Literatur-Nobelpreis für Le Clézio: Parfümierter Sozialkitsch

Die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften vergab am Donnerstag den Nobelpreis an Jean-Marie Gustave Le Clézio, einen weit gereisten französischen Schreiber, der 1963 in Paris weltberühmt wurde.

Le Clézio
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Le Clézio
(c) AP (MICHEL EULER)

Der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie der Wissenschaften, Horace Engdahl, ist unlängst dadurch aufgefallen, dass er die US-Autoren pauschal als zu isoliert und unwissend bezeichnete, als dass sie große Literatur schreiben könnten. Diese engstirnige Einschätzung, die sich der Weltliteratur der letzten Jahrzehnte geradezu verschließt, hat mancherorts Erstaunen hervorgerufen – nicht aber in Stockholm. Auch eine halbherzige Entschuldigung des Sekretärs kann nicht verbergen, dass bei ihm zu Hause seit geraumer Zeit politisch links engagierte Dichter bevorzugt werden. Das kann zu Glückstreffern führen wie bei Grass, Coetzee, Jelinek, zur Lachnummer wie bei Fo oder zu verspäteten Ehrungen wie bei Lessing, Pinter.

Auf die Borniertheit der Akademie jedenfalls ist Verlass. Konsequent wurde von Engdahl und den weiteren schwedischen Juroren am Donnerstag ein weit gereister Franzose mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, ein fleißiger Schreiber, der dadurch auffällt, dass er außerhalb von Paris gar nicht auffällt, obwohl er seit 35 Jahren nette und bemühte Literatur produziert, die harte Kritik am kapitalistischen Westen übt, exotische Zivilisationen hingegen als naiv und glücklich darstellt. Ein Musterschwede.

Auf Deutsch ist von Jean-Marie Gustave Le Clézio derzeit nur das schwarzweiß illustrierte Büchlein „Der Afrikaner“ lieferbar (Hanser), in dem der 1940 in Nizza geborene Sohn einer Französin und eines britischen Arztes autobiografische Kindheitserinnerungen verarbeitet: Eine Mutter besucht mit ihren zwei Söhnen Nigeria, dort lernt der Achtjährige einen mürrischen, strengen Mann kennen, seinen Erzeuger. Der reist so gerne, wie das später der Autor tun wird. Le Clézio lebte als Kind auf Mauritius, später in England, Thailand, Panama, Mexiko und auf einem Eiland im Indischen Ozean. Studiert hat er in Nizza, Literatur und Philosophie. Eine Dissertation über Lautréamont blieb unvollendet. Für Le Clézio ist nicht Afrika das Herz der Finsternis, sondern Europa der dunkle Kontinent.

Und wie erinnert sich der Autor? Er liebt das Kleine, die Idylle, dafür lieben ihn viele Franzosen. Von seinem Kitsch aber könnte Hedwig Courths-Mahler lernen. Eine Kostprobe aus dem Finale von „Der Afrikaner“:

Erst jetzt beim Schreiben begreife ich es. Diese Erinnerung ist nicht nur die meine. Sie ist auch die Erinnerung an die Zeit, die meiner Geburt vorausging, als mein Vater und meine Mutter gemeinsam über das Hochland in den Königreichen Westkameruns ritten. Die Erinnerung an die Hoffnungen und Ängste meines Vaters, an seine Einsamkeit, seine Verzweiflung in Ogoja. Die Erinnerung an die glücklichen Momente, als mein Vater und meine Mutter vereint waren in Liebe und glaubten, sie würde ewig währen.

An Proust erinnert das nicht. Aber Le Clézio galt 1963 in Paris als Hoffnung für die Erneuerung der versponnenen französischen Literatur nach der anstrengenden Periode des nouveau roman. Sein Erstling „Le procès-verbal“ („Das Protokoll“) wurde hymnisch gelobt und mit dem Prix Renaudot prämiert, weil hier wieder jemand unbekümmert erzählte. Der Autor wollte den Leser, wie er im Vorwort raunte, wieder mit-leiden lassen. Der Held dieses grotesken, abgehobenen Märchens, Adam Pollo, endet in Aphasie, verliert das Sprachvermögen.

 

Antiwestliche Gefühle

Le Clézio aber schreibt weiter, bisher mehr als 30 Bücher, Romane, Essays, Reiseberichte. Zu den bekanntesten gehört „Voyages de l'autre côté“ („Reisen auf die andere Seite“, 1975), ein komplexer Text mit der Heldin Naja Naja (Brillenschlange) und ihren Freunden Alligator Barks, Ginn Fizz und Yamaha, die surreale Abenteuer bestehen, durch Gegenstände fliegen, seltsam amorph sind; ein 68er-Traum, eine sympathische Wundertüte, wie im Drogenrausch verfasst.

Bodenständiger wirkt der Roman „Désert“ („Wüste“, 1980/89), der im Marokko der Kolonialzeit und in der Gegenwart spielt. Die schöne Lalla kommt aus ihrem Dorf nach Marseille, in ein Leben voller Angst, Armut und Entfremdung. Hier herrschen Gauner; reuevoll kehrt sie zu den Wurzeln zurück. In diesem Werk ist die antiwestliche Haltung bereits hübsch ausgebildet, die Sprache ist schlicht und erlesen. Sehr lyrisch ist die abenteuerlich-diffuse Familiensaga „La quarantaine“ geraten („Ein Ort fernab der Welt“, 1995/2000), sie spielt auf der Sehnsuchtsinsel Mauritius. Das Paradies aber ist für die Helden Jacques und Léon Archambau Himmel und Hölle zugleich. Für jung gebliebene Zivilisationskritiker und Freunde parfümierten Wortgeklingels ist auch dieses Buch lohnenswert. Sogar der Aussteiger Rimbaud kommt vor.

Man findet dort aber keine Stubenhocker wie Thomas Pynchon oder Philip Roth, keine Provinzheinis wie Cormac McCarthy oder Richard Ford. Die wären viel zu provinziell für die unendliche Leere, die Schwedens Jury unter Weltliteratur versteht.

Jean-Marie Gustave Le Clezio 1963
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Jean-Marie Gustave Le Clezio 1963
(c) AP

Le Clézio: Seine Bücher

Auf Deutsch erschienen u. a. „Wüste“, „Der Goldsucher“, „Ein Ort fernab der Welt“ und „Revolutionen“, „Der Afrikaner“.

Hauptthema ist der Kampf zwischen moderner Zivilisation und paradiesischen vormodernen Welten. Die Helden sind meist nomadische Einzelgänger. Von 1970 bis 1974 nahm Le Clézio am Leben der Indianer in Panama teil – diese Erfahrung schlug sich in vielen Werken nieder.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2008)

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