Wien/Eid. Der Optimismus, den Voestalpine-Chef Wolfgang Eder zu Jahresbeginn versprühte, ist vorbei. Zwar geht es dem Linzer Stahlkonzern im Vergleich zu Mitbewerbern gut, was auf die Strategie weg von der reinen Stahlproduktion hin zur Weiterverarbeitung in Schienen, Karosserieteilen und Pipelinerohren zurückzuführen ist. Aber die Eurokrise schlägt den Kunden auf den Magen – und deren Verunsicherung über die weitere Wirtschaftsentwicklung bremst die Bestellungen.
Die Stahlkocher, die in den Boomzeiten vor 2008 für ihre Produkte (fast) jeden Preis verlangen konnten, sind daher jetzt auch mit fallenden Preisen konfrontiert. Das ist aber nur eine Seite der Doppelmühle. Die andere: Die Kosten für Rohstoffe wie Eisenerz sind zwar im zweiten Quartal um zehn bis 15 Prozent gesunken. Davon profitiert die Branche aber nicht. „Die Kunden verlangen diese Reduktionen sofort – wir haben die Rohstoffe aber noch zu höheren Konditionen eingekauft“, sagt Voest-Sprecher Peter Felsbach zur „Presse“.
Dazu kommt, dass die Schwellenländer, die bisher als Treiber des Weltwirtschaftswachstums galten, etwas schwächeln. China verschärft die Lage am Stahlmarkt zusehends. Denn die Werke produzieren ungebremst – trotz geringerer Nachfrage. China überschwemmt daher den Weltmarkt mit Billigstahl.
Vor diesem Hintergrund ist bei der Voest der 30-prozentige Rückgang des Nettogewinns auf 145 Mio. Euro im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres 2012/13 nicht überraschend. Der bei 3,051 Mrd. Euro stabil gehaltene Umsatz, vor allem aber der unveränderte Ausblick für das Gesamtjahr – Eder geht von einem um Sondereffekte bereinigten Betriebsergebnis von 900 Mio. Euro aus – gab der Voest-Aktie jedoch Schub. Sie war mit plus sechs Prozent Tagessieger im ATX. „Das Geschäftsmodell funktioniert, das Engagement bei Nischenprodukten ist ein Plus in Zeiten eines unsicheren Umfelds“, lautet die Einschätzung von JP-Morgan-Analysten.
Keine Kurzarbeit
Anders als in der Finanzkrise 2008/09, als über Nacht die Aufträge vor allem aus der Automobilindustrie wegbrachen und die Voest mit Kurzarbeit und Kündigungen gegensteuerte, glühen jetzt noch die Hochöfen. „Aus heutiger Sicht ist eine Vollauslastung aller wesentlichen Produktionskapazitäten für die nächsten Monate gesichert“, sagt Eder. „Die Frage einer Einführung von Kurzarbeit an wesentlichen Konzernstandorten stellt sich daher nicht.“
Das ist bei vielen europäischen Konkurrenten anders. Sie fahren Kapazitäten zurück, zumal der europäische Stahlverband Eurofer in frühestens einem Jahr mit einem Aufschwung rechnet. Der weltgrößte Stahlhersteller Arcelor Mittal, der im zweiten Quartal einen schweren Gewinneinbruch erlitten hat, legte in Europa sieben von 25 Hochöfen still. Der größte deutsche Stahlkonzern ThyssenKrupp, der am Freitag Quartalszahlen vorlegt, lässt seit Anfang August kurzarbeiten. Salzgitter geht in der Stahlsparte von roten Zahlen aus.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2012)

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