Berlin Der Tomatensaft ist der Star der Lüfte. Doch wenn Flugzeuge nicht starten, weil Flugbegleiter streiken, kommt er am Boden zum Einsatz. Am Dienstag verteilten Lufthansa-Mitarbeiter den gesunden Trunk in Berlin-Tegel, um die erhitzten Gemüter der Passagiere zu kühlen. Annulliert, gestrichen, cancelled: Das verkündete die Leuchtschrift für über 300 Flüge in Frankfurt, Berlin und in München. Der zweite Warnstreik traf Passagiere und Fluglinie weit härter als der erste am Freitag. Er sorgte auch in Wien für Ausfälle; um zu helfen, setzte die Tochter AUA größere Flugzeuge zu den betroffenen deutschen Airports ein.
Übermorgen, Freitag, dürfte gar nichts mehr gehen: Dann will die Flugbegleitergewerkschaft UFO Deutschland flächendeckend 24 Stunden lang bestreiken.
Drei Stunden lang warteten gestern viele Passagiere an den Informationsschaltern. So manche Passagiere checkten ihr Gepäck ein und erfuhren erst am Flugsteig, dass ihre Verbindung gestrichen war. Das Chaos hat eine Ursache: Die UFO gibt ihre Streikpläne erst sechs Stunden zuvor bekannt. „Nadelstiche“ nennt sie diese Taktik, als Vorbereitung für einen flächendeckenden Streik, der „das Land lahmlegen“ werde. Damit wollen die 18.000 Flugbegleiter ihrem eigenen Unternehmen „so viel Schaden wie möglich zufügen“.
Für die Lufthansa ist das ein „Schlag ins Gesicht“ der Kunden. „Das ist alles nicht mehr lustig“, ärgert sich ein Sprecher. Bei der Gewerkschaft zuckt man mit den Schultern: Die Passagiere „verlieren einen Urlaubstag, für uns geht es um die Zukunft“.
Ergebnis bröckelt wie der Stolz
Nur so ist dieser Arbeitskampf zu verstehen. Denn auf den ersten Blick bietet die Konzernleitung nicht wenig: Sie will künftig auf Leiharbeit und befristete Arbeitsverträge verzichten, die Gehälter sollen (nach drei Nulllohnrunden) um 3,5 Prozent steigen, mit einer Laufzeit von drei Jahren. Die Gewerkschaft fordert fünf Prozent für 15 Monate. Das scheint keine unüberbrückbare Kluft zu sein.
Doch keine Seite kehrt an den Verhandlungstisch zurück. Denn von ihren entscheidenden Plänen rückt die AUA-Mutter nicht ab: eine Abflachung der steilen Gehaltskurve und die Gründung einer Billigflugtochter. Europas größte Fluglinie, bisher eine solide Bastion, schreibt (leicht) rote Zahlen. Nicht nur hohe Kerosinpreise, Luftverkehrsabgabe und Nachtflugverbote machen ihr zu schaffen. Bedrohlich ist vor allem das Erstarken der Konkurrenz. Das Europa-Geschäft ist chronisch defizitär; hier punkten die Billigfluglinien Ryanair und Easyjet. Das gute Geld brachte bisher die Langstrecke, auf der die neuen Stars Emirates und Turkish Airlines mit mehr Komfort und besserem Service aufholen. Um in die Langstrecke investieren zu können, müssen die Personalkosten mittelfristig sinken. Und auf der Kurzstrecke, ist das Management überzeugt, kann man die „Diskonter“ nur mit ihren eigenen Waffen schlagen.
Die Hanseaten hingegen sind stolz, mehr zu verdienen als ihre Kollegen bei anderen Fluglinien: Für den Kranich zu arbeiten war immer etwas Besonderes. Dieser Stolz bröckelt. „Altersarmut – ein Produkt der Lufthansa“ heißt es bitter auf einem Transparent. Es kann also dauern: Dass es um die Zukunft geht, ist kein gutes Zeichen für die Zukunft dieses Streiks.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2012)







Inflation, Hyperinflation oder Deflation?Mag. Zareh Mossessian, Trainer der Wiener Börse Akademie

