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Soziolinguistik: Dialekt dient zum „Owischoassln“

14.10.2008 | 18:52 |  VERONIKA SCHMIDT (Die Presse)

Eine Analyse politischer TV-Sendungen ergab, dass Dialekt oft dann verwendet wird, wenn es emotional wird oder wenn man jemanden diskreditieren will.

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Unhöflich, dumm, derb und brutal. Diese Eigenschaften verbinden viele Menschen mit dem Gebrauch von Dialekt. Dies fand Barbara Soukup in ihrer Dissertation über die Verwendung des Dialekts im österreichischen Fernsehen heraus. Freilich werden auch positive Eigenschaften mit Personen, die im Dialekt sprechen, verbunden: ehrlich, emotional, liebenswürdig, mit Sinn für Humor. Bemerkenswerterweise setzen Personen des öffentlichen Lebens aber Dialekt genau dann in der Rhetorik ein, wenn eine Aussage mit einem negativen Beigeschmack beladen werden soll.

Eine gute Plattform, um dies zu untersuchen, fand Soukup in Aufzeichnungen des TV-Programms „Offen gesagt“ aus dem Jahr 2004. „In Fernsehdiskussionen erwartet man, dass Hochsprache verwendet wird. Außerdem sind meist Leute eingeladen, die in ihrer Rhetorik geschult sind, wie Politiker, Schauspieler und Experten“, zählt die Linzer Wissenschaftlerin auf. Daher kann man davon ausgehen, dass die Verwendung des Dialekts dort kein „Ausrutscher“ ist. „Viele denken, dialektale Ausdrücke sind eine schlampige Redeweise, aber der Dialekt ist ein eigenes sprachliches System“, betont Soukup. Und zwar ein System, das manch andere Sprachregel als die Hochsprache aufweist. „Zudem hat ganz Österreich beim Dialekt (außer beim Vorarlbergischen) zumindest eine passive Kompetenz: Man versteht ihn, egal wie man selbst spricht.“ All das erlaubt, dass Dialekt als rhetorisches Stilmittel eingesetzt werden kann.

Um eine Idee davon zu erhalten, was Österreicher als Dialekt empfinden, spielte Soukup einer Reihe von Testpersonen Ausschnitte aus den Diskussionssendungen mit der Anweisung vor, jedes Dialektwort zu vermerken. Interessanterweise wurde dabei auch jedes „is“ und „hab“ angestrichen, obwohl solche Formen gar nicht aus einer gehobenen Sprache wegzudenken sind – oder wo hört man noch ein vollständig ausgesprochenes „ist“? „Als Hochsprache nimmt man ein Ideal an, das in Österreich praktisch niemand spricht“, so Soukup.

 

Dialekt gilt als derb, aber emotional

Um also die rhetorische Verwendung von Dialekt in den TV-Sendungen herauszufiltern, analysierte sie in den Aufzeichnungen schließlich jene Passagen, in denen mindestens drei Wörter hintereinander – etwa „des deaf si net ändern“ – ein Dialekt-„Feature“ aufweisen. Anglizismen verwendet Soukup in ihren Berichten über ihre Forschungsergebnisse öfters. Kein Wunder, hat sie ihre Dissertation doch an der Georgetown University auf Englisch verfasst. „Schon Teile meiner Schulzeit habe ich in den USA verbracht. Nach dem Englisch-Studium an der Uni Wien bin ich für den PhD nach Washington gegangen“, erzählt sie. Die Assoziation von Dialekt und Stereotypen fiel ihr in den USA zunächst am Südstaatenakzent auf, den viele als derb und ungebildet empfinden, der aber als charmant ankommt, wenn ihn eine Frau spricht. Einmal das Ohr auf solche Stereotypen geschärft, entging es ihr nicht, dass auch in Österreich der Einsatz des Dialekts ganz bestimmte Denkmuster hervorruft.

In ihren Forschungen fragte sie oberösterreichische Testpersonen auch nach Situationen, in denen Hochsprache oder Dialekt gänzlich unangebracht sind. So wird Emotionales, Intimes und Familiäres von den Befragten bevorzugt im Dialekt besprochen. Wenn man allerdings gebildet und intelligent wirken will, greift man zur Hochsprache. In der Analyse der „Offen gesagt“-Sendungen fand Soukup dann tatsächlich, dass Dialekt gezielt in emotionalen Situationen eingesetzt wird: Eine Salzburger Politikerin baute anfangs nur sieben Dialektwörter zwischen 1000 Hochsprachewörter ein. Doch als sie in die Offensive ging, weil sie sich gekränkt fühlte, verwendete sie plötzlich 51 Dialektausdrücke in weniger als zwei Minuten. Gleichzeitig mit der Emotionalität brachte der Dialekt – die „grobe, derbe“ Sprache – hier auch eine Geringschätzung des Gegenübers zum Ausdruck.

Dieser Ausdruck einer Geringschätzung im Zusammenhang mit Dialekt war in Soukups Analyse sehr stark zu erkennen. Dialekt wird dann eingeworfen, wenn der Sprecher entweder die Meinung eines anderen wiedergibt oder wenn man kurze Zwischenrufe anbringt: „In all diesen Fällen waren die Dialektäußerungen da, um das Gesagte schlecht hinzustellen.“ Zum „Owischoassln“, wie es eine der oberösterreichischen Befragten bezeichnete. Als Beispiel bringt Soukup einen Journalisten, der im Präsidentschaftswahlkampf Benita Ferrero-Waldners Verhalten gegenüber der in Italien verhafteten Volxtheaterkarawane kommentiert und die damalige Außenministerin mit den Worten „zitiert“: „Des san kane Guatn.“ Soukup dazu: „Das hat sie so sicher nicht gesagt, aber allein durch die Äußerung im Dialekt evaluiert er schon die Meinung Ferrero-Waldners als dumm und grob.“

 

Abschätzige Zwischenmeldungen

Ebenso abschätzig fallen dialektale Zwischenrufe auf. Als ein Diskussionsteilnehmer betont, dass ein Präsident jemand „zum Angreifen“ sein sollte, wirft ein Burgschauspieler ironisch ein: „I waaß net, wem i ohgreifn mecht.“ Der Dialekt verstärkt hier eindeutig das Diskreditieren und Lächerlichmachen des vorher Gesagten. „In 30 Sendungen konnte ich keine Dialektverwendung finden, die etwas Gutes ausdrücken sollte“, fasst Soukup zusammen und bescheinigt den Österreichern einen „schizoiden Umgang mit der eigenen Sprache“: Einerseits gehört der Dialekt zu unserer Identität, mit der wir uns gerne etwa gegen Deutschland abgrenzen. Andererseits setzen wir ihn vor allem dann rhetorisch ein, wenn wir etwas oder jemanden schlechtmachen wollen. Dieser negative Beigeschmack hat sich wohl auch in Ausdrücke wie „in den Dialekt verfallen“, „abrutschen“ oder „schlampig reden“ eingeschlichen.

AUF EINEN BLICK

Die Soziolinguistik beschäftigt sich mit kultur- und gesellschaftsspezifischen Sprachformen. Im aktuellen Beispiel hat eine Linzer Forscherin die Verwendung des Dialekts in öffentlichen TV-Diskussionen des ORF („Offen gesagt“) analysiert.

Das Ergebnis zeigte, dass Dialekt als rhetorisches Mittel dann eingesetzt wird, wenn man das Gesagte eines anderen als „derb und dumm“ hinstellen will oder jemanden lächerlich macht. Doch auch in emotionalen Situationen greift man eher zum Dialekt. Dies bestätigen die befragten Personen: Familiäres und Intimes kann man schwer in der Hochsprache besprechen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2008)

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3 Kommentare
Gast: David Marjanović
24.10.2008 00:02
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Regionale Unterschiede

Was hier anscheinend nicht berücksichtigt worden ist, ist, dass Dialekt in Wien ein viel schlechteres Image hat als sonst in Österreich. Das geht so weit, dass meine Generation dort größtenteils gar nicht mehr Dialekt spricht, sondern... naja... das, was das Österreichische Wörterbuch "Umgangssprache" nennt, also im Wesentlichen Dialekt mit dem Lautsystem der (österreichischen) Schriftsprache. Das wiederum dürfte damit zusammenhängen, dass es in Wien traditionell Klassenunterschiede gibt, die man sonst in Österreich kaum findet: Eltern versuchen, ihre Kinder wie die Oberschicht sprechen zu lassen.

Es gibt in Wien ein paar gehobene Familien, die tatsächlich nach der Schrift reden (außer vielleicht "ist"). Die gibt es in Linz auch, aber der gesamte Rest dieser Stadt mit (...mittlerweile wahrscheinlich weniger als...) 200,000 Einwohnern spricht in normalen Situationen Dialekt. Es war ein großer Schock für mich, im Alter von 11 Jahren von Linz nach Wien zu übersiedeln...

Gast: Oberkochem
15.10.2008 12:20
0 0

aha

Es gibt eine gemeinsame deutsche Schriftsprache. Diese Konvention ist beim Schreiben allen Sprechern deutscher Dialekte gemein. Die Ersten, die diese Konvention gebrochen haben, waren die Jidden. Dann folgten Niederländer und Flamen (auf das Plattschreiben will ich in dem Zusammenhang wegen der damit verbundenen Komplexizität nicht eingehen). Jüngstes derartiges Produkt der Versuche der Zerstörung sprachlicher (wohl besser schriftlicher) deutscher kultureller Einheit dürfte das "Letztburchesch" sein. Dennoch sind sicher sowohl Niederländer und Flamen als auch Jidden unzweifelhaft Deutschsprecher. Von den Moselfranken braucht das sowieso nicht erwähnt werden. Wer Schriftdeutsch wirklich im Alltag zu sprechen geruht, deklariert sich als der deutschen Sprache nicht mächtig. Daran ist nicht zu rütteln. Mögen auch noch soviele "Umdeuter" bis hin zu "Umvolker" das (zum Glück bislang völlig erfolglos) versuchen ...

Joschi
14.10.2008 19:57
0 0

Bua lous!

Ich kann die Politiker (deren Erstsprache wahrscheinlich der jeweilige Dialekt ist) verstehen. Wenn ich bei "Offen gesägt" säße, würde ich auch Standarddeutsch sprechen. Wenn dann aber mein Gegenüber Unsinn erzählt, kriegt sie je nachdem irgendwas zwischen "na!" bis "vazöühn's net so an Schmoann" an die Stirn geschmissen. In emotionalen Situationen verfalle ich in die Mundart. So kommt's dass nur "abfälligen Bemerkungen" im Dialekt gesprochen werden. Soll ich wirklich glauben, dass die Politiker das absichtlich machen, um ihr gegenüber "derb und dumm" aussehen zu lassen?

Ich gebrauche den Dialekt natürlich auch im Alltag und finde das gut und richtig. Arm ist, wer keinen Dialekt sprechen kann. (Noch ärmer ist, wer glaubt, sein Slang wäre "Hochdeutsch").