London. Knapp zehn Jahre nach dem Sturz von Diktator Saddam Hussein ist der Irak dabei, einer der wichtigsten „Player“ im Nahen Osten zu werden – zumindest, was seine Bedeutung für die weltweiten Energiemärkte angeht. Schon jetzt fördert das Land täglich über drei Mio. Barrel Öl, mehr als das Nachbarland Iran. Bis 2020, so die Vorhersage der Internationalen Energieagentur (IEA), hat der Irak realistische Aussichten, seine Ölproduktion zu verdoppeln und ab 2030 Russland als zweitwichtigsten Öllieferanten der Welt (nach Saudi Arabien) abzulösen. „Die Ressourcen sind vorhanden“, so IEA-Chefin Maria van der Hoeven bei der Vorstellung ihres Irak-Sonderberichts gestern, Dienstag, in London. „Die Frage ist nur: Wie lange dauert es, bis der Irak sie zu nutzen kann?“
Interne Probleme bremsen
Deshalb liegt die IEA-Prognose deutlich unter den zwölf Mio. Barrel täglich, die die irakische Regierung ausländischen Investoren ab 2017 verspricht. „Wir sind da unterschiedlicher Ansicht“, so der IEA-Chefökonom und Autor der Studie, Fatih Birol. Er warnte, dass der Irak auch die niedrigeren Förderziele verfehlen könnte. Die Sicherheitssituation im Land sei weiter schwierig, es fehle an Wasser, Infrastruktur und gut ausgebildeten Fachkräften. Bei allem Öl- und Erdgasreichtum ist das Land derzeit nicht einmal in der Lage, seinen eigenen Energiebedarf zu decken: Die meisten Betriebe, so Birol, haben nur zehn Stunden am Tag Strom. Doch das größte Problem sei die mangelnde politische Einigkeit zwischen Bagdad und den Regionalregierungen über die Regulierung des Energiesektors.
Iraks globale Bedeutung für die Ölmärkte sei immens und werde weiter steigen: Dank des immer größeren Bedarfs vor allem in Asien und dem abzusehenden Rückgang der Fördermengen in den Nicht-Opec-Staaten ab 2020 bräuchte die Weltwirtschaft irakisches Öl – sonst drohten Verknappung und steigende Preise.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2012)

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