GRAZ. Krank macht er immer. Auch wenn er einem gefällt, der Lärm, wie es häufig bei Jugendlichen der Fall ist: Freilich empfinden sie Rockkonzerte mit 120 Dezibel oder 100 Dezibel laute Musik aus MP-Playern nicht als Lärm, eher als Genuss. „Genuss“ mit Folgen.
„Wenn jemand vier bis fünf Stunden in einer Disco verbringt, in der die Musik eine Lautstärke von 95 Dezibel hat, resultiert daraus bereits eine Einschränkung des Hörvermögens, die zum Teil irreversibel ist“, weiß Egon Marth, Leiter des Instituts für Hygiene, Mikrobiologie und Umweltmedizin der Medizinischen Universität Graz. Denn bei lange währender lauter Musik, in der Realität Tortur für die Ohren, brechen Hörhärchen ab. „Und die regenerieren dann nicht mehr, es kommt zum Ausfall gewisser Hörfrequenzen“, warnt der Wissenschaftler, der Lärm als den „neuen Schadstoff des Jahrzehnts“ bezeichnet, der vor allem die nächste Generation schädigen wird.
Tinnitus nach Rockkonzert
Es sei ein Wahnsinn, so Marth, dass MP3-Player bis zu 100 Dezibel laut sein könnten. 25 Prozent aller Jugendlichen haben bereits erste Anzeichen von Hörschäden. Und nach einer Veranstaltung, bei der bis zu 120 Dezibel auf die Ohren losgelassen werden, „verzeichnen unsere HNO-Abteilungen den häufigsten Besuch von Jugendlichen. Sehr häufig kommen die dann mit Tinnitus, einige werden die Ohrgeräusche wieder los, etlichen bleibt der Tinnitus ein Leben lang“.
Lärm macht süchtig
Warum es die jungen Leute so gerne so laut haben, sei nur zum Teil erklärbar. „Lärm kann in bestimmten Maßen auch süchtig machen, ab einer bestimmten Lautstärke werden Endorphine freigesetzt. Manche Verkehrsunfälle nach einem Disco-Besuch beruhen weniger auf Alkoholmissbrauch, sondern eher auf dem High-Gefühl, das laute Musik auslöst.“ Er würde gerne eine Studie zu diesem Thema machen, aber dazu fehle momentan das Geld.
Studien wurden indes zu Straßenverkehrs- und Schienenverkehrslärm gemacht. Gemeinsam mit dem Institut für Physiologie der Medizinischen Universität Graz, dem Institut für Straßen- und Verkehrswesen der Technischen Universität Graz, der Grazer Klinischen Abteilung für Neurotologie und der Hals-Nasen-Ohren-Universitätsklinik haben Marth und Kollegen eine neue Methode entwickelt, mit der es möglich wird, Lärmforschung standardisiert im Lärmlabor durchzuführen. „Techniker haben den Lärm aufgenommen und wir haben ihn im Labor so projiziert, dass Bedingungen wie im Feld herrschen.“
Flüsterasphalt: Gut für das Herz
Eine der Untersuchungen betraf Straßenbeläge. „Flüsterasphalt bringt wirklich etwas, er ist ein absoluter Benefit für den menschlichen Organismus.“ In der Laborstudie konnte klar gezeigt werden, dass Lärm auf Flüsterasphalt gegenüber Lärm auf normalem Asphalt mit einer signifikant niedrigeren Herzfrequenz der Probanden einherging. Verkehrslärm, vor allem des Nachts, stört zum einen den Schlaf. „Viele schlafen zwar, aber infolge des Lärms kommen sie nicht oder zu selten in die so wichtigen Tiefschlaf-Phasen, in denen der Mensch regenerieren kann“, erwähnt Marth. Derlei krankhafte Schlafmuster machen müde, nervös, gereizt, krankheitsanfällig. Stichwort krank: Lärm begünstigt auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Bluthochdruck oder Herzinfarkt. Ab 65 Dezibel steigt das Herzinfarktrisiko um 20 Prozent.
Mit Vollgas andere krank machen
Denn Lärm kann unser Herz zum Rasen bringen, in jedem Fall aber steigt die Herzfrequenz, das Herz muss mehr pumpen, wird stärker belastet. „Weil unsere Ohren auch als Warn- und Alarmorgane angelegt sind. Das heißt, Lautimpulse, zum Beispiel das Brüllen eines Löwen, lösen verschiedene Reaktionen des sympathischen und autonomen Nervensystems aus, um den Organismus in eine Situation zu versetzen, die ihm Flucht oder Angriff ermöglicht“, schildert Marth. Und solche Reaktionen bedeuten Stress. Regelmäßiger (Lärm-)Stress aber bleibt nicht ohne gesundheitliche Folgen.
Als „hochspannendes Ergebnis“ bezeichnet Marth folgendes Studienresultat: „Die Reduktion der Geschwindigkeit von Pkw auf 100 und Lkw auf 80 km/h hat den gleichen Effekt wie eine Lärmschutzwand.“ Man werde da umdenken müssen, meint Marth, „man muss ja nicht ständig mit Vollgas düsen und Menschen krank machen.“
Interessante Ergebnisse habe auch eine gerade abgeschlossene, zwei Jahre dauernde Studie erbracht: „Die Lärmbelästigung durch Schienenverkehr schneidet gegenüber der Straße bei Weitem nicht so gut ab, wie man bis jetzt immer geglaubt hat.“
Mehr akustische Verschmutzung
Denn wenn der Zug auch nicht eine Dauer-Lärmquelle sei wie der Straßenverkehr, verursache der Schienenverkehr viel mehr Lärmspitzen, die Leute immer wieder aufwecken würden. „Unsere Studie konnte nicht bestätigen, dass der Lärm durch Schienenverkehr die Gesundheit der betroffenen Menschen deutlich weniger beeinflusst als Straßenverkehrslärm.“
Ein hilfreicher Marker für die Beurteilung der Belastung ist die Messung des Stresshormons Cortisol im Speichel. Erwartungsgemäß ist Fluglärm die schlimmste akustische Nervensäge im Verkehrsreigen. Marth: „In der Nähe von Flughäfen steigt der Konsum von Psychopharmaka überall deutlich an, manche Leidtragenden werden da fast wahnsinnig.“
Und krank allemal. Denn Lärm ist wie erwähnt ein permanenter Stressor. Immerhin fühlt sich laut Umfrage ein Drittel der Österreicher durch Lärm im Wohnbereich gestört – Hauptursache ist der Verkehr. Unter dem leiden auch schon Kinder: Sie schlafen schlechter und sind in der Folge in der Schule weniger konzentriert.
Prognosen aber besagen, dass die Lärmbelästigung künftig eher größer denn geringer wird: noch mehr Autos, noch mehr akustische Verschmutzung, die nicht nur Ohren, sondern auch Herz und Psyche krank machen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2008)

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