Programme, die mit offenen Karten spielen

SOFTWARE. Der Code ist bekannt, die Breite der Anwendungsmöglichkeiten oft weniger. Auch für KMU finden sich in der Vielzahl der Open-Source-Programme interessante Lösungen.

Open-Source-Software kann und darf, da der Quellcode des Programms für jedermann einsehbar ist, frei an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden. Für Nichtprogrammierer noch interessanter ist aber, dass diese Programme meist ohne Lizenzgebühren verfügbar sind und Unternehmen daher durch deren Einsatz oft erhebliche Kosten einsparen können. Zwar ist Open Source für so manchen Verfechter eine Frage der Weltanschauung, doch selbst Anwender, die das Windows-Betriebssystem des „Ober-Bösewichts“ Microsoft nutzen, dessen Quellcode – wie der der meisten kommerziellen Lösungen – unter Verschluss gehalten wird (Closed Source), können vom Angebot an Open-Source-Programmen profitieren.


Etablierte und neue Lösungen

„Fast überall, wo Closed-Source-Software eingesetzt wird, gibt es auch Open-Source-Alternativen“, erklärt IT-Consultant Georg Melzer die breite Palette der Anwendungsmöglichkeiten. Am bekanntesten sind jene Lösungen, die den Grundstein für die Ende der 90er-Jahre aufgekommene Open-Source-Bewegung legten: die Betriebssysteme Linux und die Unix-Familie, zu deren jüngsten Töchtern Open Solaris von Sun Microsystems zählt. Neben den Klassikern wie dem MS-Office-Konkurrenzprodukt Open Office und dem Bildbearbeitungsprogramm Gimp umfasst das Open-Source-Angebot auch Neuheiten wie 7-Zip, ein alternatives Zip-Programm mit hoher Komprimierungsrate, oder Asterisk, eine im digitalen wie analogen Netz einsetzbare VoIP-Telefonanlage.

Relativ etabliert ist Open Source im Server-Bereich – Apache, Tomcat und Jboss seien hier erwähnt – und bei Datenbanksystemen wie MySQL oder PostgreSQL. Für die E-Mail-Kommunikation empfiehlt sich Spamassassin als Spamfilter, und als Mail-Server können Postfix, Qmail und Courier Mail Server eingesetzt werden. Selbst im Enterprise Resource Planning (ERP) gibt es zum Platzhirsch SAP leistungsfähige Open-Source-Alternativen wie etwa Compiere.


Einsatz in KMU

„Neben einzelnen Programmen kann Open Source in KMU auch auf breiterer Basis eingesetzt werden“, erklärt Herbert Hofmann, Sprecher der in der Wirtschaftskammer angesiedelten Open Source Experts Group. Wer beispielsweise als Betriebssystem Linux gewählt hat, dem stehen automatisch für fast alle Bereiche (Mail-, File-, Webserver etc.) Open-Source-Lösungen zur Verfügung. Für einen so ganzheitlichen Ansatz ist jedoch das Bewusstsein selten vorhanden, denn, so Hofmann, „KMU sehen in erster Linie die Lösung, und nicht die Technologie, die dahintersteht“. Für Alexander Schatten, der sich als freiberuflicher Consultant und Universitätsassistent an der TU Wien mit der Materie beschäftigt, ist der Open-Source-Einsatz klar branchenabhängig und speziell für IT- und wissensbasierte Unternehmen ab dreißig Mitarbeitern interessant. Doch um die Früchte der Transparenz ernten zu können, ist Vorarbeit nötig, und zur Systemeinführung sollten Experten herangezogen werden. Melzer: „Ein guter Berater wird die Geschäftsprozesse analysieren, Software-Anforderungen feststellen, Open- und Closed-Source-Lösungen vergleichen – und dann häufig zu dem Schluss kommen, dass ausgelagerte Mail- und Serverdienste für KMU am günstigsten sind.“

Nicht zuletzt ist auch der Sicherheitsfaktor bei der Entscheidung für die Open-Source-Variante ein Argument, denn diese ist weniger häufig Opfer der meist auf Windows-Systeme ausgerichteten Virenattacken. Und schließlich hat auch die Geldbörse ein Wörtchen mitzureden. „Open-Source-Lösungen bieten für Unternehmen Kostenvorteile, weil Lizenzgebühren und verpflichtende Updates wegfallen“, sagt Hartmut Müller, Geschäftsführer der Raiffeisen Informatik GmbH und Gründer des ersten österreichischen Open-Source-Vereins OSSBIG.at. Er hebt auch die höhere Flexibilität hervor: So werden Anwendungen genau an das Unternehmen angepasst und nur jene Komponenten installiert, die der Nutzer auch tatsächlich benötigt. Unabhängigkeit ist ein weiteres Argument. Da das Unternehmen das System selbst in der Hand hat, kann es nach Belieben Veränderungen durchführen. „Das Know-how bleibt im Haus – muss aber dort auch aufgebaut werden. Innovationswille im Management ist die Voraussetzung für Open Source“, so Schatten.

WISSEN. Open Source

Open Source, zu Deutsch offener Quellcode, bedeutet, dass der Programmiercode zur Betrachtung freigegeben ist. Diese quelloffene Software kann (je nach Lizenzbedingungen) in veränderter oder unveränderter Form benützt, vervielfältigt und verbreitet werden. Software, deren Programmiercode nicht bekannt ist, wird unter dem Begriff Closed Source zusammengefasst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.05.2008)

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