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Neutrino, das Teilchen mit zwei Massen

22.07.2008 | 18:50 |  THOMAS KRAMAR (Die Presse)

Seltsam: Atome, deren Zerfallswahrscheinlichkeit oszilliert. Die Erklärung ist noch seltsamer.

Radioaktivität ist prinzipiell zufällig, nicht deterministisch. Wann ein Atomkern zerfällt, kann durch nichts vorausgesagt werden. Man kennt nur die Wahrscheinlichkeit, mit der er nach einer bestimmten Zeit zerfallen ist, und die ist konstant. (Darum sinkt die Menge der nicht zerfallenen Atome in einer Probe exponentiell mit der Zeit.)

Das sagt uns die Quantenphysik, und zwar mit Bestimmtheit. Umso überraschender ist, was ein Team von Physikern, darunter Paul Kienle (Stefan-Meyer-Institut, Österreichische Akademie der Wissenschaften), am Teilchenbeschleuniger in Darmstadt gemessen haben: Zwei radioaktive Atome zerfallen mit einer Wahrscheinlichkeit, die nicht konstant ist, sondern mit der Zeit oszilliert (Physics Letters B, 664, S.162).


Elektron + Proton = Neutron + Neutrino

Gemessen wurde das an bei hochenergetischen Atom-Zertrümmerungen entstandenen Ionen der „Seltene-Erden“-Elemente Praseodym (Ordnungszahl 59) und Promethium (61): 140Pr58+ und 142Pm60+ (von 59 bzw. 61 Elektronen fehlen 58 bzw. 60). Das sind ganz extreme Ionen: Solche, die alle ihre Elektronen verloren haben bis auf eines, man nennt sie „wasserstoffähnlich“, denn der Wasserstoff hat ja auch nur ein Elektron.

Das eine, einsame Elektron ist nun relativ nahe am Kern: So kann es von ihm eingefangen werden. Dann passiert, was man Elektronen-Einfang-Zerfall nennt, eine Sonderform des radioaktiven Beta-Zerfalls: Aus einem Proton und einem Elektron wird ein Neutron, und ein Neutrino wird emittiert.


Die Teilchen, die fast nichts merken

Neutrinos sind Teilchen, die man, obwohl man sie seit 1959 kennt, mit Recht rätselhaft nennen darf. Poetische Naturen sagen sogar „geisterhaft“: Denn Neutrinos durchdringen die Erde leichter als ein Messer die Butter, sie kennen keine elektromagnetische Wechselwirkung, auch die starke Kernkraft ist ihnen völlig egal; sie unterliegen nur der schwachen Wechselwirkung, die u.a. den radioaktiven Zerfall regiert. Der vierten Grundkraft, der Gravitation, unterliegen sie auch, aber nur ganz wenig: Sie haben eine Masse, aber eine sehr kleine, weniger als ein Millionstel der Masse eines Elektrons, und das ist ja auch nicht gerade schwer.

Genau diese Mini-Masse soll jetzt an den beobachteten Oszillationen schuld sein. Die Physiker meinen nämlich, dass ein Neutrino nicht eine Masse hat, sondern zwei Massen, zwischen denen es oszillieren kann, wie ein Mensch, der in periodischen Abständen Diät hält. In der Sprache der Quantenphysik: Ein Neutrino ist in einer Überlagerung zweier Massen-Eigenzustände. Und wenn es sich bewegt, dann kann es zwischen diesen beiden Zuständen oszillieren und damit zwischen zwei Energien. Als „klassisches Analogon“ nennt Kienle die Überlagerung zweier Radiowellen mit leicht verschiedenen Frequenzen, bei der eine Schwebung entsteht, deren Frequenz die halbe Differenz der überlagerten Frequenzen ist.

Kienle weiß, dass das, was er und seine Kollegen den Neutrinos zuschreiben, „eine ganz verrückte Eigenschaft“ ist, aber sie haben keine andere Erklärung. Vor allem eine Alternative (die für Nicht-Physiker auch recht seltsam klingt) schließen sie aus: Dass sich das (Elektron-)Neutrino beim Elektron-Einfang-Zerfall in die beiden anderen Sorten („Flavours“) von Neutrinos verwandelt, die die Physik kennt: in Myon- oder Tau-Neutrinos, die andere, größere Massen haben.


Der Flavour stimmt

Solche Umwandlungen zwischen den „Flavours“ kommen laut gängiger Lehre vor, sogar auf der Reise von Neutrinos von der Sonne zur Erde; beim Zerfall seien sie aber auszuschließen, sagt Kienle: „Es entsteht ein Neutrino mit eindeutigem Flavour, das ist klar.“ Auch könne man aus der Oszillation der Zerfallswahrscheinlichkeiten die Differenz zwischen den beiden Neutrino-Massen ausrechnen, und die klinge vernünftig.

Klar ist auch, dass weitere Experimente folgen müssen, um die These zu untermauern. Wenn sie hält, dann verändert sie unser Weltbild. Denn laut aktueller Kosmologie machen die Neutrinos einen beträchtlichen Anteil der Masse des Universums aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.07.2008)


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6 Kommentare
 
1
 
Von Aaron Fishhof am 25.07.2008 um 09:22

Wie ist das dann nun

mit Schrödingers Katze?

Ist auch der BETA-Zerfall seit dem letzten Urknall deterministisch über Oszillationen bzw. Quantenfluktuationen der Gravitonen-Felder festgelegt?

Nix mit // Welten,wo die Katze hier tot ist und dort lebt?

Noah von der Arche am Berg der Freude

Von karletto0 am 23.07.2008 um 21:24

Schwebung

Die Schwebungsfrequenz ist doch wohl nicht die
H ä l f t e der Differenz der zwei sich überlagernden Schwingungsfrequenzen?

Antworten Von Gast: Ludwig Ammer am 24.07.2008 um 02:05

Pfeiftöne

auf MW wie ein DJ zu modulieren war für mich in den ´60ern ein Kindheitssport, zumal wir den Fernseher erst mit der ersten Mondlandung zu meiner Einschulung bekommen haben. Ist man einer der beiden Frequenzen näher, öszilliert der Pfeifton. Diesen kann ein Kind schön modulieren und man spürt förmlich die Fremdbeeinflussung. Aber genau in der Mitte der Superpositionen tun sie sich gar nix und der Ton fällt unendlich ab. Rechnen Sie das aber über die Wellen, dann kann doch dieser Ton nur die halbe Differenz sein, oder kennen Sie irgend eine Kraft, die eine Verdoppelung erzwingen müßte? Da müßte ja wirklich eine außerirdische Kraft im Spiel sein. Für uns bleibt die Mitte der Superpositionen der Wert für die sehr niedrige Schwebungsfrequenz. Wenn Sie das so nicht verstehen, müssen Sie eben mit einem Klavierstimmer sprechen, der auch nie einen feinen Unterschied der Töne selbst hört sondern die Schwebung messen tut. Auf jeden Fall müssen Sie das Beispiel des Herrn Paul Kienle verstehen woll

Von Gast: Ludwig Ammer am 23.07.2008 um 00:47

Auch

wenn mein Sohn schöner wie Einstein dreinschauen kann, als wie das Einstein selber konnte, sage ich immer, daß Einsteins Masse viel zu hoch gewogen wird. Der oszilliert gewaltig, aber er bleibt uns durch den konstanteren Bose in der Bose-Einstein-Statistik erhalten im gebührenden zweiten Rang. Kienle darf man sich schon einmal merken als großen Namen. Mein Sohn studiert mit vier Jahren einen Schaumstoffball während der Kompression und dem Abflug, während ich ihm von den Mordmissionen erzähle, die uns Heliumdrei als Energiequelle vom Mond bringen werden. Die Heliumdrei-Heliumvier-Kühlung unter 0.8K an der Grenzfläche...

Antworten Von Aaron Fishhof am 25.07.2008 um 09:11

Re: Auch

Glauben Sie,Mister Ammer,dass schön dreinschauen als Masse gewogen werden kann?

Noah von der Arche am Berg der Freude

Antworten Antworten Von Gast: Ludwig Ammer am 26.07.2008 um 02:31

Wollen

Sie Bose unterstellen, daß er in London nur schön drein geschaut hätte wie ein Fürst Pückler, und daß er uns deshalb als mehrwertiger dem Einstein gegenüber erhalten bleibt? Das ist dann aber schon recht böse von Ihnen.

 
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