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Geklonte Mammuts aus der Retorte?

19.11.2008 | 18:45 |  JÜRGEN LANGENBACH (Die Presse)

Das Genom des ausgestorbenen Elefanten liegt vor und weckt neue Fantasien, dass man ihn wieder beleben könnte – mit „synthetischer Biologie“.

Vor 3600 Jahren gingen die Letzten. Nein, das ist beschönigt, sie gingen nicht, sie wurden Opfer der damals modernsten Technik – Jagdwaffen – bzw. derer, die sie in Händen hielten. Wo immer die hinkamen, verschwanden die Mammuts, am längsten hielten sie sich hoch in Sibirien. Von dort – aus dem Permafrost – will die heute modernste Technik sie seit Jahren zurück holen: Im Rahmen der „Mammoth Creation Society“ suchen japanische Biologen nach Zellen, aus denen man Mammuts ziehen könnte. Für die Öffentlichkeit sprechen die Forscher gerne von Sperma, aber niemand glaubt im Ernst, dass sich das erhalten hat, stattdessen geht es um beliebige Körperzellen, deren Kern – mit der DNA darin – intakt genug ist, um daraus ein Tier zu klonen (und dann von einer Ersatzmutter, einer Elefantin, austragen zu lassen).

Das bringt Schlagzeilen, sonst nichts: Zwar haben andere japanische Biologen gerade gezeigt, dass Tote erweckt werden können, sie haben aus Mäusekadavern, die 16 Jahre lang bei minus 20 Grad im Kühlschrank lagen, neue Mäuse geklont.

Aber 16 Jahre im Laborkühlschrank sind etwas anderes als Jahrtausende im Permafrost, im dem aller Kälte zum Trotz Bakterien nagen. Da gibt es keine Hoffnung auf unversehrte Genome in voller Länge. Genom-teile allerdings bleiben erhalten, 100.000 Jahre und mehr, Svante Pääbo (MPI Evolutionäre Anthropologie, Leipzig) hat es an Höhlenbären gezeigt. Bei Mammuts ist es auch so: Eine Gruppe um Web Miller (Pennsylvania State University) hat das Genom sequenziert, nicht ganz, etwa 80 Prozent. Dazu wurden Haare von zwei sibirischen Mammuts – M4, 18.500 Jahre alt, M25, 60.000 – analysiert und zu einem Genom kombiniert (auch das Genom des Menschen wurde aus mehreren Menschen zusammengesetzt): „Mammuts und heutige Elefanten trennten sich vor etwa sechs Millionen Jahren, ungefähr zu der Zeit, als sich Menschen und Schimpansen trennten“, berichtet Miller, „sie haben auch ähnlich viele Gene, um die 20.000. Aber Mammuts und Elefanten haben sich dann genetisch langsamer entwickelt.“

Wie sie sich genau entwickelt haben, ist noch nicht klar: Genome brauchen den Vergleich mit schon bekannten Genomen anderer Arten, beim Mammut ist das der Afrikanische Elefant, sein Genom soll nächstes Jahr kommen. Erst dann wird man besser abschätzen können, wie groß das Mammut-Genom war und welche Spezialisierungen es hatte (Nature, 456, S.387).

Die jetzige Version gibt also noch nicht viel her, aber Nature nimmt sie zum Anlass, die nötigen technischen Schritte von ihr bis zu einem leibhaftigen Mammut durchzuspielen (456, S.310). Dabei geht es nicht – wie im japanischen Schöpfungsprojekt – um die Verwertung von Vorgefundenem, es geht um den Neubau eines Lebewesens aus seinen Genen bzw. deren Baumaterial.

 

Genbausteine aus dem Fachhandel

Präzedenzfälle für solche „synthetische Biologie“ gibt es: 2002 baute Eckard Wimmer (New York) ein Poliovirus – Genbausteine (Nukleinsäuren) gibt es im Fachhandel, sie wurden nach der Blaupause des Genoms aneinandergereiht –, es verhielt sich wie ein echtes Poliovirus, tötete Mäuse. Kurz darauf baute Craig Venter einen Bakteriophagen nach, PhiX174. Nun kann man lange streiten, ob Viren und Phagen leben, sicher ist, dass sie töten können. Und am ersten unumstrittenen Leben – Bakterien – arbeitet Venter auch, allerdings ist er nicht im Zeitplan, es geht doch nicht so rasch.

Und das, obwohl er ein Genom im Auge hat, das nicht viel größer ist als das seines Phagen. Der hatte 4500 Basenpaare, das Mammut hat etwa 4,5 Milliarden. Selbst wenn man die aneinanderreihen könnte, müsste man sie auf Chromosomen verteilen – auch das hat Venter im kleinen Maßstab gelöst – und in Zellhüllen einbetten.

Als vierter Schritt müsste ein tiefer Griff in Elefantinnen folgen: Zum Klonen braucht man Eizellen, die liegen kaum zugänglich im Inneren der Elefantenkühe, man kann sie nicht entnehmen. Aber man kann Eierstockgewebe (mit Vorläufern von Eizellen) entnehmen und anderen Tieren einpflanzen, etwa Mäusen. Auch das ist kein Scherz, man hat solche Versuche in den 90er-Jahren in Südafrika mit Elefanten/Mäusen unternommen, allerdings blieb unklar, wie weit Elefanteneier in Mäusen reifen.

Dann müssten die Tiere nur noch zur Welt kommen, das scheint ein vergleichsweise kleines Problem, man vermutet, dass Mammuts bei der Geburt nicht größer waren als Elefanten. Schwieriger wäre das Bereitstellen einer Umgebung – allerdings gibt es in Russland Pläne, manche Ökosysteme auf den Stand von vor zehntausend Jahren zurückzuführen („Pleistozän-Parks“) –, das Schwierigste käme am Schluss: Die neuen Mammuts hätten niemanden, der ihnen zeigt, wie Mammuts leben.

Alles in allem erwartet etwa Pääbo zu seinen Lebzeiten – er ist 53 – keine Mammuts. Aber wer weiß, vielleicht gibt es viel früher viel spannenderen Ersatz, bei einem Lebewesen, das auch von Menschen ausgerottet wurde: Pääbo sitzt über dem Neandertaler-Genom und will es dieses Jahr fertig haben.

Mammuts & Menschen

Jagd: Wo immersie Menschen begegneten, half den Mammuts ihre Größe – 3,4 Meter Schulterhöhe, sieben Tonnen – nichts, ihre Behaarung auch nicht, sie wurden ausgerottet wie die meisten anderen Rüsseltiere auch. Die Mammuts entstanden vor etwa sechs Millionen Jahren, die letzten verschwanden vor 3500 Jahren.

Kult: Aber siewaren nicht nur Beute, sie wurden auch Gegenstand der Kunst, die lange nicht vom Kult trennbar war. So wurden sie etwa aus ihrem eigenen Elfenbein geschnitzt – der im Bild rechts schon vor 35.000 Jahren von Neandertalern. [EPA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2008)


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1 Kommentar
 
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Von Kito am 19.11.2008 um 23:17

Elephantenlegendewollmilchmaus?

"...allerdings blieb unklar, wie weit Elefanteneier in Mäusen reifen"

Huch! Die arme Maus! Wird wohl eher eine Sturzgeburt werden bei der Wirbelsäulenbelastung.
Doch damit nicht genug - erst das Stillen könnte fürchterliche Folgen für das Nagetier haben.

 
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