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Pharmastreit: Die sieben Klagen

19.11.2008 | 19:41 |   (DiePresse.com)

Für Forschung werden 15 Prozent, für Marketing bis zu 40 Prozent des Umsatzes ausgegeben. Nur drei bis 15 Prozent aller neuen Medikamente enthalten innovative Wirkstoffe.

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Die Pharmaindustrie und die Medizinerschaft stehen seit dem Erscheinen des Buches "Korrupte Medizin" von Hans Weiss wieder unter gehörigem öffentlichen Druck. "Die Presse" überprüft sieben Thesen, die nun oft zu hören sind, auf ihre Stichhaltigkeit.

1 Die Pharmaindustrie forscht viel zu wenig.

Marketing ist der viel größere „Geldfresser“ als die so gern präsentierte Forschung: Die macht etwa 15 Prozent einer Produktentwicklung aus, fürs Marketing werden bis zu 40 % ausgegeben. „Wir müssen dann alle die hohen Medikamentenpreise bezahlen“, ärgert sich Claudia Wild, Leiterin des Ludwig-Boltzmann-Instituts für „Health Technology Assessment“.

Es gibt aber auch Gegenbeispiele: So sponsert der deutsche Konzern Boehringer-Ingelheim in Wien das IMP, das reine Grundlagenforschung durchführt, die auf absehbare Zeit keine Profite abwirft – höchstens ein paar Patente.

2 Medikamente sind zu teuer.

Der Anteil der Marktpreise der Wirkstoffe am Verkaufspreis eines Medikaments wird auf durchschnittlich zwei Prozent geschätzt. Acetylsalicylsäure zum Beispiel ist ein recht simples Molekül – und daher eine wahre Goldgrube für die Firma Bayer, die den Markennamen „Aspirin“ hält. Allerdings sind in den Medikamentenpreisen neben Produktions-, Transport- und Marketingkosten – und den Gewinnen der Firmen – auch Kosten für Forschung und Entwicklung inkludiert.

3 Die meisten neuen Medikamente sind Scheininnovationen.

Laut Schätzungen von Gesundheitsökonomen und Krankenkassen enthalten nur drei bis 15 Prozent aller neuen Präparate wirklich neue Wirkstoffe. Manche Medikamente werden nur deswegen leicht verändert, damit der Patentschutz länger läuft. Allerdings betont die Pharmaindustrie, dass auch „bloße“ neue Zubereitungen einen Fortschritt für Patienten bringen können: wenn man etwa ein Medikament nicht mehr täglich, sondern nur mehr alle zwei Wochen einnehmen muss.

4 Die Industrie tut nichts gegen Krankheiten der Armen.

Musterbeispiel ist Malaria: Es gibt zwar Medikamente – teure für Touristen –, aber keinen Impfstoff. In diese (Finanz-)Lücke springen Stiftungen wie die von Melinda und Bill Gates ein, die viel in die Bekämpfung von Tropenkrankheiten investieren. Ein Problem sind die Patente: Für gewöhnlich darf auch in Entwicklungsländern niemand ein Medikament billig produzieren, auf das die Pharmariesen Patente halten. Andererseits betreiben manche großen Pharmakonzerne spezielle Forschungsinstitute für Bedürfnisse der Dritten Welt. Das Problem bleibt: Wer bezahlt im Endeffekt die Medikamente?s

5 Die Pharmaindustrie tut nichts gegen sehr seltene Krankheiten.

Das kann man ihr schwer vorwerfen: Es gibt über 4000 Erbkrankheiten, die von der Mutation eines Gens kommen, die meisten davon sind extrem selten. Sie sind zwar für die Forschung interessant, aber Pharmakologie ist eben teuer und aufwendig: Die Entwicklung eines neuen Medikaments dauert zehn Jahre und kostet bis zu zwei Milliarden Euro. Nur wenn ein Medikament an genügend Patienten verkauft werden kann, rechnet sich das. Bei den seltenen Krankheiten springt die öffentliche Hand ein: Die EU und die USA verleihen einen „Orphan Drug“-Status mit vereinfachtem Zulassungsverfahren und Marktmonopol. s

6 Die Pharmaindustrie bestimmt, was publiziert wird.

Tatsächlich werden Ergebnisse von Studien, die von der Pharmaindustrie gefördert werden, oft nur publiziert, wenn sie „positive“ Ergebnisse bringen: Bei Antidepressiva etwa fand eine Studie, dass 94 Prozent der positiven Tests publiziert worden waren, aber nur 14 Prozent der negativen. Zweites großes Problem ist die Verschleierung der wirklichen Autoren: Studien werden von Mitarbeitern der Firmen durchgeführt, die unter den Autoren der Publikation nicht auftauchen. Die anerkannten Fachzeitschriften spielen eine ganz wichtige Rolle dabei, die Verflechtungen zwischen Pharmaindustrie und forschenden Medizinern transparent zu machen: Sie verlangen nämlich von ihren Autoren, „conflict of interests“ zu deklarieren. Darunter fallen alle Zahlungen, die sie von der Industrie erhalten.

7 Die Ärzte haben sich der Pharmaindustrie ausgeliefert.

In Entwicklung und Erprobung von Medikamenten ist die Pharmaindustrie auf Mediziner angewiesen. Es ist auch nicht verwerflich, sondern gilt sogar als Zeichen wissenschaftlicher Qualifikation, wenn ein Arzt in „Advisory Boards“ von Pharmafirmen sitzt.s Anders ist es, wenn sich Pharmafirmen Ärzte als „Meinungsbildner“ halten und sie zwar nicht offen bezahlen, aber ihnen als „Dank“ für Gefälligkeiten (Durchführung fragwürdiger Studien, Propaganda für Medikamente) z. B. überhöhte Vortragshonorare zukommen lassen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2008)

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7 Kommentare
Gast: AEIOU
20.11.2008 07:18
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Wer produziert, hat schon immer bestimmt.

Das Märchen von Produkten , die den Kundenwünschen entsprechen ist wohl jetzt endgültig entlarvt. Eine Lüge, wie die Werbung zumeist. Was da über die Medien verklickert wird, erstaunt mich immer wieder. Es funktioniert. Wie Tierfutter, richtig "aufbereitet" ist der Abfall nicht identifizierbar. Je minderwertiger er ist desto größer ist der Profit.

erwinerpl
20.11.2008 06:52
0 0

Naivität

Denkt jemand daran, was passiert, wenn die Pharmaindustrie aufhört zu forschen ? Woher kommen die Innovationen ? Wer hat genügend Mittel zur Verfügung die sehr hohen Barrieren der klinischen Forschung zu bewältigen ? Die Universitäten ? die Steuerzahler ?

Natürlich muss sich die Pharmaindustrie an die Spielregeln halten und sich auch weiterentwickeln - noch besser neu erfinden. Dazu sei noch gesagt, dass die Pharmaindustrie die am stärksten regulierte Industrie ist - selbst auferlegt und vom Gesetz verordnet.

Kein Zweifel, dass die Autoren dieses Buches gut verdienen werden, mit Ihren Enthüllungen. Doch was so sensationell erscheint, dies ist alles ein alter Hut, polemisch und kontraproduktiv. Langweilig und verantwortungslos.

Antworten Gast: AEIOU.
20.11.2008 07:23
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Re: Naivität

Weiss hat wiedereinmal für Aufregung im Dunstkreis der Medizin gesorgt. Vielleicht ein wenig zu marktschreierisch. Die Aufforderung des Moralwächters der Ärzte, doch anzuzeigen kann ich nur mit Hohngelächter quittieren. Wer erwartet , daß die Pharmamafia nicht alle möglichen Leckagen abgedichtet hat, um eine strafrechtliche Verfolgung aussichtslos zu machen,der ist entweder ein Dummkopf oder ein Rabulist.

Antworten Antworten ghost85
20.11.2008 10:27
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Re: Re: Naivität

Die böse Pharmamafia, das ich nicht lache.
Die Pharmaindustrie ist Teil der Privatwirtschaft und verhält sich wie jede andere Private Firma auch.
Sie haben Konkurrenz und brauchen daher auch Marketing.
Wenn der Herr wirklich so viele Beweise hätte wie er behauptet, dann soll er diese Mediziner doch bitte anzeigen.
Aber das ist doch alles heiße Luft und Angstmacherei was der Narr da von sich gibt

Wortmann
19.11.2008 21:06
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Bestechung forte

Das ist der Wirkstoff den die Pharmaindustrie bei Behandlung der Ärzte seit Jahrzehnten erfolgreich verwenet. Damit ist es u.a. gelungen den Ärzten die Gesundheitsreform "auszukurieren". Diese scheiterte grossteils an Widerstand der Ärzte die infolge der Reform auf ihre Dosis Bestechung verzichten müssten unter Befürchtung womöglich ganz schlimmen Entzugserscheinungen. Behauptung daß die Mehrheit der Ärzte nicht korrupt ist zeugt von atemberaubender Blauäugigkeit. Mehrheit der Ärzte merkt es vielleicht nicht daß sie in Permanenz bestochen wird. Das Prozedere ist so alltäglich daß man es für ganz normal hält.

Antworten Gast: schwestereva
20.11.2008 11:56
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Re: Bestechung forte

ich will ja nicht von "armen" Ärzten sprechen, aber in einem Ausbildungs/Arbeitsaufwand/Verantwortungs-Diagramm sieht das durchschnittliche Arztgehalt im Vergleich zu anderen Berufssparten wohl recht schäbig aus.
aber die Gesundheitsreform allein auf den Rücken der Ärzte auszutragen, ohne die strukturellen Sparpotentiale (Kassen, Länder, Bund) miteinzubeziehen scheint mir doch etwas unfair, aber die Ärzte haben eben keine politische Lobby.
oder wußten sie herr Wortmann, dass täglich einige dutzend Patienten in Österreich von den Krankenkassen ins Spittal geschickt werden weil sie die Kosten für eine ambulante Behandlung nicht übernehmen wollen.
eh klar, ambulant durch den Hausarzt mit einem etwas teureren Medikament müsste die Kasse zahlen, im Krankenhaus (1 Tag ca. 600euro) zahlt das Land.
warum wird hier nicht eingespart?

Antworten Gast: stiller Beobachter
20.11.2008 00:21
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Re: Bestechung forte

Womit begründen Sie eigentlich den Wert Ihrer Aussage. Es wäre durchaus legitim und auch zu fordern, daß Sie Ihre Aussagen belegen könnten, z.B. mit der Angabe von etwaigen, offiziellen Statistiken, oder mit der Veröffentlichung noch nicht publizierter solcher, anstatt nur ungerichtete Schuldzuweisungen zu verbreiten. Insider können Sie aus dieser Aussage wohl nicht sein und disqualifizieren sich somit sofort.