Wien/New york. Kein Anlegermagazin ist in den USA so einflussreich wie „Barron's“. Wenn die Autoren des 1921 gegründeten Wochenmagazins den Daumen senken, kracht es an den Börsen. Wie jetzt bei Facebook. „Barron's“ kommt zur Einschätzung, dass die Aktie der Online-Firma trotz des massiven Kursverlustes seit dem Börsengang noch immer viel zu teuer ist.
„Die Unsicherheiten über den Geschäftsausblick und die Wachstumsaussichten des Unternehmens rechtfertigen die aktuellen hohen Bewertungen im Bezug auf Gewinn und Umsatz in keinster Weise.“ Kaum war der Artikel erschienen, verlor die Facebook-Aktie am Montag mehr als neun Prozent. Am Dienstag ging es leicht bergab, doch der nächste Absturz ist absehbar.
Denn laut „Barron's“ ist die Facebook-Aktie, die im Mai zum Preis von 38 US-Dollar an die Börse gekommen ist, lediglich 15 Dollar wert. Dabei wurde das soziale Netzwerk von der Wall Street als „Börsengang des Jahrhunderts“ gefeiert. Nun steht Gründer Mark Zuckerberg vor einem Scherbenhaufen. Denn Experten zweifeln zusehends am Geschäftsmodell der Firma. Zwar sind bei dem sozialen Netzwerk weltweit 955 Millionen Nutzer angemeldet, davon 2,8 Millionen in Österreich. Doch statt über ihren Computer greifen immer mehr Menschen nur noch per Handy auf ihre Profile zu.
Banken als Kurstreiber
Deswegen droht das Unternehmen seine überlebenswichtigen Werbeeinnahmen zu verlieren. Schließlich lässt sich auf den kleinen Handybildschirmen kaum Werbung unterbringen. Warum hat das niemand beim Börsengang im Mai erkannt? Oder diente die Emission nur dazu, damit die Alteigentümer noch schnell möglichst viel abkassieren konnten?
Langsam kommen die Hintergründe des Börsengangs ans Licht. Facebook ist ein Paradebeispiel, wie Banken den Kurs hochgeputschen können. Die Zeche zahlen Millionen von Kleinanlegern, die im Zuge des Anfangs-Hypes eingestiegen sind.
Graumarktbörsen als Problem
Die Abzockerei hat damit begonnen, dass Facebook-Aktien schon vor Jahren auf umstrittenen Handelsplattformen wie SecondMarket und SharesPost platziert wurden. Die Aufsicht über diese US-Graumarktbörsen lässt zu wünschen übrig. Dort gibt es keine strengen Veröffentlichungspflichten, wie sie an herkömmlichen Börsen üblich sind.
In diesem Biotop entwickelten sich die ersten Facebook-Kurse. 2010 wurde das soziale Netzwerk auf dem grauen Markt mit 30 Milliarden US-Dollar bewertet, wenig später waren es bereits 60 Milliarden US-Dollar. Zu Beginn dieses Jahres erklärte Zuckerberg, dass er einen Rekordbörsengang mit 100 Milliarden Dollar anpeile.
Die Investmentbanken taten alles, um dieses Ziel zu erfüllen. Je höher der Ausgabekurs, umso mehr verdienen sie. Es wurde ein Hype entfacht, bei dem die fundamentalen Daten der Firma keine Rolle spielten. Zuckerberg versprach, in fünf Jahren werde es keine Online-Aktivität geben, die nicht mit Facebook verknüpft sei. Niemand werde die Welt des sozialen Netzwerks verlassen. Die Banken hatten einkalkuliert, dass ahnungslose Kleinaktionäre – im Börsenjargon „dumb money“ genannt – jeden Preis akzeptieren. Jetzt will die US-Politik die Regeln verschärfen. Und die US-Aufsicht nimmt das Börsendebakel unter die Lupe.
„Die Presse“ hat schon am 24. Mai 2012 geschrieben, dass sich ein Einstieg auf Basis der Fundamentaldaten (wie Umsatz, Gewinn und Wachstumserwartungen) erst bei zehn Dollar lohne.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2012)


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