Mit vollem Risiko zum neuen Auto

Börse. Ein Börsespiel ist wie ein Simulatorflug: eine gute Gelegenheit, Routine zu erlangen und schwierige Situationen zu üben, ohne einen echten Absturz zu riskieren.

Wien/Ju. Ein Börsespiel ist wie ein Flug im Simulator: eine sehr gute Gelegenheit, ohne Crashgefahr Routine auch in schwierigen Situationen zu sammeln. Doch Vorsicht: Das Risikoverhalten ist im echten Jet doch ein wenig anders als vor dem Computerbildschirm. Sollte es zumindest sein, wenn man den Umstieg dauerhaft überleben will.

Beim Börsespiel ist die Sache klar: hopp oder dropp. Bei vollem Risiko winkt der Suzuki Vitara. Und wenn es danebengeht – dann halt beim nächsten Mal. An der echten Börse ist dann freilich echtes Geld weg. Deshalb schauen Profis im wirklichen Börseleben nicht nur auf die Chancen. Sondern viel stärker noch auf das Risiko beziehungsweise dessen Minimierung.

Besonders, wenn der Anlagehorizont – wie etwa bei einem Börsespiel – nur wenige Wochen beträgt. Da lassen sich nämlich Fehlentscheidungen nicht „aussitzen“, sondern zertrümmern direkt die Performance.

Und zwar brutal. Die Regeln im Börsenalltag sind nämlich nicht die sogenannten „Ten Bagger“, deren Kurs sich gleich einmal verzehnfacht (und die man meist nur per Zufall ins Depot bekommt). Sondern viele kleine Gewinne, die sich im Idealfall zu einem großen summieren – der dann durch einen einzigen großen Verlust blitzartig ausgelöscht werden kann.

Trading-Profis schwören deshalb auf das sogenannte „Money Management“. Die Faustregel: Das Depot darf zu keinem Zeitpunkt mehr als zehn Prozent im Minus sein, weil stärkere Verluste nur schwer aufzuholen sind. Und, noch wichtiger, keine Einzelposition darf mehr als ein Prozent des Gesamtdepots gefährden. Gesteuert wird das über Positionsgrößen und strikte, nach Festlegung nicht mehr diskutierbare Stopp Loss Limits. Jedenfalls geht der Trader eine Position nur mit einem klaren Kursziel und einem noch klareren Ausstiegsszenario für den Fall der Fälle ein.

Ohne diese „Lebensversicherung“ ist der Kapitalverlust zumindest im kurzfristigen Handel programmiert. Beim Börsespiel gelten, mangels echten Verlustrisikos, natürlich andere Gesetze. Da kommt es darauf an, das richtige Papier zu erwischen – und mit dem so richtig zu klotzen.

Und wie findet man das? Jedenfalls nicht mit der üblichen Fundamentalanalyse. Denn für die Kursentwicklung in den nächsten Wochen (also für den Zeitraum eines Börsespiels) sind die Marktchancen und Gewinnaussichten in drei Jahren völlig unerheblich.

Wer im Kurzfristhandel erfolgreich sein will, „scannt“ die Wirtschaftsnachrichten nach positiven oder negativen Überraschungen (die die Kurse meist allerdings schon heftig bewegt haben, bevor sie zum Privatanleger durchdringen) und macht sich mit Charttechnik vertraut.

Diese funktioniert im kurzfristigen Handel übrigens überraschend gut. Ganz einfach deshalb, weil sie auch von Profis, die große Summen bewegen, angewandt wird – und deshalb an der nach dem Spiel von Angebot und Nachfrage funktionierenden Börse sehr leicht zur selbsterfüllenden Prophezeiung wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2012)

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