In Kastilien und auf den Kanarischen Inseln suchten Hitlers Ahnenforscher nach Vorfahren der „arischen Rasse“ – in Zusammenarbeit mit Spaniern. Laut Francisco Gracia (Historiker, Universität Barcelona) kooperierte der oberste Archäologe des Franco-Regimes, Julio Martínez Santa Olalla, eng mit Heinrich Himmlers Stiftung „Deutsches Ahnenerbe“. Der Deutschland-Freund wollte die spanische Geschichte unter Berufung auf die Westgoten „arisieren“.
Nazi-Forscher hatten reges Interesse an Spanien, wo die Spurensuche nach dem „Urarier“ begonnen hatte. Mitte der 30er-Jahre machte das Frobenius-Institut Expeditionen in Höhlen Nordspaniens, und „Ahnenerbe“-Mitgründer Hermann Wirth interessierte sich für die Kanarischen Inseln. Seine Theorie: Sollte der „Urarier“ von dem im Atlantik versunkenen Atlantis stammen, lebten vielleicht Nachfahren auf den spanischen Vulkaninseln vor Afrika. Himmler selbst vermutete in Spanien den Quell aller genetischer Überlegenheit – und des ewigen Lebens: 1940 reiste er nach Barcelona und besuchte das Kloster Montserrat, wo er den Heiligen Gral vermutete. Der SS-Chef soll von der arischen Abstammung von Jesus Christus überzeugt gewesen sein und in dem Kelch Kräfte vermutet haben, die zum Sieg des Weltkrieges führen würden.
Westgotische Nekropole
Bei Himmlers Spanienvisite zur Vorbereitung des Hitler/Franco-Treffens am 23.Oktober1940 kam es zum entscheidenden Kontakt für die archäologische Zusammenarbeit: Santa Olalla war abgestellt, den Gast aus Deutschland zum Palast von PhilippII. in El Escorial bei Madrid und in den Prado sowie zum Archäologischen Nationalmuseum zu begleiten. Begeistert von der fachkundigen und germanophilen Betreuung lud Himmler den Spanier nach Berlin ein.
Als größtes gemeinsames Projekt begann man die Ausgrabung der westgotischen Nekropole Castiltierra, 100 Kilometer nördlich von Madrid. Himmler wurde eingeladen, kam aber nicht, sondern sagte unter Hinweis auf die „derzeitigen militärischen Operationen“ in Russland ab. Stattdessen engagierte sich „Ahnenerbe“-Archäologe Herbert Jankuhn auf der spanischen Grabung. Bronzene Grabbeigaben wurden anschließend zur Restaurierung nach Berlin geschickt, da in Spanien die entsprechenden Labors nicht vorhanden waren.
Bald schlief die Zusammenarbeit wieder ein: Himmler konzentrierte die „Ahnenforschung“ auf Osteuropa, Hitler war verärgert über Francos Nichteintritt in den Weltkrieg. Dass sich spanische Historiker nun erst der Sache widmen, hat mit der spanischen Vergangenheit zu tun: Bis vor wenigen Jahren war die Beschäftigung mit dem Franco-Regime tabu, um keine „alten Wunden“ aufzureißen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2008)

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