Wien/B.l. Seit Anfang Juni befinden sich die Börsen wieder im Aufwärtstrend. Nehmen sie bereits das Ende der Krise vorweg? Oder handelt es sich bloß um eine sogenannte „Bärenmarktrallye“, einen kurzfristigen Anstieg mitten im Abschwung? Das Problem: Für beide Ansichten gibt es gute Argumente. Jeff Hochmann, Leiter der technischen Analyse bei der Fondsgesellschaft Fidelity, hat sie im jüngsten Marktkommentar der Gesellschaft genau unter die Lupe genommen.
Für steigende Kurse sprechen die günstigen Bewertungen. Relativ zu ihren Gewinnen sind die Firmen an der Börse im historischen Vergleich billig. Das allein reiche nicht als Kaufgrund, meint Hochmann. Aktien könnten lange Zeit billig und lange überteuert sein. Wenn es jedoch erneut zu einer Korrektur kommt und die Kurse in Europa und den USA um zehn Prozent fallen, rät der Experte zum Kauf. Dann wären die Papiere tatsächlich günstig bewertet und sollten langfristig positive Renditen abwerfen.
Hoffnung auf die Notenbanken
Die niedrige Inflation, die den sinkenden Rohstoffpreisen zu verdanken ist, dürfte den Konsum ankurbeln. Ebenso positiv würde sich eine weitere Lockerung der Geldpolitik durch die Notenbanken auswirken, und eine solche sei angesichts der schwächelnden Weltwirtschaft wahrscheinlich.
Doch auch für Pessimismus gibt es gute Gründe: Die Konjunkturaussichten sind trüb, was sich an den Preisen für Industrierohstoffe zeigt. Ein Auseinanderbrechen der Eurozone oder der ungeordnete Austritt eines Landes könnten eine dramatische Korrektur auslösen.
Auch langfristig sehen die Charts nicht gut aus. Seit mehr als einem Jahrzehnt kommen sie kaum vom Fleck. In den vergangenen Jahren gab es zwei große Abwärtswellen. Eine wurde durch das Platzen der New-Economy-Blase ausgelöst und erreichte in den Jahren 2002/03 ihren Tiefpunkt. Eine zweite kam infolge der Finanzkrise und erreichte 2008/09 ihren Tiefpunkt. Nun könnte eine dritte anstehen. Das, was sich seit einigen Wochen an den Börsen abspielt, wäre dann eine „antizyklische Rallye“.
Der Experte rät angesichts dieser Aussichten zu dividendenstarken Aktien, die ein Portfolio langfristig vor Verlusten schützen, wenn man die Dividende wieder anlege. Er gibt US-Aktien den Vorzug, da der Markt sehr vielseitig sei und immer wieder gute Anlagemöglichkeiten biete.
Firmenanleihen billig, aber riskant
Nicht alle Experten teilen die Ansicht. Einige weisen darauf hin, dass US-Aktien teuer sind. Hochmann empfiehlt schließlich Hochzinsanleihen: Firmen mit nicht so guter Bonität zahlen derzeit relativ hohe Zinsen. Auch hier ist aber Vorsicht geboten: Sollte es mit der Wirtschaft steil nach unten gehen, könnte es zu Ausfällen kommen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2012)

Städte-RankingWo die meisten Superreichen leben
KreativDie Welt der Werbung
Cash-KaiserDiese Firmen horten am meisten Bargeld
''Plagiarius''Dreisteste Fälschungen ausgezeichnet