Die gängige Meinung ist, dass die Familie als gesellschaftliche Institution sich in der Krise befindet und mehr und mehr zerfällt. Stimmt nicht, sagen nun Wissenschaftler der Universität Wien. In drei Publikationen, die in der Vorwoche präsentiert wurden, legen sie vielmehr dar, dass sich familiäre und verwandtschaftliche Bindungen niemals gelockert hätten. Und: Die verwandtschaftlichen Netzwerke würden in Zukunft sogar noch wichtiger werden.
Geändert hat sich in den letzten Jahrzehnten freilich schon etwas: Die „klassischen“ Großfamilien, bei denen mehrere Generationen unter einem Dach leben, gibt es immer weniger. Und auch die „Kernfamilie“ aus Vater–Mutter–Kind existiert nicht mehr so wie in den 1960-er Jahren, erläutert die Soziologin Christine Geserick. Doch das heißt nicht automatisch, dass die familiären Bande schwächer würden. Denn gleichzeitig habe es eine „Pluralisierung der Familienformen“ gegeben. Rudolf Richter, Professor für Soziologie, ergänzt: „Gerade die Vielfalt neuer Familienformen – auch solcher, die zum Beispiel durch Scheidung und Neuorientierung in Patchwork-Arrangements aufgehen – schaffe eine neue Breite an Netzwerken.“
Dass Familien zunehmend nicht mehr unter einem Dach leben, ändere daran wenig. Die beiden Ethnologinnen Elisabeth Timm und Heidi Rosenbaum argumentieren, dass man das aber erst erkennen würde, wenn man nicht auf die Haushalte blicke, sondern auf die Beziehungen zwischen den Haushalten. Heute würden Kinder zu „70 Prozent in relativ großer räumlicher Nähe zu den Eltern“ wohnen. „Die räumliche Nähe der Generationen begünstigt intensive soziale Kontakt, aber auch Hilfe und Unterstützung.“ Zentral für die Beziehungspflege sind – wenig überraschend – Frauen.
„Die Vielfalt neuer Familienformen schafft eine neue Breite an
Netzwerken.“
Rudolf Richter, Soziologe an der Universität Wien
Die Forscher haben einen weiteren interessanten Aspekt entdeckt: Die staatliche soziale Absicherung, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt hat, führte nicht zu einer Lockerung der familiären und verwandtschaftlichen Beziehungen, sondern habe wesentlich dazu beigetragen, dass Verbindungen in der Familie heute emotionaler („affektiver“) seien als früher, so Geserick. Unter anderem deshalb, weil mehr Zeit für Gespräche et cetera bleibt.
Wenn die Faktenlage so klar ist – wie konnte dann der Mythos vom „Zerfall der Familien“ überhaupt entstehen? Erstens gebe es ein schiefes historisches Bild der Familie. Timm und Rosenbaum betonen, dass die Kleinfamilie keine „Erfindung der Moderne“ sei, sondern lange Tradition habe. Wohingegen die Großfamilie nur für einen „kurzen Moment“ existiert habe.
Zweitens habe, so die beiden Historikerinnen Edith Sauer und Margareth Lanzinger, die Modernisierungstheorie die – falsche – Annahme getroffen, dass Verwandtschaften seit dem Mittelalter kontinuierlich an Bedeutung verloren hätten und von anderen Institutionen abgelöst worden seien. Auf Basis neuerer Forschungen zeichne sich aber ein viel differenzierteres, in vielen Bereichen gegenteiliges Bild ab.
Und drittens: Die Kennzahlen, wie etwa das Sinken der Heirats- oder Kinderzahl, die zum übereilten Schluss eines „Zerfalls der Familie“ führten, sind nur ein Teil der Wahrheit. Geserick: „Andere Formen der sozialen Unterstützung sind in der Statistik nicht so präsent.“ Daten für diese Netze würden kaum erfasst. Den Grund dafür sieht sie in den „konservativ-traditionellen Ideologien, die sich um die Kernfamilie ranken“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.11.2008)

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