Alpbach. Am Zeitplan will Umwelt- und Landwirtschaftsminister Nikolaus Berlakovich (ÖVP) offiziell nicht rütteln. Noch in diesem Herbst sollen die ersten Tankstellen E10 anbieten - den umstrittenen Treibstoff mit zehn Prozent Ethanolanteil aus Getreide. Doch egal wann der Agrarsprit an den Tanksstellen landen wird, eines scheint klar: er wird es schwer haben, preislich mit dem Konkurrenten an der Zapfsäule mitzuhalten.
„Das Steuerzuckerl für E10 ist vom Tisch", sagt Berlakovich im Gespräch mit der „Presse". Ursprünglich war geplant, den Bioanteil im Treibstoff von der Mineralölsteuer zu befreien, so wie es beim derzeit an den Tankstellen verkauften Benzin mit fünfprozentiger Ethanol-Beimischung (E5) bereits der Fall ist. Ein Liter E10 hätte so mit 3,3 Cent bezuschusst werden sollen. Daraus wird nun nichts. Weder die zuständige Finanzministerin Maria Fekter (ÖVP) noch der Umweltminister wollen davon noch etwas wissen. Die früheren Kalkulationen der Mineralölwirtschaft seien überholt, sagt Berlakovich. Der Ölpreis steige stetig an, sodass keine zusätzliche steuerliche Entlastung für Biosprit notwendig sei. Damit sei auch die befürchtete Belastung der Autofahrer von 50 bis 160 Millionen Euro pro Jahr Geschichte.
Problem bei älteren Autos
An der Zapfsäule wird E10 damit aber aller Voraussicht nach teurer sein als herkömmliches Superbenzin (E5). Und so wichtig eine Reduktion des CO2-Ausstoßes im Verkehr auch ist, für die Politiker wird es damit noch schwieriger werden, den Autofahrern den Griff zum umweltschonenden Sprit schmackhaft zu machen. Diese haben ohnedies schon Grund genug zu zögern. Denn nicht alle Autos vertragen den hohen Alkoholanteil im Treibstoff. Bei älteren Modellen kann es im schlimmsten Fall sogar zu Motorschäden kommen, weil das Ethanol zu einer erhöhten Korrosion von Aluminum- und Kunststoffteilen (etwa Leitungen oder Dichtungen) führt.
Was passiert, wenn Autofahrer aus Sorge um ihren Wagen den neuen Biosprit nicht tanken wollen, zeigt das Beispiel Deutschland. Dort fühlte sich bei der Einführung von E10 niemand zuständig, den Autofahrern zu erklären, welche Modelle E10 vertragen. Heute verzichten vier von fünf Deutschen auf E10. Das Umweltministerium will mit einer umfassenden Informationskampagne gegensteuern.
Berlakovich bezweifelt auch, dass E10 zwangsläufig teurer sein müsse als herkömmliches Benzin. Die Preisgestaltung hänge letztlich davon ab, welchen Preis die Mineralölwirtschaft bei ihrem Ethanol-Lieferanten Agrana erzielen könne. Steige der Ölpreis weiter an, könne Agrarsprit zudem preislich schon bald mit fossilem Treibstoff mithalten. Die Mineralölindustrie sieht das freilich anders und warnt vor deutlich höheren Preisen für E10. Außerdem könnten im Rahmen der Einführung Kosten von bis zu 100 Millionen Euro für die Ölkonzerne anfallen. Zudem bräuchten die Tankstellenbetreiber eine Vorlaufzeit von rund einem Jahr für die Umrsütung.
Österreichweit erst 2017
„Technisch wird es tatsächlich immer schwieriger", räumt auch der Umweltminister mit Blick auf den geplanten Herbsttermin ein. Das Umrüsten der Tankstellen brauche Zeit und noch haben weder die Finanzministerin noch das Gesundheits- oder Verkehrsministerium (beide SPÖ-geführt) der Novelle zur Kraftstoffverordnung zugestimmt. Erst dann kann Berlakovich die Einführung zumindest tröpfchenweise starten. Der Minister will die Einführung trotzdem im Herbst starten. Zumindest einige Großtankstellen sollen E10 anbieten. In ganz Österreich wird der Agrarsprit auch im besten Fall frühestens 2017 zu haben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2012)
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