Martin Weber: "Gold ist reine Spekulationssache"

Der Börsenpsychologie-Experte erklärt, warum das Risiko von Immobilien und Gold unterschätzt wird - und warum es so schwer ist, den Markt zu schlagen.

Martin Weber Gold reine
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Martin Weber

DiePresse.com: Sie leiten die "Behavioral Finance Group" an der Uni Mannheim. Haben Sie auch schon einmal einen Affen, der zufällig Aktien auswählt, gegen Profi-Investoren antreten lassen? Solche Experimente führen ja immer wieder zu erstaunlichen Ergebnissen. 

Martin Weber:
Nein, das war nicht nötig, die Forschung ist hier relativ eindeutig: Wenn man selbst entscheidet, ist man vermutlich etwas schlechter als die Profis. Wenn man die Profis betrachtet, sind sie auch nicht besser als der Markt. Die Frage lautet eigentlich: Kann man den Markt schlagen?

Und - kann man?

Es gibt ein starkes Signal dafür, dass es sehr schwierig ist: Die Banken fahren - zumindest hier in Deutschland - ihren Eigenhandel zurück. Wenn dieser so lukrativ wäre, würden sie das ja nicht tun. Erfolgreich kann man vielleicht bei Nebenwerten sein, mit denen sich nur wenige Leute beschäftigten. Jemand, der das so macht, hat mir einmal erzählt: "Als ich jung war, saß ich nachts auf dem Parkplatz und habe mit den Arbeitern gesprochen". Ein interessanter Zugang. Es ist schon möglich, eine gute Research zu machen. Allerdings darf man die Kosten nicht aus dem Auge verlieren. Und mit größeren Werten beschäftigen sich ohnehin so viele, dass man sich keinen Vorsprung herausarbeiten kann.

Könnte man einen Vorsprung haben, wenn man in Unternehmen investiert, die man kennt - also als Österreicher in österreichische Unternehmen?

Das ist sicherlich für das österreichische Unternehmen gut, aber nicht für den österreichischen Investor. Ein Beispiel dafür, wie schief das laufen kann, ist der Skandal um den US-Energieriesen Enron. Viele ehemalige Angestellte haben ihr Vermögen in den Konzern investiert und dann fast alles verloren. Wie unsere Oma schon sagte: "Man soll nicht alle Eier in einen Korb legen". Es fällt vielen schwer - da es gegen die Intuition ist. Aber: Breite Streuung, also weltweit in Indizes zu investieren, ist der Königsweg. Je mehr ich darüber lese, desto sicherer werde ich mir.

Warren Buffett sieht das anders. Er hat einmal gesagt: ''Konzentrieren Sie Ihre Investments. Wenn Sie über einen Harem mit vierzig Frauen verfügen, lernen Sie keine richtig kennen''.

Danke für das tolle Beispiel. Es gibt einen großen Unterschied zwischen dem Markt und Buffetts Harem: Am Markt kann ich den Wert von Firmen ablesen, da sich unheimlich viele Leute mit diesen Firmen beschäftigen. Tausende versuchen nichts anderes, als den Markt zu schlagen. Und davon profitiere ich als Investor.

Menschen tendieren dazu, neue Informationen überzubewerten: Wir werden zu hektisch und machen Fehler.



Wie groß sind die Unterschiede im Verhalten von Profis und Laien?

Der Laie reagiert meistens spontaner und damit oft auch schlechter. Er hat höhere Kosten und natürlich weniger Information. Denn wenn ein Profi-Investor anfängt für das Japan-Desk zu handeln, ruft er erst mal seinen Kumpel in Tokio an. Außerdem gibt es im Investmentfonds-Bereich persönliche Gespräche mit den Vorständen. Natürlich erzählen die keine illegalen Insider-Informationen, aber man bekommt doch einen ganz anderen Blick auf die Unternehmensstrategie.

In einem Interview mit der "Welt am Sonntag" haben Sie gesagt, man sollte sich von schlechten Neuigkeiten am besten distanzieren. Sollten Anleger also künftig die Wirtschaftsnachrichten überlesen?

Es gibt ein mathematisches Theorem, das erklärt, wie wir neue und alte Informationen verarbeiten. Menschen tendieren dazu, neue Informationen überzubewerten: Wir werden zu hektisch und machen Fehler. Man sieht das auch an den Medien - irgendwie ist das Glas immer halbvoll, aber manchmal wird es als halbleer bezeichnet. Ein Beispiel: Jetzt machen wir uns Sorgen über niedrige Zinsen, vor drei Jahren hat jeder gedacht, die Zinsen gehen hoch. Und eigentlich hat sich nichts geändert.

"Hin und Her macht Taschen leer" - ich nehme an, Sie stimmen dieser Börsenweisheit zu?

Ja, vor allem deshalb, weil Gebühren oft unterschätzt werden. Denn wir können den Zinseszins nicht im Kopf ausrechnen. Wir denken: Ein Prozent ist nicht viel. Aber wenn man das über 20 Jahre rechnet, geht es um enorme Beträge.

Hat sich das Verhalten der Anleger eigentlich seit dem Ausbruch der Finanzkrise verändert?

Sollte sich das Verhalten ändern? Nein! Es gibt vom amerikanischen Aktienmarkt Daten aus über 200 Jahren: Er ist im Durchschnitt um sieben Prozent gewachsen - obwohl es viele Krisen gab. Es gibt immer Krisen. Und der nächste Crash kommt bestimmt.
Ob sich das Verhalten geändert hat, untersuchen wir gerade am Institut. In der Krise sind doch einige aus Fonds raus gegangen und haben die Sache selbst in die Hand genommen. Was ist passiert? Sie haben ihr Risiko stark erhöht, weil sie nicht mehr diversifiziert anlegen, sondern nur noch in große deutsche Unternehmen investieren. Das ist einfach keine sinnvolle Strategie.

Wenn ich in die BASF investiere, dann gibt es da Arbeitskräfte, Vorstände und eine Geschäftsidee. Gold ist dagegen reine Spekulationssache, weil es keinen realen Wert hat.


Was halten Sie davon, jetzt verstärkt in die vermeintlich sicheren Anlagen wie Gold und Immobilien zu investieren?

Von Gold halte ich praktisch überhaupt nichts. Punkt. Wenn ich in die BASF investiere, dann gibt es da Arbeitskräfte, Vorstände und eine Geschäftsidee. Gold ist dagegen reine Spekulationssache, weil es keinen realen Wert hat. Wie bereits gesagt haben wir Daten der letzten 200 Jahre - und Gold war keine erfolgreiche Investition. Auch Immobilien sind superriskant. Abgesehen von den Blasen der vergangenen Jahre: Wenn ich eine Eigentumswohnung kaufe und verkaufe, kosten mich alleine Steuern, Maklergebühr usw. an die zehn Prozent. Und dann hat sich noch nicht einmal der Preis geändert. Dann doch lieber BASF, wo ich auch Immobilien und Sachwerte habe - und sogar einen Vorstand, der sich darum kümmert.

Das Risiko von Aktien wird also zu hoch eingeschätzt?

Nein, die Wissenschaft belegt, dass man keine höheren Renditen erzielen kann ohne mehr Risiko. Aber dieses Risiko wird bei Immobilien unterschätzt, weil man sie anfassen kann. Stellen Sie sich einmal vor, man würde ein Papier kaufen und allein durch Gebühren und Steuern zehn Prozent verlieren.

Wie sinnvoll ist es, Geld in deutschen oder österreichischen Staatsanleihen anzulegen?

Man kann nicht alles riskant investieren, daher ist es sicherlich sinnvoll, einen Teil in Staatsanleihen anzulegen. Manche Leute investieren lieber in Unternehmensanleihen. Aber sie sollten bedenken, dass sich der Staat Geld beschaffen kann, indem er die Steuern erhöht - das trifft wiederum die Unternehmen. Durch dieses Macht- und Steuermonopol ist eine Staatsanleihe von der Logik her sicherer als eine Unternehmensanleihe.

Gottfried Heller, der mit dem Börsenguru André Kostolany eng zusammengearbeitet hat, sagte vor kurzem in einem "Handelsblatt"-Interview: "Ich habe etwa 90 Prozent meines Vermögens in Aktien investiert. [...] Denn Aktien sind nur kurzfristig riskant, langfristig aber nicht."

Das wäre schön, wenn das so wäre. Aber wenn Aktien langfristig sicher wären, dann dürften Sie keine höheren Renditenerwartungen haben. Es ist auch ein Fehler mit solchen Argumenten Aktien oder Indizes zu propagieren. Denn so mancher wird dann zu Recht fragen: Wieso gibt es Perioden, in denen ich zehn Jahre lang Geld mit Aktien verloren habe?

Als älterer Professor kann man ruhig die Hälfte in Aktien investieren - aber natürlich immer breit diversifiziert.



Wie viel Prozent seines Geldvermögens sollte man Ihrer Meinung in Aktien investieren?

Das hängt davon ab, wie gut man schläft und ob man bereit ist, auch einmal einen Rückschlag in Kauf zu nehmen.

Wie handhaben Sie das persönlich?

Als älterer Professor kann man ruhig die Hälfte in Aktien investieren - aber natürlich immer breit diversifiziert. Würde ich meine selbstgenutzte Immobilie zum Vermögen zählen, wäre es weniger.

Auf einem Daytrading-Seminar ist mir aufgefallen, dass auf 100 Männer gerade einmal fünf Frauen kommen.

Das ist eigentlich schon ziemlich viel.

Gibt es eine Erklärung für dieses Ungleichgewicht?

Es hat vielleicht psychologische Hintergründe. Viele Studien kommen zum Ergebnis, dass Frauen etwas mehr risikoscheu sind als Männer. Aber Genaueres kann ich Ihnen dazu nicht sagen.

Und was halten Sie von Daytrading?

Daytrading ist ein Hobby. Ich würde empfehlen, stattdessen im Garten zu arbeiten oder Tennisspielen zu gehen. Daytrading nützt nur den Banken: Ihre liebsten Kunden sind immer jene, die die höchsten Gebühren zahlen.

Haben Sie zum Abschluss noch einen Tipp für die Teilnehmer unseres Börsenspiels?

Das Börsenspiel kann man nur gewinnen, wenn man extreme Wetten eingeht - mit der Realität hat das aber wenig zu tun.

Zur Person

Martin Weber (*1952) ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Mannheim. Er hat sich auf auf die verhaltensorientierte Kapitalmarktanalyse spezialisiert und leitet die "Behavioral Finance Group".

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