„Das war ein extremer Glücksfall“, sagt Franz Humer, wissenschaftlicher Leiter des Archäologischen Parks Carnuntum. In den laufenden Ausgrabungen im Thermen-Bezirk der römischen Stadt wurde ein hölzerner Wasserbehälter gefunden, der zur Überraschung aller vollständig erhalten war. Der Brunnenkasten besteht aus 1900 Jahre alten Eichenbohlen, ein Steigrohr in der Mitte ist aus einem in zwei Hälften geschnitten Fichtenstamm gefertigt, der innen ausgehöhlt und dann wieder zusammengefügt wurde.
Holz hat in unseren Breiten normalerweise keine allzu lange Lebensdauer – anders als etwa in der ägyptischen Wüste, in der regelmäßig antike Holz-Gegenstände ausgegraben werden. Denn Feuchtigkeit und Sauerstoff lassen Mikroorganismen sprießen, die Lignin und Zellulose immer stärker abbauen, bis nichts übrig ist. Damit Holz Jahrtausende erhalten bleibt, muss es entweder staubtrocken oder ganz nass sein, erläutert Michael Grabner, Holzforscher an der Universität für Bodenkultur: In der Wüste gibt es keine Feuchte, hierzulande ist der Sauerstoffmangel unter Wasser die Voraussetzung für antike Holzfunde. Wie etwa jenen in Hallstatt, wo vor drei Jahren eine komplette Holzstiege, die in das salzhaltige „Haselgebirge“ eingelagert war, gefunden worden ist. Im Jahr 1344 v. Chr. gezimmert, ist sie die älteste Holzstiege der Welt.
Datiert wurde sie mit Hilfe der „Dendrochronologie“, dem Spezialgebiet Grabners. Ein Baumstamm wächst in die Breite, er bildet alljährlich außen eine neue Zellhülle. Je nach Witterung fallen dieses Schichten unterschiedlich breit aus. Das Muster der Jahrring-Breiten wird mit einer „Mittelkurve“ verglichen, die für eine bestimmte Region aus vielen einzelnen Jahrring-Folgen durch sukzessive „Synchronisierung“ an den Überlappungsbereichen erstellt wurde.
Salz gegen den Verfall
Das letzte Jahr, in dem sich die Kurven überlappen, entspricht jenem Jahr, in dem der Baum gefällt wurde. Für die Hallstätter Region stammt die Referenz-Chronologie von Holz aus alpinen Seen und Mooren.
Der Brunnenkasten aus Carnuntum entging der Mineralisierung, weil er in wasserhaltigem Fluss-Schotter steckte. „Wir mussten schnell handeln, ohne Konservierung wäre der Brunnen in einem Jahr zerfallen“, berichtet Humer. Zur Konservierung wurde ein neues Verfahren entwickelt, das auf den Erfahrungen beruht, die Grabner mit Salz und Holz in Hallstatt gemacht hat: Das antike Holz wurde sieben Monate lang in eine gesättigte Kochsalzlösung getaucht. Im Laufe der Zeit wurde das Wasser in den Poren durch Salzkristalle ersetzt. Danach wurden die Salzkristalle an der Oberfläche abgesaugt – und nun ist der 1900 Jahre alte Brunnen stabil. Das wertvolle Stück kann man derzeit in der Ausstellung „Die Steppe lebt“ in der Kulturfabrik Hainburg besichtigen.
Die Dendrochronologie wird nun auch in Carnuntum dringend benötigt. Denn kürzlich stießen die Ausgräber auf ein weiteres Relikt: eine acht Meter lange Holz-Wasserleitung. Noch liegt das Rohr in situ in der Erde, nun soll es analysiert werden. Die Vergleichs-Chronologie stammt aus Bäumen, die bei Hochwässern aus dem Schotter ausgespült wurden. Auch beim Straßenbau auf Schottergrund tauchten in den letzten Jahren immer wieder uralte Holzstücke auf.
„Die Holzfunde in Carnuntum sind nichts Alltägliches“, sagt Grabner. Im riesigen Grabungsareal wurde jedenfalls seit mehr als 50 Jahren kein römischer Holzgegenstand ausgegraben. Seinerzeit gab es einige Funde. Diese wurden damals entweder nicht konserviert, weil sie niemanden interessierten. Oder sie wurden konserviert, allerdings mit so viel Gift, dass man sie heute weder untersuchen noch ausstellen könne, so Humer.
Es könnte durchaus sein, dass auch in Österreich mehr antike Holzgegenstände im Boden verborgen liegen – nur werde nicht gezielt danach gesucht, sagt Grabner. Warum? „Holz wurde von Archäologen gering geschätzt, Scherben oder Münzen konnte man leichter datieren“, vermutet er. ku
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2008)

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