„Für einen echten Gott ist unsere Welt zu klein“

Der Wiener Physiker Heinz Oberhummer erklärt das Universum – und plädiert für ein Multiversum.

Nicht zu viel und nicht zu wenig Gravitation, die starke Kernkraft gerade stark, die schwache Kernkraft gerade schwach genug: Das Universum sieht aus, als wäre es für uns maßgeschneidert. „Für uns“, das heißt: dafür, dass sich 1) Galaxien bilden, in denen 2) Sterne beständig sind, in denen 3) auch höhere chemische Elemente gekocht werden als Wasserstoff und Helium, und von denen 4) ein beträchtlicher Teil Planeten um sich hat, unter denen 5) manche (mindestens einer: der Planet, auf dem Sie das lesen) Leben, vielleicht sogar intelligentes Leben tragen. Das alles kann doch kein Zufall sein!

Das ist, salopp formuliert, das (starke) anthropische Prinzip: Das Weltall ist so beschaffen, dass wir darin leben können. Von „dass“ zu „damit“ ist nur mehr ein kleiner Sprung. Der charismatische Physiker Heinz Oberhummer (lange an der TU Wien, neuerdings auch im Kabarett), hat selbst eine Kernreaktion untersucht, bei der Sauerstoff und Kohlenstoff entstehen, aber nur, weil ein Parameter der starken Wechselwirkung gerade richtig groß ist. Er ist ein begeisterter Interpret des anthropischen Prinzips, darauf steuert auch sein Buch zu. Für ihn gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder hat ein intelligenter Designer(„Gott“) die diversen Parameter just so gewählt, dass wir entstehen konnten; oder es gibt ein Multiversum, d.h. viele, ja unendlich viele Universen, in denen die Parameter jeweils unterschiedlich sind, und wir sitzen eben im (für uns) richtigen Universum. Diese Variante bevorzugt Oberhummer, wobei er sich u.a. auf die Hypothese der „ewigen Inflation“ von Andrei D.Linde beruft, nach der in jedem Universum via Urknall plus anschließender Inflation (sehr schnelle Expansion) neue Universen entstehen. Diese These hat – wie die gesamte Inflationstheorie – einen simplen Nachteil: Keiner weiß, was das für ein Feld sein soll, das die Expansion antreibt.


Wo bleibt Ockhams Rasiermesser?

Dazu kommt, abgesehen von der Physik, ein prinzipieller Einwand. Es ist ein ziemlicher Aufwand, unendlich viele Universen zu postulieren, nur um ein Universum, das einzige uns zugängliche, zu erklären. Ein Fall für Ockhams Rasiermesser, wie die Scholastiker sagten: Man soll nicht ohne Notwendigkeit neue „Entitäten“ einführen.

Oberhummer sieht freilich just in dieser Verschwendung ein Zeichen der Größe seines Gottes. Dem geht es ein bisschen wie Hubert Gorbach in Vorarlberg: „Für einen echten Gott ist unsere kleine Welt viel zu wenig und winzig.“

Die trockene Antwort auf das anthropische Problem, nämlich dass es ja logisch sei, dass wir in einem Universum sitzen, das uns ermöglicht, sonst gäbe es uns ja nicht, lehnt Oberhummer verständlicher Weise ab. Das Seltsame ist, dass jeder von uns um eine ähnliche Antwort nicht herumkommt, wenn es um die Frage der eigenen Existenz geht. Wie viele (zufällige?) Entscheidungen (von historischen Ereignissen bis zur Entscheidung des Urgroßvaters, am Kirtag doch die Brünette anzusprechen und nicht die Blondine) waren dafür notwendig! Wie astronomisch unwahrscheinlich ist jeder von uns!

Auch zu solchen – wohl unauflösbaren – Grübeleien regt das Buch an. Dazu aber ist es ein gut – das heißt auch: mit der richtigen Portion Pathos – geschriebenes Stück Populärwissenschaft. Wer daraus lernt, lernt angenehm und nichts Falsches. Vielleicht regen sich strenge Gymnasiallehrer darüber auf, wenn Oberhummer schreibt, dass im Sterninneren die Atomkerne „verbrennen“; wir wissen, was gemeint ist. Und den Tripel-Alpha-Prozess erklärt er wohl am Besten.

Heinz Oberhummer: „Kann das alles Zufall sein?“, 170 S., mit schönen Farbbildern und witzigen Zeichnungen (Ecowin-Verlag).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.07.2008)

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