Wie war das Wetter in den letzten 224.000 Jahren in Zentralchina, wie oft und wie stark kam der Monsun? Es ist alles archiviert, tief unter der Erde, man muss es nur finden und lesen können, das „versteinerte Wasser“. So nennt Dominik Fleitmann (Geologie, Uni Bern), was in Tropfsteinhöhlen von der Decke und aus dem Boden wächst, „Speläothem“ nennt er es unter Fachkollegen, „Höhlensinter“. Der ist die neueste Quelle für Paläoklimatologen, die einmal mit Baumringen begonnen haben und später Eisbohrkerne zogen. Aber Baumringe führen nicht weit zurück, und Eisbohrkerne gibt es nur dort, wo es tiefes Eis gibt, in den Gletschern Grönlands etwa.
Alle 23.000 Jahre bringt Wärme Nässe
Tropfsteinhöhlen hingegen gibt es überall, ihre Zeugnisse reichen weit zurück – der Rekordhalter begann vor 600.000 Jahren zu wachsen – und lösen zugleich extrem fein auf: Von Jahr zu Jahr zeigen die Wachstumsringe aus Kalziumkarbonat, wie viel Kohlendioxid aus dem Sickerwasser in sie eingegangen ist, also: Wie viel Regen oben auf die Erde fiel. Ganz so einfach ist es nicht, Vegetation und Böden spielen mit, auch die Höhlen selbst. Am besten vergleicht man Steine aus mehreren Höhlen einer Region, Yongjin Wang (Nanjing) tut es seit Jahren in der chinesischen Provinz Hubei. – In einer der Höhlen ist er nun 224.000 Jahre in die Tiefe gedrungen, er hat eine alte Hypothese bestätigt: Der Monsun schwankt in einem Rhythmus von 23.000 Jahren. Diktiert wird dieser Rhythmus vom jeweiligen Einfall des Sonnenlichts auf die Nordhalbkugel der Erde. Der ist nicht immer gleich, die Erde kreist nicht in einem exakten Kreis um die Sonne, zudem ist ihre Achse nicht immer gleich geneigt. Kommt alle 23.000 Jahre alles so zusammen, dass der Norden der Sonne nahe ist, wird der Monsun stark, ist der Norden von Eiszeiten vergletschert, schwächt er sich ab (Nature, 451, S.1090).
„Dieser Datensatz ist wirklich außergewöhnlich“, erklärt Fleitmann, In den Details allerdings gibt es viele Sprünge, auch und gerade sie versprechen Spannendes. Fleitmann selbst hat es früher an Material aus dem Oman gezeigt: Im Jahr 540 kam über die arabische Halbinsel eine extreme Trockenheit mit politischen Wirren im Gefolge: Der Forscher vermutet, das sei der Hintergrund des Aufstiegs des Islam gewesen.
Tropfsteine (Speläotheme) bilden sich durch das Kohlendioxid, das mit dem Regenwasser kommt. Mit daraus gebildetem Kalziumkarbonat setzten die Steine aus Wasser Jahresringe an: Sie archivieren den Niederschlag. Datieren kann man sie anhand von eingelagertem Uran.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.02.2008)
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