In einem antiken Kindergrab in Halbturn machten Archäologen einen sensationellen Fund: ein Amulett aus Goldblech, versehen mit einem jüdischen Segensspruch. Es stammt aus dem frühen 3. Jahrhundert n.Chr., ist damit das älteste jüdische Fundstück Österreichs – ein eindeutiger Hinweis darauf, dass bereits in der römischen Kaiserzeit Menschen jüdischen Glaubens in unserem Raum lebten.
„???A ????A?? A???? ???? ???? ?“ (das letzte A steht für 1) – zu Deutsch: „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer“ lautet die Inschrift, ein in griechischen Buchstaben geschriebener hebräischer Text. „Das Zitat stammt aus 5 Moses 6,4, es ist Teil des ,Höre Israel‘, das Juden im 3.Jahrhundert wie heute als zentrales Bekenntnis sprechen,“ sagt der Judaist Armin Lange. „Sie betonen damit die Einheitlichkeit Gottes gegenüber der Vielfalt antiker Götter und der Dreifaltigkeit des christlichen Gottes. Judentum bedeutete und bedeutet: Gott ist einer! Das ,Höre Israel‘ findet sich in jüdischen Gebetskapseln und den Mezuzot. Das sind Kapseln, die in der Antike an den Türen jüdischer Haushalte befestigt wurden. Sie sollten sie Unheil und Dämonen fernhalten.“
Erzeugt von einem jüdischen Magier
Wer den Text des „Höre Israel“ liest, denkt nicht an Abwehr von Dämonen. „Nur für Juden, die in der Antike zu diesem Zweck Kapseln mit der Inschrift an ihre Türpfosten hängten, konnte ein Amulett mit diesem Text Sinn machen,“ erklärt Lange. Er vermutet, dass das Halbturner Amulett von einem jüdischen Magier für einen Juden hergestellt wurde. „Andere griechische Amulette aus dem nahen Carnuntum machen wahrscheinlich, dass dieser Magier in Carnuntum gelebt hat. Das Halbturner Amulett ist damit das älteste Zeugnis jüdischen Lebens in Österreich. Ob das Kindergrab selbst ein jüdisches Grab ist, können wir nur vermuten, aber nicht beweisen.“
Bisher war die Präsenz von Juden auf österreichischem Boden erst ab dem 9.Jahrhundert bezeugt – in mittelalterlichen Texten. „In den Teilen der Provinz Pannonien, die heute zu Ungarn, Kroatien und Serbien gehören, waren Juden aber schon im Altertum ansässig“, erklärt Altertumskundler Hans Taeuber: „Davon zeugen Grabsteine und Kleinfunde, vor allem Inschriften, die Synagogen oder Gebetshäuser erwähnen.“ Amulette wie dieses seien im ganzen Römischen Reich üblich gewesen – sie sollten vor Krankheiten oder Bedrohungen schützen. „Auch in Carnuntum fand man Amulette. Eines ruft Artemis an, die gegen die Migräne-Dämonin Antaura einschreiten soll.“
Das Gräberfeld selbst wurde 1986 durch einen Zufall entdeckt. „Beim Pflügen hatte ein Arbeiter am Wittmannshof (einer Weingartenanlage nahe Schloss Halbturn) eine Grabplatte aus der Erde gerissen. Das Burgenländische Landesmuseum veranstaltete daraufhin sofort eine Notgrabung und barg zwei der jüngeren Gräber. Das ist sehr sauber geschehen,“ erzählt Projektleiter Falko Daim, heute Generaldirektor des Römisch-Germanisches Zentralmuseums Mainz.
300 Gräber aus 300 Jahren
Daim erkannte die Chance auf weitere Fundstücke und beantragte ein FWF-Projekt. „Von 1988 bis 2002 haben wir 300 Gräber ausgegraben. Das Gräberfeld liegt westlich eines römischen Gutshofes (villa rustica). Mit Hilfe modernster Prospektionsmethoden (Erkundung archäologischer Stätten ohne Grabung, z.B. durch Messung des Bodenwiderstands) konnten wir genaue Pläne seiner Gebäude anfertigen. Der Gutshof zeigt sich als autarker landwirtschaftlicher Betrieb, der sein Überleben durch Ackerbau und Viehzucht sicherte,“ so Daim.
Rund 300 Jahre – von der Mitte des 2. bis zur Mitte des 5.Jahrhunderts – war das Gräberfeld „in Betrieb.“ „Die Gräber mit ihren Ausstattungen zeigen ein durchdachtes System, das für jeden Menschen einen festen Platz in der Gesellschaft bietet,“ erklärt die Archäologin Nives Doneus. Tote Säuglinge oder Behinderte wurden etwa nicht verbrannt – was bedeutet, dass sie nicht ganz in die Gemeinschaft integriert waren. „Auch das Kind, dem das Amulett gehörte, war nicht verbrannt worden. Es ist das Skelett eines ein- bis zweijährigen Kindes, das in einer Sargkiste aus Holz bestattet ist. Neben dem Amulett fanden wir die übliche Grabaustattung: Eine Münze, Ein Tongefäß, ein Glasgefäß, eine Tonlampe. Alles Dinge von denen die Hinterbliebenen dachten, der Verstorbene würde sie brauchen“, sagt Doneus.
Auffallend ist die aufwendige Gestaltung des Grabs. „Die Grube ist riesig – dreimal so groß wie das Kind. Die Frage ist: Wieso tut man sich so viel Arbeit an? Es hat wohl etwas mit besonderer Wertschätzung zu tun. Man könnte spekulieren, dass es eine wohlhabende Familie war, die genug Geld hatte, so ein Amulett zu erwerben? Aber, wie gesagt, das sind Spekulationen.“
In Halbturn, einem Ort im burgenländischen Seewinkel, wurde von 1988 bis 2002 ein Gräberfeld aus der römischen Kaiserzeit archäologisch untersucht, der Bestattungsplatz eines römischen Gutshofs (villa rustica) – in der Provinz „Pannonia“, die von 9 bis 433 n.Chr. bestand.
Eine silberne Amulettkapsel, die in „Grab 17“ im Halsbereich eines Kinderskeletts gefunden wurde, enthielt einen 2,2 Zentimeter langen, eingerollten, auf Griechisch beschrifteten Streifen aus Goldblech, der erst 2006 entdeckt wurde.
Bei der Ausstellung „Bernsteinstraße“ im Burgenländischen Landesmuseum ab April 2008 wird das Amulett zu sehen sein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2008)

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