Wien/Reuters/Jaz. Es wäre eine radikale Wende in der bisherigen Strategie der Verbundgesellschaft, darin sind sich alle Beobachter einig: So soll Österreichs größter Stromkonzern mit der deutschen E.On über einen Verkauf des 50-Prozent-Anteils an der türkischen Enerjisa verhandeln. Das erzählten zumindest mehrere mit der Angelegenheit vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters. Bei E.On, Enerjisa und dem Verbund wollte man dazu nichts sagen. „Das sind sommerliche Marktgerüchte, die wir grundsätzlich nicht kommentieren“, sagt Verbund-Sprecherin Beate McGinn auf Anfrage der „Presse“.
Inn-Kraftwerke als Preis
Insider wollen hingegen wissen, dass das Geschäft schon im September über die Bühne gehen könnte. Bei dem Geschäft würde darüber hinaus auch kein Geld fließen, sondern Anteile getauscht werden. E.On würde den Anteil des Verbund am türkischen Geschäft übernehmen, der Verbund dafür im Gegenzug Anteile an deutschen Wasserkraftwerken – etwa am Inn – bekommen. Schon 2009 hatte der Verbund 13 Inn-Kraftwerke mit einer Leistung von 312 Megawatt Gesamtleistung von der E.On für rund 1,3 Mrd. Euro gekauft. Die Deutschen besitzen jedoch noch weitere drei Kraftwerke mit einer Leistung von 179 Megawatt am Inn.
Die Hintergründe einer derartigen Transaktion werfen jedoch für Analysten viele Fragen auf. So sei zwar unbestritten, dass E.On einen Markteinstieg in der Türkei plant. Der Rückzug des Verbunds käme jedoch überraschend. Der heimische Stromkonzern ist erst vor fünf Jahren über ein Joint Venture mit der türkischen Sabanci-Holding in den Markt eingestiegen und hat die Türkei seither immer als Wachstumsregion gepriesen.
Bisher verfügt die gemeinsame Tochter Enerjisa über Kraftwerke mit einer Leistung von rund 1700 Megawatt Leistung. Das entspricht der zehnfachen Größe des Donaukraftwerks Freudenau. Bis 2015 soll laut den ursprünglichen Plänen ein Kraftwerkspark im Ausmaß von 5000 Megawatt fertiggestellt sein und ein Marktanteil von zehn Prozent in der Türkei erreicht sein. Weitere 1700 Megawatt Leistung befinden sich in Bau.
Wirtschaftlich war das Türkei-Engagement für den Verbund bisher zwar noch nicht sonderlich lukrativ, da etwa 2011 durch eine Abschwächung der türkischen Lira ein Verlust in Höhe von 47,3 Mio. Euro geschrieben werden musste. Im ersten Halbjahr 2012 konnte jedoch bereits wieder ein Plus von 12,2 Mio. Euro erzielt werden. Und aufgrund der Wachstumsraten galt die Türkei bisher vor allem als „Zukunftsmarkt“.
Zu wenig Engagement?
Doch genau dieses Hoffen auf die Zukunft könnte auch der Grund für einen jetzigen Rückzug sein. So soll der türkische Partner Sabanci mit dem Engagement der Österreicher unzufrieden sein und auf ein schnelleres Wachstum drängen. Dafür könnten auch zusätzliche Kapitalspritzen notwendig werden, die eine deutsche E.On leichter aufbringen könnte.
An der Börse wurden die Spekulationen um einen Türkei-Rückzug eher ruhig aufgenommen. Die Aktie, die bis zum Bekanntwerden zu Mittag dahin leicht im Minus lag, legte bis zum Nachmittag wieder leicht zu. Schlussendlich schloss die Verbund-Aktie aber nur geringfügig über dem Eröffnungskurs. Auch die Analysten sind sich über die Zukunft des Papiers unschlüssig: Von 24 empfehlen vier den Kauf und sieben den Verkauf. Die restlichen 13 plädieren für „Halten“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.08.2012)

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