Benutzerfreundlichkeit ist das wichtigste Kriterium für den Erfolg eines Internetangebots. Davon ist Joachim Baumert, der an der Fachhochschule in St. Pölten Usability-Experten heranbildet, überzeugt: „Die Konkurrenz im World Wide Web ist riesig. Menschen sind im Internet nur selten auf einen Anbieter angewiesen. Sie informieren sich und kaufen dort, wo sie sich besser zurechtfinden.“ Ergo: Wer seine Websites so gestaltet, dass Navigieren zum Denksport ausartet, wird weder viele Besucher haben noch gute Umsätze machen.
Die erste Grundregel bei der Website-Gestaltung lautet: Weniger ist mehr. „Die Informationsaufnahme vor Bildschirmen ist um ein Viertel langsamer als auf Papier“, erklärt Robert Schweinzer, Leiter Produktmanagement bei APA-MultiMedia und Lektor im Studiengang Journalismus an der FH-Wien. Websites werden meist gescannt, während man gedruckte Texte fokussiert liest. Unnötiges sollte im Internet daher weggelassen, das Wichtige übersichtlich präsentiert werden.
Erwartungen erkennen
Den Erfolg einer Reduktion auf das Wesentliche beweist Google, eine fast leere Website ohne jeden Schnickschnack. Ein Eingabefenster für das Suchwort, Links zur Detailsuche und zu weiterführenden Angeboten – das ist alles. Für grafische Schönheit würde Google keinen Preis bekommen. Aber Millionen User nützen täglich die seit einem Jahrzehnt im Wesentlichen unveränderte Seite und haben Google damit zum erfolgreichsten Portal im Internet gemacht.
Wer die Simplizität von Google als Vorbild für seine Firmenwebsite nimmt, wird aber mit ziemlicher Sicherheit ebenso falsch liegen wie jener, der seine Seite überfrachtet. „Am wichtigsten sind die Zielgruppe und ihre Erwartungen“, sagt Schweinzer. Das Internetangebot muss den Bedürfnissen und Erwartungen der spezifischen Besucher gerecht werden. Unterschiedliche Zielgruppen erfordern daher unterschiedliche Herangehensweisen an Design und Content.
Ein Nachrichtenportal darf sich der Regel „Weniger ist mehr“ zum Trotz nicht auf Schlagworte beschränken. „Die eigentliche Textlänge im Internet ist nicht entscheidend“, meint Schweinzer, Übersichtliche Gliederung, Zwischentitel und zusätzliche Leseanreize verlocken den Besucher zum Verweilen und Klicken durch das Angebot. Neben Text bieten gute Nachrichtenportale auch lebendige Infografiken und spezifische Internet-basierte Angebote wie Online-Videos und Podcasts.
In Rolle der Benutzer versetzen
Grundsätzlich sollten Website-Gestalter viel Mühe aufwenden, um sich in die Köpfe ihrer Benutzer hineinzudenken, oder dafür die Hilfe von Experten in Anspruch nehmen: „Mit Usability-Methoden lässt sich genau ermitteln, welche Anforderungen Fokusgruppen an ein Internetangebot stellen und wie dieses strukturiert sein soll“, erklärt Baumert. Bevor das Angebot ins Web gestellt wird, lohnt sich auch ein Test durch potenzielle Endnutzer.
So lassen sich häufige Fehler wie mangelnde Orientierungsmöglichkeiten oder geringe Fehlertoleranz verhindern. Schweinzer: „Macht der User einen falschen Click, muss immer ein gekennzeichneter Ausweg vorhanden sein.“ Andernfalls sucht der Besucher vielleicht eine Lösung, die sich kein Anbieter wünscht: Er klickt auf das Kreuz in der rechten oberen Ecke, um die Seite zu schließen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2008)
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