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Kunststoffe aus der Natur: Wie sich Bio-Plastik durchsetzen soll

10.06.2008 | 20:02 | MARTIN KUGLER (Die Presse)

EU-PROJEKT. Ein europaweites Forschungsprojekt wird von Österreich aus geleitet.

Kunststoffe sind – wie der Name sagt – künstlich hergestellte Materialien, die praktisch zu 100 Prozent aus Erdöl oder Erdgas produziert werden. Das muss aber nicht in alle Ewigkeit so sein, denn Kunststoffe können auch aus nachwachsenden Ressourcen produziert werden. Vereinzelt sind solche „Bio-Kunststoffe“ bereits auf dem Markt. Etwa in Form von Supermarkt-Sackerl aus Stärke. Stark im Kommen ist nun „Polymilchsäure“ – auf englisch „polylactic acid“, daher die Abkürzung PLA. Dieses Material ist – wegen der steigenden Ölpreise – schon nahe an fossilen Pendants.

PLA besteht aus Milchsäure-Molekülen, die mit Hilfe eines Katalysators bei höheren Temperaturen zu langen Ketten zusammengebaut („polymerisiert“) werden. PLA hat ähnliche Eigenschaften wie PET, es eignet sich daher sehr gut für Lebensmittel-Verpackungen. Es gibt aber einige Unterschiede: Zum einen ist PLA biologisch abbaubar, zum andern verträgt es aber keine so hohen Temperaturen. „In einen Becher aus PLA können sie keinen heißen Kaffee eingießen“, sagt Alexander Komenda, Experte bei Ecoplus, der NÖ Wirtschaftsagentur. Nachsatz: „Noch nicht.“ Denn eines der Ziele des Forschungsprojektes „Biokunststoffe PLA“ ist die Erhöhung der Temperaturbeständigkeit. An diesem Projekt sind 70 Firmen und elf Institute aus sechs EU-Staaten beteiligt. „In Österreich ist das Interesse mit rund 20 beteiligten Unternehmen besonders groß“, sagt Komenda, der das mit 1,6 Millionen Euro dotierte Projekt koordiniert.

„Unser Ziel ist es, PLA den Verarbeitern europaweit vertraut zu machen.“ Mittlerweile seien ausreichende Mengen an PLA erhältlich, zur breiten Durchsetzung fehlen aber noch einige Dinge. Das beginnt dabei, dass man zwar mit den traditionellen Verarbeitungsmethoden wie Spritzgießen, Tiefziehen, Blasformen oder Extrusion arbeiten kann, aber nicht auf den herkömmlichen Maschinen. Die Verfahren müssen vielmehr adaptiert werden. Ein weiteres Hindernis ist, dass bislang Standards für den Markt fehlen. Komenda: „Da zögern alle noch.“


Mit Verpackung auf den Kompost

Das dürfte auch damit zusammenhängen, dass noch nicht alle Fragen geklärt sind. Eine Gemüseverpackung beispielsweise muss viele Funktionen erfüllen. So muss sie eine gewisse Dampfdurchlässigkeit haben, damit das Gemüse nicht schwitzt. Zu viel Wasserdampf darf aber auch nicht durchgehen, ansonsten trocknet das Gemüse aus. Auch Ethylen-Ausdünstungen müssen beherrscht werden: Reifes Obst gibt dieses Gas ab und führt bei umliegenden Früchten zu einer schnelleren Reife. Daher führen reife Bananen in einer Obstschale dazu, dass Äpfel schnell gatschig werden. Solche Fragen über die Wechselwirkungen zwischen Verpackung und Lebensmitteln werden vom Österreichischen Forschungsinstitut für Chemie und Technik (Ofi) untersucht.

Fossile Kunststoffe können damit umgehen, denn sie sind schon seit seit Jahrzehnten bekannt und wurden für viele Spezial-Anwendungen weiterentwickelt. „PLA ist noch ein junger Kunststoff“, so Komenda. Und weiter: „Wir müssen in ein paar Jahren 40 Jahre Entwicklung aufholen.“

Ein zentraler Punkt bei der Forschung ist biologische Abbaubarkeit – der größte Vorteil von Bio-Kunststoffen. Dass PLA bei geeigneten Bedingungen kompostierbar ist, reicht alleine nicht aus. Auch die anderen Bestandteile der Verpackung – von Weichmachern bis Druckfarben – müssen es sein. Gesichert werden muss weiters, dass Bio-Abbaubarkeit auch bei der Verarbeitung erhalten bleiben. Die Bio-Abbaubarkeit könnte sich zudem bisweilen als Nachteil erweisen: So soll nun geklärt werden, ob Joghurt-Bakterien Geschmack an PLA finden und es mit der Zeit auffressen könnten.

Kompostierbare Verpackungen haben für die Industrie und den Handel großen Charme: Abgelaufene Nahrungsmittel könnten ohne aufwendiges Auspacken direkt kompostiert werden. Bloß: Das ist derzeit verboten. „Bio-Kunststoff ist per Gesetz ein Kunststoff und darf nicht in die Biotonne“, erläutert Komenda. Er bringt für diese kuriose Regelung auch Verständnis auf: „Der Verbraucher kann den Unterschied nicht erkennen“, sagt er. Ändern will Kommenda diesen Zustand freilich schon: „Wir wollen mit Kompostierern und Recyclern eine Diskussions-Plattform aufbauen.“


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