„Hier ist ein Korb, geben Sie bitte 100 Euro hinein.“ Der Mathematiker Rudolf Taschner streckt symbolisch die Hand zu der links von ihm sitzenden Umwelthistorikerin Verena Winiwarter aus und wiederholt die gleiche Handlung bei seiner anderen Sitznachbarin, der Ethnologin Klara Löffler. Er lasse das Geld, die 200 Euro, arbeiten („noch vor der Finanzkrise“), sagt Taschner und erzielt 300 Euro. Somit erhält jede Dame 150 Euro und macht einen Gewinn von jeweils 50 Euro.
Handlung 2: Winiwarter zahlt wieder 100 Euro ein, die am Spiel mitbeteiligte Löffler zahlt nicht ein. Taschner erzielt wieder 50 Prozent Gewinn, jede Dame bekommt nun 75 Euro. Jene, die die Zahlung verweigert hat, kommt nun auf einen Gewinn von 75 Euro, die Einzahlerin der 100 Euro auf einen Verlust von 25.
Handlung 3: Auch Winiwarter verweigert dieses Mal die Zahlung, Löffler ebenso, es gibt also kein Kapital und keinen Gewinn. „Es verliert keine der beiden“, so Taschner, „nichts geben ist also die sicherste Variante, der maximale Eigennutz.“
„Spieltheorie“ lautet der Titel, der über dieser Szene und damit über der gesamten Veranstaltung steht. Die „Wiener Vorlesungen“ haben für die von Klara Löffler moderierte Veranstaltung nach Alpbach eingeladen, und Hubert Christian Ehalt, Koordinator der Vorlesungen, gibt die Linie vor: „Es kann uns nicht egal sein: Sind wir Marionetten der Evolution oder haben wir einen eigenen Spielraum?“ Der Finanzmathematiker Walter Schachermayer geht das Thema von seinem Fachgebiet an. Da ist in den 1930er-Jahren in Wien eine Runde junger Mathematiker dem Problem von Angebot und Nachfrage nachgegangen. Die Komponenten waren Haushalte, Firmen, Güter. „Jede Seite will optimieren“, sagt Schachermayer. Das Ergebnis war die Formel eines Gleichgewichts, „ein einfaches Modell, bei dem der Zufall nicht vorkommt“.
Und wenn einer verliert, der andere gewinnt, dann sei das ja ein Nullsummenspiel. „Aber wenn alle kooperieren, kommt mehr heraus.“ Hier trifft sich Schachermayer mit Taschner.
Für Verena Winiwarter ist es ein Problem der postindustriellen Gesellschaft, dass diese durch ihre Überreglementierung immer weniger Zufälle zulässt. Später wechselt die Ökologin von Natur und Umwelt zu einem alltäglichen Bild: Die Haushaltsarbeit wird – das sei unbestritten – durch Geräte leichter. Je mehr Geräte es aber gibt, umso mehr steigt die Arbeit mit diesen. Ist es nun die Lösung, auf die meisten Geräte zu verzichten und mit weniger Gütern (dazu zählt auch das Mobiltelefon) mehr Zeit zu erwerben? Und: Wie bringt man Menschen dazu, ihre Präferenzen zu verändern?
Geänderte Präferenzen prägen auch die Geschichtsschreibung, wie Zeithistoriker Oliver Rathkolb ausführt. Wie etwa der Versuch einer Neubewertung. Eben sei eine „Antibiografie Dollfuß“ entstanden. Die Historiker, so wird deutlich, sind um die Schaffung neuer Betätigungsfelder nicht verlegen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.08.2010)


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