Eurokrise: Die Lunte glimmt und keiner tritt sie aus

Die Kürzel „CDS“ und „Target 2“ wird man sich merken müssen: Dahinter verstecken sich unentschärfte Eurobomben mit sehr hohem Drohpotenzial – mit denen die Politik ganz offensichtlich nicht umgehen kann.

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(c) EPA (Pascal Pavani)

Die unter den (reichlich eingetrübten) Augen von Notenbank und FMA mit mehrjährigem Anlauf erfolgte ÖVAG-Pleite wird einmal als Lehrbeispiel dafür dienen, wie Untätigkeit, Fehleinschätzung, Lobbyistenhörigkeit und Lernresistenz geradewegs in die Katastrophe führen: Die Banken fuhrwerken, als hätte es kein 2008 gegeben, und die Politik erweist sich als unfähig, aus der Beinahekatastrophe der letzten Finanzkrise die notwendigen (und in der Theorie längst erkannten) regulatorischen und sonstigen Konsequenzen zu ziehen.

Das ist aber kein österreichisches Phänomen, sondern hat durchaus europäische Dimensionen. Auch auf dieser Ebene hat man nichts gelernt und steuert geradewegs in Katastropheszenarien. In den Eurokellern glimmen nämlich Lunten an so manchen Bomben vor sich hin, deren Detonation durchaus das gesamte Gebäude zum Einsturz bringen könnte. Unter vielen anderen wird man sich da zwei Kürzel merken müssen: „CDS“ und „Target 2“.

Ersteres sind Staatsanleihenversicherungen, die sich längst als Spekulationsobjekt verselbstständigt haben und damit durchaus zur ernsten Gefährdung des Weltfinanzsystems werden könnten. Zweiteres ist das interne Zahlungssystem der Euronotenbanken, das offenbar in größerem Stil zur versteckten Subventionierung von südeuropäischen Euroländern missbraucht worden ist – und das jetzt vor allem Deutschland, aber auch die Niederlande und Finnland in ein ernstes Dilemma stürzt. Beide sind mit ein Grund dafür, wieso so verzweifelt und unter Einsatz so großer Volumina versucht wird, Griechenland vor dem „Default“ zu retten.

Wobei zumindest die Sache mit den CDS (Credit Default Swaps) schieflaufen dürfte: Gestern, Mittwoch, beriet die International Swaps and Derivates Association darüber, ob der Schuldenschnitt in Griechenland als „Kreditereignis“ (Zahlungsausfall) gewertet wird. Und am 9. März liegt der nächste Stolperstein im Weg: Stimmen bis dahin nicht genügend private Anleihegläubiger „freiwillig“ dem Schuldenschnitt zu, dann ist das „Kreditereignis“ auf jeden Fall perfekt.

In diesem Fall werden die CDS auf griechische Anleihen zur Auszahlung fällig. Und dann kommt wohl eine Lawine ins Rollen, deren Dimension sich noch niemand so recht vorstellen kann oder will. Diese als Ausfallsversicherung konzipierten Derivate werden nämlich weitgehend unreguliert und völlig intransparent emittiert, gehandelt und verbucht. Und sie haben sich längst verselbstständigt – ganz so wie die verbrieften US-Hypotheken (Asset Backed Securities, ABS), die die Finanzkrise 2008 ausgelöst haben.

Mit anderen Worten: Niemand kann mehr seriös sagen, wo welches CDS-Risiko schlummert. Mit dem Resultat, dass ein CDS-auslösendes „Kreditereignis“ die Finanzwirtschaft sehr schnell auf eine Weise zum Stillstand bringen kann, wie wir das schon im Herbst 2008 gesehen haben. Die Anlageexpertin einer Schweizer Großbank hatte im Gespräch mit der „Presse“ gestern für ein solches „Kreditereignis“ nur ein Wort: „Katastrophe.“ Wir sollten uns vorsichtshalber darauf einstellen.

 

Dass daran der Euro ganz zerbricht, ist aber eher unwahrscheinlich. Das können sich nämlich die Deutschen nicht mehr leisten. Der Grund dafür heißt „Target 2“, ist das im Prinzip ganz harmlose Clearingsystem, mit dem die Euronotenbanken ihre Zahlungen untereinander abwickeln – und steckt in einer schweren Schieflage.

Während die „Target 2“-Salden bis 2007 immer recht ausgeglichen waren (wie bei einem Clearingsystem erwartet werden kann), haben sich seit Beginn der Eurokrise schwere Ungleichgewichte aufgebaut. Während die Verpflichtungen der südeuropäischen Länder gegenüber dem „Target 2“-System in letzter Zeit explodiert sind, sind die Forderungen Deutschlands, Hollands, Finnlands und Luxemburgs an das System ebenso extrem in die Höhe geschossen.

Begründet wird das mit Leistungsbilanz-Ungleichgewichten, was aber das explosive Auseinanderklaffen der Salden nicht erklären kann. Wirtschaftswissenschaftler, allen voran der Deutsche Hans Werner Sinn, vermuten eher, dass auf diese Art eine versteckte zusätzliche Stützung der südeuropäischen Länder in riesigem Ausmaß im Gang ist. (An der sich, wenn das so ist, Österreich übrigens nicht beteiligt: Die OeNB hat einen deutlich negativen „Target 2“-Saldo).

In der Zwischenzeit sind die gigantischen „Target 2“-Ungleichgewichte jedenfalls zu einer Art Koste-es-was-es-wolle-Bestandsgarantie für den Euro geworden. Die deutschen Forderungen an das System haben nämlich die gigantische Summe von 530 Mrd. Euro erreicht. Weil die Zahlungen der Notenbanken untereinander über die Euronotenbank laufen, besteht diese Forderung gegenüber der EZB. Würde der Euro – und damit die EZB – völlig zerbrechen, dann wäre das plötzlich eine uneinbringliche Forderung ans Salzamt. Und das kann sich nicht einmal die stärkste Wirtschaftsnation des Euroraums leisten.

Griechenland wird den Euro also schon deshalb nicht zu Fall bringen. Aber die Drohpotenziale, die überall lauern, sind nur mäßig lustig. Und der Unwille beziehungsweise die Unfähigkeit der Politik, diese zu entschärfen, noch weniger.


E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2012)

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