Als die Vulkaninsel Thera (heute: Santorin) in der Ägäis explodierte, war das eine der größten Katastrophen der Antike, sie löschte die minoische Kultur aus. Nicht nur die auf Thera, auch die auf Kreta, zwölf Meter hoch kam der Tsunami vom Norden. Das war irgendwann in der späten Bronzezeit, aber wann genau? Daran hängt (a) die Frühgeschichte des Abendlands insgesamt – wer lebte und regierte um das östliche Mittelmeer herum, wer beeinflusste wann wen? –, daran hängt vor allem (b) die Geschichte Ägyptens.
Denn man kann zwar die Geschichte jeder Region rekonstruieren, aber die Zusammenhänge zwischen ihnen haben blinde Flecken. Zur Klärung läuft der FWF-Sonderforschungsbereich „Synchronization of Civilizations in the Eastern Mediterranean in the 2nd Millennium BC“ (SCIEM 2000), auch die Forschung ist breit, neben Archäologen arbeiten Naturwissenschaftler, auch eine auf strahlenphysikalische Analytik spezialisierte Gruppe des Atom-Instituts der TU Wien um Max Bichler. Projektassistent Georg Steinhauser konzentriert sich auf vulkanische Gläser, Obsidian und Bims.
Ersterer ist hart, man machte Messer daraus, Letzterer ist geschäumt – von Vulkangasen –, er wurde schon in der Antike zur Körperpflege verwendet, auch als Werkzeug zum Schleifen: „Die Glasbläschen brechen auf, die Ränder sind scharf“, erklärt Steinhauser, der auch eine Hypothese dafür hat, warum Bims auch als Grabbeigabe verwendet wurde: „Es liegt wohl daran, dass Bims auf dem Wasser schwimmt.“
Die etwa 1500 Kilometer von der italienischen Vulkaninsel Lipari bis nach Tel Megadim im heutigen Israel wird er nicht geschwommen sein. Aber dort fand man ihn, zwischen sechstem und drittem Jahrhundert v.Chr. wurde er verwendet. Der Vulkan war 6000 Jahre früher aktiv, und Bims schwimmt auch nicht ewig. Er muss als Handelsgut gekommen sein, so wie viel anderer Bims auch: „Von einer Grabung im Nordsinai haben wir fünf Bims-Proben, sie stammen von vier verschiedenen griechischen Inseln.“
Steinhauser weiß das, weil er „chemische Fingerabdrücke“ anlegt. „Die Methode ist relativ simpel“, untertreibt der Forscher: „Wir stecken die Proben in den Versuchsreaktor im Prater und machen sie durch Neutronenbeschuss radioaktiv. Beim Zerfall zeigt die frei werdende Energie, welches Element es ist.“ So wird aus dem stabilen Eisen 58Fe, wenn es ein Neutron einfängt, das instabile 59Fe, das zerfällt zu 59Co, und die Gammastrahlung dieses Zerfalls zeigt, dass es ursprünglich 58Fe war.
Auf diesem Weg hat Steinhauser Fingerabdrücke aus 25 Elementen von Bims vieler Vulkane erarbeitet, damit brachte er den Bims aus Tel Megadim und aus Lipari zusammen (Applied Geochemistry, 21, S.1363). Wer die Händler waren, ist unklar, aber dass es Bims-Fernhandel gab, darauf deutete schon Plinius der Jüngere, der Bims „der feinsten Qualität von Melos“ beschrieb, mit dem in Rom „Bücher poliert“ wurden (Naturalis Historiae, liber XXXVI).
Angelpunkt: Ausbruch von Thera
Nicht nur Rom importierte, auch Ägypten hatte keine eigenen Vulkane. Woher kam dieser Bims – und vor allem: wann? Daran hängt die ägyptische Geschichte: Gesichert zurückschauen kann man bis 500v.Chr., die 1000 Jahre davor wurden aus den überlieferten Regierungsjahren der Pharaonen zusammengestückelt, um ein Referenzdatum herum, das des katastrophalen Ausbruchs von Thera. Aber dessen Zeitpunkt ist umstritten: Ägyptologen setzen ihn auf 1500, 1530 v.Chr. fest, naturwissenschaftliche Datierungen – etwa eines Ölbaumasts, der beim Ausbruch verschüttet wurde – kommen auf 1600, 1650, hundert Jahre Differenz, kein Pappenstiel.
Steinhauser kann es bald entscheiden, er sitzt über Bims aus der Zeit, in der die Hyxos Ägypten besetzt hatten, 1650 bis 1550 v.Chr. Falls die Daten der Ägyptologen stimmen, darf dieser Bims nicht von Thera stammen, der Vulkan war ja in dieser Lesart noch nicht explodiert: „Ist Bims aus Thera dabei, sieht es nicht gut aus für die Ägyptologen.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2008)

iPhone: Offizielle MMS-Anwendung kommt in App-Store
Flughafensicherheit: EU rudert bei Nackt-Scannern zurück


Koalitionspoker: Endphase mit "Beichtstuhl-Verfahren"
EU einigt sich über Reform der Agrar-Förderungen
RSS