Finanzsystem: Tage der Wahrheit

Vehement haben Notenbanker und die Politik vor "unabsehbaren Folgen" einer griechischen Pleite gewarnt. Nun ist der Zahlungsausfall des Eurolandes Realität. Steht der Finanzcrash 2.0 vor der Tür?

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(c) REUTERS (ALEX DOMANSKI)

Es ist zwei Jahre her, dass Mario Draghi, damals italienischer Zentralbankchef, vor die Mikrofone getreten ist und gesprochen hat: „Versicherungen auf Staatsanleihen könnten nach einer Pleite Griechenlands ein Systemrisiko darstellen.“ Mittlerweile ist Draghi Chef der Europäischen Zentralbank und Griechenland offiziell insolvent.

Denn seit diesem Wochenende steht fest, dass der hellenische Schuldenschnitt ein „Kreditereignis“ darstellt. Soll heißen: Sogenannte „Credit Default Swaps“, Versicherungen auf griechische Staatsanleihen, werden schlagend. Jener Fall, vor dem der mächtigste europäische Banker vor zwei Jahren so eindringlich gewarnt hat, ist eingetreten. Mit Spannung wartet die Finanzwelt nun auf die Reaktion an den Börsen. „Die Presse“ beantwortet die wichtigsten Fragen in diesem Zusammenhang.

1. Warum lässt die Pleite eines kleinen Landes die Finanzwelt zittern?

Weil unklar ist, welche Bank in welchem Ausmaß von der Fälligkeit der CDS betroffen sein wird. Zwar gibt es Schätzungen, wie viele solcher Versicherungen sich im Umlauf befinden (siehe Frage 2). Allerdings werden CDS nicht an geregelten Marktplätzen gehandelt. Jedem Institut steht es frei, diese Finanzinstrumente „over the counter“, also außerhalb regulierter Börsenplätze, zu kaufen und zu verkaufen. Deshalb könnten in den Bilanzen mancher Banken bisher unbekannte „Leichen“ in Form griechischer CDS schlummern.

2. Um welche Summen geht es bei griechischen CDS?

Der US-Derivateverband DTCC will erfragt haben, dass weltweit ein Nettovolumen von 3,2 Milliarden Dollar an griechischen CDS im Umlauf ist. Bei dieser Schätzung sind von ein- und demselben Institut ge- und verkaufte CDS gegeneinander aufgerechnet. Allerdings haben gegengerechnete CDS oft unterschiedliche Fälligkeiten, weshalb der Bruttowert von 70 Mrd. Dollar aussagekräftiger ist.

Ein Beispiel: Die Deutsche Bank muss als Verkäufer von Versicherungen auf griechische Anleihen bis zu 4,4 Milliarden Euro zahlen. 4,3 Milliarden Euro bekommt das Institut als Käufer solcher CDS wieder zurück – jedoch zu einem anderen Zeitpunkt. Der im Umlauf befindliche Nettowert beläuft sich also auf 100 Millionen Euro, der Bruttowert auf 4,4 Milliarden Euro. Der Bruttowert ist relevanter, weil es sein kann, dass die Bank weniger zurückbekommt – etwa, wenn ein Vertragspartner in der Zwischenzeit bankrottgegangen ist.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich Banken auch gegen fällige CDS erneut versichern konnten, sozusagen CDS auf CDS gekauft haben. All diese Punkte machen es schwierig, genau zu sagen, wie groß das Risiko für das Finanzsystem nun tatsächlich ist.

3. Droht der weltweiten Hochfinanz ein zweites Lehman Brothers?

Wenn der genannte Bruttowert von 70 Milliarden Dollar an griechischen CDS stimmt, dann eher nicht. Schätzungen zufolge war das im Umlauf befindliche Volumen an Versicherungen auf eine Lehman-Pleite 2008 zumindest siebenmal so hoch. Es kann also durchaus sein, dass sich die von der Politik immer wieder betonten „unabsehbaren Folgen“ einer Pleite Griechenlands als gar nicht so dramatisch herausstellen. Doch Vorsicht ist geboten, weil es sich bei allen genannten Zahlen nur um Schätzungen handelt.

4. Wer hält CDS auf griechische Staatsanleihen?

Keineswegs nur Hedgefonds. Auch Pensionsfonds und Kleinanleger kaufen CDS, um sich vor der Pleite eines Landes zu schützen. Wie sich mittlerweile herausgestellt hat, hält auch die KA Finanz, die Bad Bank der auf Gemeindekredite spezialisierten Kommunalkredit, griechische CDS von 400 Millionen Euro – wofür der österreichische Steuerzahler wird geradestehen müssen.

5. Warum verbietet man diese gefährlichen CDS nicht einfach?

Da die Investoren dann die Finger von Staatsanleihen zahlreicher Länder ließen, möglicherweise auch von italienischen und spanischen. Sich vor einem möglichen Zahlungsausfall zu schützen zählt zu den wichtigsten Grundregeln des Investierens. Immer wieder diskutiert wurde in den vergangenen Jahren, Investoren den Kauf von CDS nur zu erlauben, wenn sie auch das dem Geschäft zugrunde liegende Wertpapier besitzen. Dieser Versuch scheitert unter anderem daran, dass der CDS-Markt kaum reguliert ist. Eine Überprüfung wäre deshalb schwer möglich.

6. Wie hätte die Politik für die jetzige Situation vorsorgen können?

Indem sie, wie seit der Lehman-Pleite 2008 immer wieder angekündigt, ein Insolvenzrecht für Banken geschaffen hätte. Nach wie vor ist unklar, wie mit Großbanken umgegangen werden soll, die – etwa durch den Verkauf von CDS – zu viele Risken auf sich genommen haben. Existierte eine Möglichkeit, insolvente Institute „abzuwickeln“, würde dies das Finanzsystem stabiler machen. Eine immer wieder geäußerte Forderung in diesem Zusammenhang lautet: Nicht ganze Institute retten, sondern den Investmentarm in die Pleite schicken und dem „klassischen“ Bankgeschäft wieder auf die Beine helfen.

7. Inwiefern ist Österreich von der griechischen Pleite betroffen?

Finanzministerin Maria Fekter (ÖVP) betont, dass die Hilfe für Griechenland ein Geschäft für die Steuerzahler ist. 1,56 Milliarden Euro sind bislang an Krediten nach Griechenland geflossen. Dafür bezahlten die Hellenen Zinsen von 62,6 Millionen Euro.

Doch muss Österreich die Hilfsgelder selbst auf den Kapitalmärkten refinanzieren. Geht man von einem Zinssatz von drei Prozent aus, sind 46,8 Millionen Euro pro Jahr für die geliehenen 1,56 Mrd. Euro fällig. Ob Griechenland die Hilfsgelder zurückzahlen wird, wird sich erst in Jahren zeigen – wenn klar sein wird, ob die Hellenen den angestrebten Schuldenabbau schaffen.

Abgesehen davon muss der Steuerzahler wegen der griechischen Insolvenz der staatlichen KA Finanz wohl weiteres Geld zuschießen – voraussichtlich bis zu einer Milliarde Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2012)

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