London/Reuters/B.l. Der Skandal um die Manipulation von Marktzinsen durch mehrere Großbanken ist um eine Facette reicher: Erklärungen der britischen Bank Barclays zufolge könnte auch die britische Notenbank in die Causa verwickelt sein. Vor einem Auftritt des zurückgetretenen Barclays-Chefs Bob Diamond vor dem Finanzausschuss des Parlaments lancierte das Institut Unterlagen, wonach die Bank of England von den künstlich nach unten gedrückten Zinssätzen gewusst habe.
Wollte Ministerium Niedrigzinsen?
Demnach soll der stellvertretende Chef der Bank of England, Paul Tucker, im Oktober 2008 per Telefon eine Empfehlung des Finanzministeriums an Barclays-Chef Diamond weitergegeben haben, wonach es „sicher nicht immer nötig“ sei, dass man so hohe Zinsen wie bisher angebe.
Daraus habe man bei Barclays abgeleitet, dass es genehm sei, niedrigere Zinsen zu übermitteln. Während der Finanzkrise könnte die Notenbank auf diese Weise versucht haben, weitere Unruhe an den Märkten wegen steigender Refinanzierungskosten der Banken zu vermeiden.
Der Hintergrund: Jeden Vormittag erhebt der britische Bankenverband, zu welchen Zinsen sich die wichtigsten Banken der Welt bei anderen Banken verschulden können. So errechnet er den „Libor“ (London Interbank Offered Rate). Dieser ist unter anderem Basis für viele Kredite. Ein hoher Libor führt demnach zu hohen Kreditzinsen.
Die Banken dürften zwischen 2007 und 2009 den Libor aber nach unten manipuliert haben. Denn während der Finanzkrise wollten sie vor allem vertrauenswürdig erscheinen und den Eindruck erwecken, dass sie sich selbst günstig refinanzieren könnten. Doch könnten sie auch durch Manipulationen Geld verdient haben. Vom Libor hängen Finanzprodukte im Volumen von etwa 350 Billionen Dollar (278 Billionen Euro) ab. Schon kleine Manipulationen haben hier große Auswirkungen.
Aufgeflogen ist der Skandal, weil sich die Libor-Zinsen in der Finanzkrise nicht wie erwartet entwickelten. Die US-Regulierungsbehörde CFTC vermutet, dass die Falschmeldungen schon 2005 begonnen haben.
Kürzlich hat Barclays als erste Bank gestanden, an den Manipulationen beteiligt gewesen zu sein. Die Bank hat sich mit Behörden in den USA und in Großbritannien verglichen und zahlt 363 Mio. Euro Strafe. Nicht nur Diamond musste den Hut nehmen, auch Verwaltungsratschef Marcus Agius und der für das Tagesgeschäft zuständige Vorstand Jerry del Missier verloren ihren Job.
Behörden aus den USA, England, Kanada und der Schweiz ermitteln aber auch gegen zahlreiche andere Banken, unter anderem die Deutsche Bank, JP Morgan, HSBC, Citigroup und Royal Bank of Scotland. Die Schweizer UBS hat schon vor Monaten mit den Behörden den Status eines Whistleblowers (Kronzeugen) ausverhandelt und darf nun mit einer geringeren Strafe rechnen.
Ex-Finanzminister dementiert
Die Bank of England wollte sich zu den Vorwürfen von Barclays nicht äußern. Der damals zuständige Finanzminister Alistair Darling meinte jedoch zum TV-Sender Channel Four: „Ich fände es absolut verwunderlich, wenn die Notenbank eine solche Empfehlung abgegeben hätte, und kann mir auch keine Umstände vorstellen, unter denen jemand speziell in meinem Verantwortungsbereich– dem Finanzministerium– so etwas getan hätte.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2012)

Städte-RankingWo die meisten Superreichen leben
KreativDie Welt der Werbung
Cash-KaiserDiese Firmen horten am meisten Bargeld
''Plagiarius''Dreisteste Fälschungen ausgezeichnet