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Strahlenphysik: Ägyptens Historie hängt an Bims

03.07.2008 | 19:09 |  JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

Mitarbeiter des Atominstituts der TU Wien haben „chemische Fingerabdrücke“ von Vulkangestein erarbeitet und helfen Frühgeschichte klären.

Als die Vulkaninsel Thera (heute: Santorin) in der Ägäis explodierte, war das eine der größten Katastrophen der Antike, sie löschte die minoische Kultur aus. Nicht nur die auf Thera, auch die auf Kreta, zwölf Meter hoch kam der Tsunami vom Norden. Das war irgendwann in der späten Bronzezeit, aber wann genau? Daran hängt (a) die Frühgeschichte des Abendlands insgesamt – wer lebte und regierte um das östliche Mittelmeer herum, wer beeinflusste wann wen? –, daran hängt vor allem (b) die Geschichte Ägyptens.

Denn man kann zwar die Geschichte jeder Region rekonstruieren, aber die Zusammenhänge zwischen ihnen haben blinde Flecken. Zur Klärung läuft der FWF-Sonderforschungsbereich „Synchronization of Civilizations in the Eastern Mediterranean in the 2nd Millennium BC“ (SCIEM 2000), auch die Forschung ist breit, neben Archäologen arbeiten Naturwissenschaftler, auch eine auf strahlenphysikalische Analytik spezialisierte Gruppe des Atom-Instituts der TU Wien um Max Bichler. Projektassistent Georg Steinhauser konzentriert sich auf vulkanische Gläser, Obsidian und Bims.

Ersterer ist hart, man machte Messer daraus, Letzterer ist geschäumt – von Vulkangasen –, er wurde schon in der Antike zur Körperpflege verwendet, auch als Werkzeug zum Schleifen: „Die Glasbläschen brechen auf, die Ränder sind scharf“, erklärt Steinhauser, der auch eine Hypothese dafür hat, warum Bims auch als Grabbeigabe verwendet wurde: „Es liegt wohl daran, dass Bims auf dem Wasser schwimmt.“

Die etwa 1500 Kilometer von der italienischen Vulkaninsel Lipari bis nach Tel Megadim im heutigen Israel wird er nicht geschwommen sein. Aber dort fand man ihn, zwischen sechstem und drittem Jahrhundert v.Chr. wurde er verwendet. Der Vulkan war 6000 Jahre früher aktiv, und Bims schwimmt auch nicht ewig. Er muss als Handelsgut gekommen sein, so wie viel anderer Bims auch: „Von einer Grabung im Nordsinai haben wir fünf Bims-Proben, sie stammen von vier verschiedenen griechischen Inseln.“

Steinhauser weiß das, weil er „chemische Fingerabdrücke“ anlegt. „Die Methode ist relativ simpel“, untertreibt der Forscher: „Wir stecken die Proben in den Versuchsreaktor im Prater und machen sie durch Neutronenbeschuss radioaktiv. Beim Zerfall zeigt die frei werdende Energie, welches Element es ist.“ So wird aus dem stabilen Eisen 58Fe, wenn es ein Neutron einfängt, das instabile 59Fe, das zerfällt zu 59Co, und die Gammastrahlung dieses Zerfalls zeigt, dass es ursprünglich 58Fe war.

Auf diesem Weg hat Steinhauser Fingerabdrücke aus 25 Elementen von Bims vieler Vulkane erarbeitet, damit brachte er den Bims aus Tel Megadim und aus Lipari zusammen (Applied Geochemistry, 21, S.1363). Wer die Händler waren, ist unklar, aber dass es Bims-Fernhandel gab, darauf deutete schon Plinius der Jüngere, der Bims „der feinsten Qualität von Melos“ beschrieb, mit dem in Rom „Bücher poliert“ wurden (Naturalis Historiae, liber XXXVI).


Angelpunkt: Ausbruch von Thera

Nicht nur Rom importierte, auch Ägypten hatte keine eigenen Vulkane. Woher kam dieser Bims – und vor allem: wann? Daran hängt die ägyptische Geschichte: Gesichert zurückschauen kann man bis 500v.Chr., die 1000 Jahre davor wurden aus den überlieferten Regierungsjahren der Pharaonen zusammengestückelt, um ein Referenzdatum herum, das des katastrophalen Ausbruchs von Thera. Aber dessen Zeitpunkt ist umstritten: Ägyptologen setzen ihn auf 1500, 1530 v.Chr. fest, naturwissenschaftliche Datierungen – etwa eines Ölbaumasts, der beim Ausbruch verschüttet wurde – kommen auf 1600, 1650, hundert Jahre Differenz, kein Pappenstiel.

Steinhauser kann es bald entscheiden, er sitzt über Bims aus der Zeit, in der die Hyxos Ägypten besetzt hatten, 1650 bis 1550 v.Chr. Falls die Daten der Ägyptologen stimmen, darf dieser Bims nicht von Thera stammen, der Vulkan war ja in dieser Lesart noch nicht explodiert: „Ist Bims aus Thera dabei, sieht es nicht gut aus für die Ägyptologen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.07.2008)


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3 Kommentare
 
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Von Gast: Ludwig Ammer am 04.07.2008 um 23:59

Bimskegel

gibt´s aber von Ägypten gesehen in die andere Richtung auch: in Zentral-, Ost- und Südafrika. Seit 3500 Jahren ist ägyptische "Schatzsuche" in Afrika auch mit Bims für die Kosmetik belegt. Wir kennen das von der Königin von Saba, daß dem Juden die Beinhaare misfielen, und so mußte auch in Ägyptens ästhetischer Entgleisung die Glätte eines Jünglings her mit Bimsseife und Rasur. Der höchste Berg Äthiopiens generiert unseren Begriff der Rasur: der Ras Dejen ist unser Großglockner und auch im Winter mit Rasierschaum also Schnee bedeckt. Unser jenischer Berg wird von Jenischen wirklich am Großglockner erinnert, wenn man Zigjahrhunderte schon als geschneckerlter weiß gewordener Zigeuner im Alpenraum lebt. Ras Daschan heißt alternativ die Spitze Dejen. Ich danke der christlichen Regierung Äthiopiens für das Bombardement der muslimischen Agressoren im Nachbarland, denn sonst schafft ja die Welt da fast gar nichts. Äthiopien sollte unterstützt werden: Birr statt Bier in den schönsten Naturparks

Antworten Von Gast: Ludwig Ammer am 06.07.2008 um 01:05

AUA staunt...

Ethiopian Airlines legt zweistellig zu
Trotz steigender Kerosinpreise und wachsender internationaler Konkurrenz konnte Ethiopian Airlines beeindruckende Zahlen für die ersten neun Monate des Finanzjahres 2007/2008 vorlegen.

Mit 1,9 Millionen beförderten Passagieren kann sich die afrikanische Airline über eine Zuwachsrate von 19 Prozent im Vergleich zum Vorjahresergebnis freuen. Unternehmenserträge von 6,6 Milliarden äthiopischen Birr, umgerechnet etwa 437 Millionen Euro (+29 Prozent), unterstreichen die weltweit wachsende Stellung von Äthiopiens nationaler Fluggesellschaft. Ethiopian Airlines erwirtschaftete damit in den neun Monaten von Juli 2007 bis März 2008 einen Nettogewinn von umgerechnet etwa 32 Millionen Euro.

Die positiven Entwicklungen der vergangenen Monate gehen auf eine deutlich höhere Auslastung im Passage- und Cargo-Sektor zurück, die wiederum als Reaktion auf eine Erweiterung der Flugfrequenzen sowie die Aufnahme neuer weltweiter Flugverbindungen zu sehen ist.

Von Gast: Scifi am 04.07.2008 um 02:28

Fehler!

Die "Naturalis historia" stammt von Plinius dem Älteren!

 
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