Literatur-Nobelpreis für Le Clézio: Parfümierter Sozialkitsch

09.10.2008 | 19:09 |  NORBERT MAYER (Die Presse)

Die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften vergab am Donnerstag den Nobelpreis an Jean-Marie Gustave Le Clézio, einen weit gereisten französischen Schreiber, der 1963 in Paris weltberühmt wurde.

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Der Ständige Sekretär der Schwedischen Akademie der Wissenschaften, Horace Engdahl, ist unlängst dadurch aufgefallen, dass er die US-Autoren pauschal als zu isoliert und unwissend bezeichnete, als dass sie große Literatur schreiben könnten. Diese engstirnige Einschätzung, die sich der Weltliteratur der letzten Jahrzehnte geradezu verschließt, hat mancherorts Erstaunen hervorgerufen – nicht aber in Stockholm. Auch eine halbherzige Entschuldigung des Sekretärs kann nicht verbergen, dass bei ihm zu Hause seit geraumer Zeit politisch links engagierte Dichter bevorzugt werden. Das kann zu Glückstreffern führen wie bei Grass, Coetzee, Jelinek, zur Lachnummer wie bei Fo oder zu verspäteten Ehrungen wie bei Lessing, Pinter.

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Auf die Borniertheit der Akademie jedenfalls ist Verlass. Konsequent wurde von Engdahl und den weiteren schwedischen Juroren am Donnerstag ein weit gereister Franzose mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, ein fleißiger Schreiber, der dadurch auffällt, dass er außerhalb von Paris gar nicht auffällt, obwohl er seit 35 Jahren nette und bemühte Literatur produziert, die harte Kritik am kapitalistischen Westen übt, exotische Zivilisationen hingegen als naiv und glücklich darstellt. Ein Musterschwede.

Auf Deutsch ist von Jean-Marie Gustave Le Clézio derzeit nur das schwarzweiß illustrierte Büchlein „Der Afrikaner“ lieferbar (Hanser), in dem der 1940 in Nizza geborene Sohn einer Französin und eines britischen Arztes autobiografische Kindheitserinnerungen verarbeitet: Eine Mutter besucht mit ihren zwei Söhnen Nigeria, dort lernt der Achtjährige einen mürrischen, strengen Mann kennen, seinen Erzeuger. Der reist so gerne, wie das später der Autor tun wird. Le Clézio lebte als Kind auf Mauritius, später in England, Thailand, Panama, Mexiko und auf einem Eiland im Indischen Ozean. Studiert hat er in Nizza, Literatur und Philosophie. Eine Dissertation über Lautréamont blieb unvollendet. Für Le Clézio ist nicht Afrika das Herz der Finsternis, sondern Europa der dunkle Kontinent.

Und wie erinnert sich der Autor? Er liebt das Kleine, die Idylle, dafür lieben ihn viele Franzosen. Von seinem Kitsch aber könnte Hedwig Courths-Mahler lernen. Eine Kostprobe aus dem Finale von „Der Afrikaner“:

Erst jetzt beim Schreiben begreife ich es. Diese Erinnerung ist nicht nur die meine. Sie ist auch die Erinnerung an die Zeit, die meiner Geburt vorausging, als mein Vater und meine Mutter gemeinsam über das Hochland in den Königreichen Westkameruns ritten. Die Erinnerung an die Hoffnungen und Ängste meines Vaters, an seine Einsamkeit, seine Verzweiflung in Ogoja. Die Erinnerung an die glücklichen Momente, als mein Vater und meine Mutter vereint waren in Liebe und glaubten, sie würde ewig währen.

An Proust erinnert das nicht. Aber Le Clézio galt 1963 in Paris als Hoffnung für die Erneuerung der versponnenen französischen Literatur nach der anstrengenden Periode des nouveau roman. Sein Erstling „Le procès-verbal“ („Das Protokoll“) wurde hymnisch gelobt und mit dem Prix Renaudot prämiert, weil hier wieder jemand unbekümmert erzählte. Der Autor wollte den Leser, wie er im Vorwort raunte, wieder mit-leiden lassen. Der Held dieses grotesken, abgehobenen Märchens, Adam Pollo, endet in Aphasie, verliert das Sprachvermögen.

 

Antiwestliche Gefühle

Le Clézio aber schreibt weiter, bisher mehr als 30 Bücher, Romane, Essays, Reiseberichte. Zu den bekanntesten gehört „Voyages de l'autre côté“ („Reisen auf die andere Seite“, 1975), ein komplexer Text mit der Heldin Naja Naja (Brillenschlange) und ihren Freunden Alligator Barks, Ginn Fizz und Yamaha, die surreale Abenteuer bestehen, durch Gegenstände fliegen, seltsam amorph sind; ein 68er-Traum, eine sympathische Wundertüte, wie im Drogenrausch verfasst.

Bodenständiger wirkt der Roman „Désert“ („Wüste“, 1980/89), der im Marokko der Kolonialzeit und in der Gegenwart spielt. Die schöne Lalla kommt aus ihrem Dorf nach Marseille, in ein Leben voller Angst, Armut und Entfremdung. Hier herrschen Gauner; reuevoll kehrt sie zu den Wurzeln zurück. In diesem Werk ist die antiwestliche Haltung bereits hübsch ausgebildet, die Sprache ist schlicht und erlesen. Sehr lyrisch ist die abenteuerlich-diffuse Familiensaga „La quarantaine“ geraten („Ein Ort fernab der Welt“, 1995/2000), sie spielt auf der Sehnsuchtsinsel Mauritius. Das Paradies aber ist für die Helden Jacques und Léon Archambau Himmel und Hölle zugleich. Für jung gebliebene Zivilisationskritiker und Freunde parfümierten Wortgeklingels ist auch dieses Buch lohnenswert. Sogar der Aussteiger Rimbaud kommt vor.

Man findet dort aber keine Stubenhocker wie Thomas Pynchon oder Philip Roth, keine Provinzheinis wie Cormac McCarthy oder Richard Ford. Die wären viel zu provinziell für die unendliche Leere, die Schwedens Jury unter Weltliteratur versteht.

(c) AP Jean-Marie Gustave Le Clezio 1963

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Le Clézio: Seine Bücher

Auf Deutsch erschienen u. a. „Wüste“, „Der Goldsucher“, „Ein Ort fernab der Welt“ und „Revolutionen“, „Der Afrikaner“.

Hauptthema ist der Kampf zwischen moderner Zivilisation und paradiesischen vormodernen Welten. Die Helden sind meist nomadische Einzelgänger. Von 1970 bis 1974 nahm Le Clézio am Leben der Indianer in Panama teil – diese Erfahrung schlug sich in vielen Werken nieder.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2008)

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16 Kommentare
Gast: Clea
21.10.2008 13:32
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Gegenmeinung !

Irgendwie kann man diese Lawine an was ? die Worte fehlen mir ! zwischen unsinn , blödsinn, idiotie , und engstirnigkeit (sehr gelinde gelinde) muss man wanken, keiner hat von ihm etwas gelesen und schon gar nicht im original Text aber alle reden !!! Von einem Leser erfahren wir , Pessoa wäre für den inkriminierten Schweden eine Referenz gewesen, nunmal, er wählte Le Clezio und das ist kein Zufall , ich sehe da sehr wohl eine Verwandschaft und keine Ursache sich im Grab umzudrehen , es wäre nur für ein Freudetänzchen. Ob der Referent gerne tanzt , das weiss ich nicht , aber ich würd sagen eher nein, und wenn schon dann sehr gespreizt .... Ich jedenfall jubelte, , endlich einer, der es verdient, meine herrn und damen intellectual correct, dem Referenten ist nicht zu helfen , so ist es , dass eine Zeitung wie Die Presse ihren Lesern dieses Urteil oktruiert, ohne Gegenmeinung aufzwingt,absolutistisch, das nenne ich intellectueller Terror !

Gast: radh
10.10.2008 12:45
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Europa, Herz der Weltliteratur

Man kann für LeClezio vielleicht sagen, daß er Literatur ernst nimmt. Aber, wieso tun Updike oder Roth das nicht? AntiUSAismus ist einfach die beliebteste Abart des Rassismus. Ein bißchen albern, daß jemand so populistisches gegen populäre Schreiber wettert.
Noch schlimmer finde ich aber den grenzenlos blöden Eurozentrismus: 7 Europäer und 2 Andere haben diesen Preis zuletzt gewonnen, eine neue irreale und irgendwie faschistoide Weltkarte.
Japan z. B. hat wohl insgesamt ganze 2 Preisträger.

Re: Europa, Herz der Weltliteratur

Die schreiben ja auch nicht richtig, sondern malen nur so komische kleine Piktogramme.

Gast: X
10.10.2008 11:32
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STUDENY

zu spät!!!

Gast: mouritzen
10.10.2008 11:32
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Beste Artikel ueber den Nobelpreis

Das hier ist der beste Artikel ueber den Nobelpreis der letzen paar Jahre. Der Autor hat genau begriffen dass die Schwedische Akademie aus Lesern protestanischer Provenienz bestehen, fuer die Litteratur als 'Haltung', d.H. DOXA, gelesen wird. Ihre Art und Weise Litteratur zu verstehen ist derart "unkuenstlerisch" und naiv. Litteratur wird dadurch zu Surrogat politischer und moralischer Einfluss - genau wie die Predigt in die swedische Kirche. Die Skandalaussage von Engdahl ("amerikanische Litteratur ist von ihrer Massenkultur zu beeinflusst") muesste man in die Kunst transponieren: kein Warhol, kein Rauschenberg, kein Johns, kein Hockney, kein Kelley, McCarthy ... unvorstellbar! - Der Favoritschriftsteller von Engdahl heisst Pessoa (Bernardo Soares) - wenn er heute leben wuerde, haette er aber bei dieser Preisverleihung keine Chance. Uebrigens verdient John Ashbery den Preis mehr als jede anderer Schriftsteller, aber er schriebt weder Leserbriefe noch Kitsch.

Antworten Gast: Literrrat
12.10.2008 14:13
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Blick in den Duden?

Ich seh‘ das ja nicht so eng, mit der Rechtschreibung, aber das Wort Literatur richtig zu schreiben wär‘ kein Luxus…

Der Autor hat übrigens gar nichts begriffen, sondern bestenfalls von jemandem, der etwas begriffen hat, abgeschrieben. Oder wo sonst sollte in so kurzer Zeit – von Bekanntgabe eines (dem Autor vollkommen unbekannten Preisträgers) bis Redaktionsschluss – so "fundierte" Informationen herkommen? Obwohl auf dem Mist des Herrn Mayer so einiges wächst, bezweifle ich, dass dort so etwas so rasend schnell wächst, das geht nur mit Kunstdünger. Ziemlich anmaßend jedenfalls, dieser Herr Mayer.

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zur Arbeit der Akademie allgemein:

manche, die den Nobelpreis verdienen würden, besonders im Bereich Naturwissenschaften erleben es gar nicht mehr, bis diese bornierten alten Knaben einmal draufkommen, dass der NP für eine wissenschaftliche Leistung und in zeitlicher Nähe zu dieser vergeben werden muss.
Das was schon seit längerem geschieht ist, dass Pensionisten am Ende ihrer Laufbahn noch schnell mit Ehren beworfen werden, so wie alternde Schauspieler halt den Oskar für das Lebenswerk bekommen, nichts greifbares,
ein Armutsbekenntnis der Nobelpreiskommission und keine Hilfe für die Entwicklung der Wissenschaft.

Nobel muß in seinem Grab rotieren!

Gast: grubenhund
10.10.2008 10:57
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doch eine positive seite hat diese botschaft schon:

europäischer Mist hat es geschafft, mit dem amerikanischen wenigstens gleichzuziehen. Wenn die Auswahl schon so uniform und eintönig ist, warum dann in die Ferne schweifen?

Klingt immerhin nach Fortschritt

gegenueber Jelinek.

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Zum Vergessen

Wenn die akademie bei den Preisen für naturwissenschaftliche Leistungen eine ebenso große Ignoranz an den Tag legt, wie beim bei ihrer Auswahl für den Nobelpreis für Literatur, dann wird es Zeit, auf den Nobelpreis zu verzichten. Schade, er war bis jetzt ein Gradmesser für künstlerische und wissenschaftliche Leistungen. Wahrscheinlich werden die Amerikaner oder Chinesen einen Preis verleihen und damit ihren Vorsprung vor Europa weiter ausbauen.

Was soll man von einem Rezensenten halten ...

... der gern Jelinek liest?
Wird wohl auch irgendeinen Kindheitsschaden haben.
Nachdem er sich über den Franzosen lustig macht, wird er möglicherweise sogar empfehlenswert sein. Ich werde mir das Buch jedenfalls besorgen.
Noch dazu schreibt er schön (parfümiertes Wortgeklingen). Was mich wiederum an Adorno erinnert, der Chormusik ablehnt, weil sie glücklich macht.
Ich denke, dass das mit dem Kindheitsschaden nicht allzu wei hergeholt ist. Herr Meyer sollte sich vielleicht einige Tage in ein Kloster begeben, Seele und Geist reinigen.

Antworten Gast: Antibolschewik
10.10.2008 11:55
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Re: Was soll man von einem Rezensenten halten ...

Sehr gut! Na und das mit dem Fo? Mich bringt der nicht zum Lachen.Vielleicht das Majakovskij Plagiat "Mistero buffo" oder der Kaufhausthriller "Bezahlt wird nicht"! Ich glaube der Herr Rezensent ist eher einer von den Busek-Schwarzen die glauben wenn sie als bunte Vögel im Swingerklub die Internatiopnale auf Hebräisch singen von den Linken Stimmen für die ÖVP lukrieren!

???

da sind v.a. US Amerikan. Schrifsteller in der Oberliga der erfolgreichsten Autoren der Welt überproportional vertreten (Auster & seine Frau Hustved, Franzen, Grisham, Roth, Wolfe,Irving,..) und da verzapft dieser kleine Schwedenwicht so etwas, wie die seien alle isoliert.
Das nenne ich eine Schwedenbombe!

q.e.d.

"Autor neuer Ansätze, poetischer Abenteuer und sinnlicher Exstase, Erforscher neuer Menschlichkeit jenseits und unterhalb der herrschenden Zivilisation"

Irgendwie klingt das nicht gerade Vertrauen erweckend...

Scheint, als ob zumindest zwei oder drei der von mir im anderen Thread genannten "Qualifikationseckpunkte" für einen Literaturnobelpreisträger (ganz links, 68er, freizügige Beschreibungen, bekannt für Pöbeleien gegen George W.Bush) durchaus erfüllt sein dürften...


Gast: tc_t
09.10.2008 13:32
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nun hauptsache das kommitee kennt seinen namen...


Re: nun hauptsache das kommitee kennt seinen namen...

Heute habe ich in den Nachrichten gehört, daß sich Reich-Ranicky eigenen Angaben zufolge "nie mit diesem Schriftsteller befaßt habe" und sich auch Sigrid Löffler sehr erstaunt über diese Entscheidung des Nobelpreiskomitees zeigte.

Le Clezio hat 30 Romane verfaßt; 16 davon wurden ins Deutsche übersetzt. Trotzdem kennt ihn im deutschen Sprachraum kaum ein Mensch. Aber das Nobelpreiskomitee hat ja seit jeher einen ganz speziellen literarischen Geschmack entwickelt...


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