Paris/Berlin/London/Ag/Eid. Die beiden Herren haben starke Nerven – schließlich sind sie im Rüstungsgeschäft tätig. Aber den politischen Widerstand in Paris, London und vor allem Berlin konnten auch Tom Enders (EADS) und Jan King (BAE) nicht brechen. Und so mussten sie am Mittwoch, noch Stunden vor Ablauf einer wichtigen Börsenfrist, das Ende der Gespräche über die Fusion der Rüstungskonzerne EADS und BAE bekannt geben. Der Plan, den größten Rüstungskonzern der Welt mit 72 Mrd. Euro Umsatz und 220.0000 Beschäftigten zu schmieden, ist damit geplatzt.
Es sei klar, dass die Interessen der jeweiligen Regierungen bezüglich der Anteile nicht in Einklang gebracht werden könnten, hieß es trocken in der Begründung. Daher sei es im besten Interesse von Unternehmen und Aktionären, die Verhandlungen einzustellen. Die Möglichkeit, bei der britischen Übernahmekommission eine Fristverlängerung um 28 Tage zu beantragen, wurde nicht ausgeschöpft.
Aktie gewinnt an Wert
Für die Aktionäre, vor allem jene von EADS, sind das gute Nachrichten. Die Aktie, die seit Beginn der Fusionsverhandlungen am 12. September rund zwölf Prozent an Wert eingebüßt hatte, legte in Frankfurt bis zu 4,2 Prozent auf 27,26 Euro zu. Den Höchststand hatten die Papiere im April mit 31,65 Euro erreicht. Jetzt sind Börsianer der Meinung, dass die EADS-Aktie wieder Potenzial habe, in Richtung des alten Höchststands zu laufen. BAE-Titel verloren am Mittwoch bis zu 2,9 Prozent, reduzierten den Abschlag im Tagesverlauf aber deutlich.
Schon von Anfang an standen die Gespräche unter keinem guten Stern. Knackpunkt war immer der staatliche Einfluss, den sich Deutschland und Frankreich am neuen Konzern sichern wollten. EADS-Chef Tom Enders und die britische Regierung plädierten hingegen dafür, den Einfluss der Regierungen zurückzufahren. Zuletzt hätten die Deutschen die Sache blockiert, hieß es.
Deutschland und Frankreich halten je 22 Prozent an der European Aeronautic, Defense & Space (EADS), die auch die Muttergesellschaft von Airbus ist. Deutschland hält die Anteile über Daimler, Frankreich zum Teil über die Lagardere-Gruppe. Bei British Aerospace (BAE) sind hingegen keine Staaten beteiligt. Zu den bekanntesten Produkten von EADS gehören – neben Airbus – der Kampfjet Eurofighter und der Kampfhubschrauber Eurocopter Tiger. BAE ist Kooperationspartner beim Eurofighter, arbeitet aber auch mit US-Konzernen beim F 35.
Nationale Interessen dominieren
EADS und BAE hätten es nicht geschafft, nationale Interessen auszuräumen. Michel Merluzeau, Luftfahrt-Berater bei G2 Solutions in den USA, bezeichnete dies als extrem kurzsichtig. „Die europäischen Regierungen stellen noch nationale Interessen in den Vordergrund. Wie soll ein integriertes europäisches Verteidigungskonzept entstehen, wenn sie sich nicht einmal über eine Firmenfusion einigen?“, stellte Merluzeau die rhetorische Frage. Aus US-Sicht wird das Platzen des Deals nicht ohne Häme gesehen. Der neue Konzern hätte den US-Rüstungsgiganten Boeing und Northrop Grumman die Stirn bieten können.
Für Enders ist dies eine herbe Niederlage. Major Tom, wie der Ex-Fallschirmjäger und Major genannt wird, ist erst vor vier Monaten EADS-Chef geworden. Der forsche Manager, der zuvor Airbus führte, habe den Staatseinfluss bei Rüstungskonzernen unterschätzt, hieß es in deutschen Medien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2012)

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