer neuen wechselt. Das kann sehr langsam gehen: Eine Sprache verliert zunächst an Prestige, wird daher von manchen Eltern nicht mehr an die Kinder weitergegeben. Dieser ,Schutzmaßnahme‘ schließen sich nach und nach immer mehr Eltern an, um ihren Kindern einen besseren Start in die Gesellschaft zu ermöglichen oder sogar um sie vor Diskriminierung zu schützen – bis schließlich die aufgegebene Sprache von niemandem mehr wirklich beherrscht wird.“

Dieses Phänomen untersucht Brizic im vom Wissenschaftsfonds (FWF) geförderten Projekt „Bildungserfolg bei Sprachtod?“ – vor allem an einem gesellschaftlich brisanten Fall: Wie wirkt sich Sprachtod auf den Bildungserfolg von Migrantenkindern aus Ex-Jugoslawien und der Türkei aus? Ein verblüffendes Ergebnis ihrer bisherigen Arbeit: „Ausgerechnet jene Kinder sind in Deutsch am besten, deren Eltern zu Hause ihre eigenen Sprachen sprechen, also auch an ihre Kinder weitergeben.“ Es dürfte unerheblich sein, wie mit den Kindern gesprochen wird, Hauptsache, es wird gesprochen, erzählt, gelesen, vorgelesen. Wichtig sei vor allem, dass das „Sprachmaterial“, das von den Eltern an die Kinder übergeht, reichhaltig ist. Üblicherweise ist das eben in der Sprache der Fall, die die Eltern am besten können. Kinder können dann mit Sprache insgesamt besser umgehen – also auch mit Deutsch.

Warum aber geben Migranten ihre Muttersprachen auf? Und in welcher Sprache wird in den Familien wirklich gesprochen? Das wird nicht nur durch die Situation im Aufnahmeland bestimmt (z.B. durch mangelnde Anerkennung und Förderung von Zweisprachigkeit) sondern auch durch die Bildungs- und Sprachpolitik des Herkunftslandes. Das konnte Brizic in ihrem Buch „Das geheime Leben der Sprachen“ zeigen.

So wurden etwa im ehemaligen Jugoslawien den Roma lange sprachliche und bildungspolitische Rechte vorenthalten. Ihre Sprache wurde und wird bis heute deshalb weniger an die Kinder weitergegeben.

Um die Sprachsituation der türkischen Einwanderer zu verstehen, muss man bedenken, dass in der Türkei im 20.Jahrhundert eine große Sprachreform stattgefunden hat – mit dem Hauptanliegen, eine Staatssprache zu entwickeln, die das Osmanische der Oberschicht mit den türkischen Dialekten der Landbevölkerung verbindet: Daraus ist das moderne „Neutürkische“ entstanden. Für die Landbevölkerung, die weitgehend nicht lesen und schreiben konnte, war es schwierig, an der Reform teilzunehmen – nach wie vor unterscheidet sich daher die türkische „Volkssprache“ von der Sprache der Bildungsschicht erheblich, und ihr Prestige ist gering. Dazu kommt der Reichtum der Türkei an Sprachen: Die Forschung nennt bis zu 40, darunter Turksprachen (z.B. Turkmenisch, Azeri, Kirgisisch, Kasachisch, Uigurisch, Usbekisch), indoeuropäische Sprachen (z.B. Bulgarisch, Pomakisch, Albanisch, Romani, Kurdisch, Zaza, Armenisch), kaukasische Sprachen (z.B. Awarisch, Tschetschenisch, Abchasisch), semitische Sprachen (Arabisch, Assyrisch). Großteils waren diese Sprachen aber offiziell nicht anerkannt.

Wie vor diesem Hintergrund die Sprachweitergabe von einer Generation an die nächste in der Migration vor sich geht, das will Brizic empirisch untersuchen – und auch Familien in den Herkunftsländern selber einbeziehen, die dort vom Land in die Stadt gezogen sind. Konkret: Binnenmigranten, die aus der östlichen und zentralen Türkei nach Istanbul abgewandert sind. Genau die Gruppe, aus der die meisten unserer türkischen Einwanderer kommen: Menschen, die aus wirtschaftlichen Zwängen die eigene Region verlassen und dabei oft ihre eigene Sprache zurückgelassen haben.

TAGUNG: Sprachförderung

An der Uni Wien findet am 28. und 29.2. eine Fachtagung über „Nachhaltige Sprachförderung“ statt (www.sprachenrechte.at). Öffentliche Podiumsdiskussion (mit Ministerin Schmied): Fr., 15.30 Uhr, Uni-Campus, Wien 9, Spitalgasse 2, Hof 2

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2008)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*


Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

7 Kommentare
0 0

Sprachtod und Sprachverarmung

sollte uns eigentlich nur bei unserer Muttersprache interessieren - dem geliebten Deutsch, das heute so verkommt.

Gast: Ludwig Ammer
27.02.2008 14:18
0 0

Ja eh!

Bin ja eh dafür, daß in Mitteleuropa kein Nazitürkisch gelehrt werden darf für eine türkische Matura, aber daß mit der guten Pflege der Regionalsprache aus Anatolien bessere Souveränität in der gelebten Landessprache Deutsch erworben wird. Dafür haben wir uns so lange schimpfen lassen. Aber gegen Slowenisch in Kärnten bin ich trotzdem, weil das auch ein nur 150 Jahre alter nationalistischer Schmarrn mit Hatschek ist, der die Kinder vom guten Erlernen einer sauberen slawischen Sprache wie Polnisch abbringt. Wir sind viele alte Kaschuben im Alpenraum. Meinem Sohn vermittle ich keine Zigeunersprache und wenige Hebräismen, weil ich als Kind völlig meschugge gemacht worden bin mit jiddischer Grammatik (zu allem Überfluß), Hebräismen und verschiedenen jenischen Richtungen. Wir üben Englisch und in den nächsten Jahren will ich mit ihm Polnisch langsam dazunehmen. Dann unterrichtet die Mama zwei Jahre früher als ein Gymnasium Latein, und dann kann er sich taufen lassen, um Priester zu werden.

Antworten Gast: katharina
27.02.2008 18:19
0 0

Re: Ja eh!

verstehe den kommentar von ludwig ammer leider nicht

Antworten Antworten Gast: Ludwig Ammer
29.02.2008 15:24
0 0

Re: Re: Ja eh!

Eine Katharina muß doch vom Radl ebbs verstehen. Ich meine ja nur, daß es viele Gründe für bewußten Sprachverlust gibt. Für mich war das in der Kindheit zu viel, daß ich von der Noagerloma jiddische Grammatik eingetremelt bekommen habe, bevor ich die deutsche richtig erlernen durfte. Von beiden Großvaterseiten waren Korbmacher- und Zigeunerwelten neben dem Niederbayerischen, was man für die Umwelt können mußte. Hebräismen sind für mich nur noch als Urgrund des Jenischen wichtig, aber den ganzen Jiddenquark möchte ich am liebsten aus meinem Hirn reißen, so wie ich mir die mit Meerzwiebelsalbe am Schabbeß einmassierten Teffilin psychologisch abnehmen lassen habe. Diese jiddische Überfrachtung mit Schmäh von Drusen bis Kopten war ja nur geeignet, mir als Kind Todesangst einzujagen. Meinem Sohn vermittle ich nur noch hebräische Wortstämme, die er allgemein braucht, aber niemals jenische Redewendungen oder jiddische Grammar. Ein Mungenastarchiv in Landeck kann man sich schon einmal anschaue

Gast: wolfgang
27.02.2008 12:47
0 0

Ein wichtiger Beitrag

gegen Vorurteile und Vorverurteilungen. Ich wünsche dem Projekt größtmöglichen Erfolg!

Yeschiil
26.02.2008 20:22
0 0

Wirklich..

schöner artikel, mit viel Wissen dahinter.
leider wissen sehr wenige den Reichtum der türkischen Sprache.
Ist sehr interessant. Dei Türkei türken verstehen die uigur türken weit sehr gut, aber bei den Kasach türken ist es nicht der Fall, dabei ist Kasachstan näher.

Antworten Gast: katharina
27.02.2008 10:39
0 0

Re: Wirklich..

Danke für den super Kommentar! Ich bin diejenige, die die Untersuchung macht, und freue mich immer, wenn jemand von diesem ungeheuren Sprachreichtum der Türkei weiß. Leider ist das wirklich viel zu wenig bekannt ...