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Zelltherapie kämpft um ihren Ruf

30.09.2008 | 19:39 |   (Die Presse)

Ein eigener Verein will die Zelltherapie – eine der großen Zukunftshoffnungen der Medizin – aus den negativen Schlagzeilen holen.

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Jetzt die Zelltherapie zu verbieten wäre so, als ob man das Penicillin drei Monate nach seiner Entdeckung verboten hätte“, behauptet Martin Imhof, Obmann des neuen „Vereins zur Förderung der Zelltherapie“. Denn ebenso wie Antibiotika eine Revolution in der Medizin bedeutet haben, steht die Zelltherapie für eine völlig neue Philosophie im Gesundheitsbereich. „Mit der Zelltherapie wird die Ursache der Krankheit behandelt und nicht nur die Auswirkungen, wie bisher über Arzneimittel“, so Imhof. Die Definition der Zelltherapie bringt Dieter Falkenhagen, Leiter der Klinischen Medizin an der Donau-Uni Krems, auf den Punkt: „Es ist jede Nutzung von biologischen Zellen für eine Therapie.“

Imhof führt als Beispiel an, dass man einer jungen Frau vor einer Chemotherapie Gewebe aus dem Eierstock entnimmt, dieses lagert und danach wieder einsetzt. „So kann man den einzig bleibenden Schaden der Chemotherapie, nämlich die Zerstörung der Eierstöcke und somit des Hormonhaushaltes, ausschließen. Wieder eingesetzt, nehmen die Zellen ihre Funktion neu auf, und man erspart der Frau die lebenslange Einnahme von Hormonpräparaten.“

Das Feld der Zelltherapie ist riesig. Jedes Gewebe, das man einem Menschen entnehmen und später wieder einsetzen kann, um schadhaftes Gewebe zu ersetzen, gehört dazu. Freilich sind auch Behandlungen mit Stammzellen Teil der Zelltherapie. Ihr Einsatz benötigt jedoch ein eigenes Forschungsgebiet, während die Verwendung von ausdifferenziertem Gewebe, das nur zwischengelagert wird, viel problemloser erfolgen kann.

Imhof vergleicht den Stand der Zelltherapie mit dem IT-Sektor: „Vom Internet erhoffte man sich alles am Anfang. Dann wurde es verteufelt. Und heute ist es einfach da.“ Zurzeit befinden wir uns anscheinend in der Phase, in der Zelltherapie verteufelt wird: Im Sommer 2007 gab es einen „Skandal“ rund um eine „Zelltherapie gegen Krebs“, die von der Kremser Biotech-Firma „Cell Med“ praktiziert wurde. Und aktuell kam der Innsbrucker Urologe Hannes Strasser in Bedrängnis, da er Zelltherapien gegen Inkontinenz durchgeführt hatte, ohne die Zulassung dazu zu haben.

 

Neues Gewebesicherheits-Gesetz

Imhof, der im Sommer 2007 auch seine Anteile an der Biotech-Firma „Cell Med“ zurücklegte, sagt heute dazu: „Ob diese Methode eine Wirkung hat oder nicht, kann erst in einigen Jahren erfasst werden. Die Sache scheiterte damals nicht an medizinischen, sondern an rechtlichen Gründen.“ Denn die Gesetzgebung hinkt der Forschung hinterher: Genauso wie es in Österreich gute Forschung an Stammzellen gibt, deren Ausmaße aber in keinem Gesetz geregelt sind, gibt es reichlich Ansätze zur Zelltherapie – aber bis vor kurzem keine Reglementierung für klinische Studien.

Das Gesetz, das klinische Studien für herkömmliche Behandlungen regelt, ist das Arzneimittelgesetz, das u. a. die Verträglichkeits- und Dosierungsprüfung an Patienten vorschreibt. „Doch wenn man Zellen von einem Menschen nimmt, diese lagert und dann wieder einsetzt, dann muss ich doch nicht die Verträglichkeit oder Dosis testen“, sagt Imhof.

Dieses Dilemma ist seit dem Frühjahr gelöst: Ein neues Gewebesicherheits-Gesetz regelt die Gewinnung, Verarbeitung, Lagerung und Verteilung von menschlichen Zellen und Geweben. „Jede Studie wird nun von einer Kommission kontrolliert, und es wird individuell entschieden, in welcher Art klinische Studien durchzuführen sind“, erklärt Imhof. Der Aufwand ist riesig, lohnt sich aber. Denn nur dort, wo es eine Gesetzesbasis gibt, wird man auch Investoren finden, die dem jungen Forschungszweig den Stellenwert verschaffen könnten, den die Zelltherapie beispielsweise in den USA schon lange hat. vers

Kremser Zelltherapiegespräche: 3.10., Audimax, Campus Krems

Auf einen Blick

Zelltherapie nennt man jede Verwendung von Zellen für eine medizinische Behandlung. Dabei kann schadhaftes Gewebe etwa durch zuvor entnommenes – damals noch gesundes – Gewebe ersetzt werden.

Ein neues Gesetz regelt die Gewinnung, Lagerung und Verteilung von Zellen und Gewebe in Medizin und Forschung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.10.2008)

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