New york/Bloomberg. Der Börsengang von Facebook im Frühsommer dieses Jahres war für die Aktionäre nicht nur der bei Weitem größte IPO-Flop an der Wall Street, es war wahrscheinlich auch die unsauberste Aktienemission der vergangenen Jahre. Es zeichnet sich nämlich immer mehr ab, dass das Social Network vor der Aktienemission nicht nur entschieden zu dick aufgetragen, sondern auch versucht hat, seine potenziellen Aktionäre über den wahren Zustand des Unternehmens zu täuschen.
Börsenaufsicht war skeptisch
Nach einem Bericht der US-Nachrichtenagentur Bloomberg hat sich die US-Börsenaufsicht SEC massiv darüber beschwert, dass sie schon vor dem Börsengang nur sehr zögerlich und bruchstückhaft informiert wurde. So hat Facebook beispielsweise am 1. Februar dieses Jahres beim Antrag für den Börsengang bei der SEC eine sehr optimistische Prognose eingereicht. Grundlage für diese Prognose war eine angebliche Studie des Marktforschungsinstituts Nielsen, in der die Effizienz von Werbung auch bei Freunden der Facebook-Kunden belegt wurde.
Freilich: SEC-Spezialistin Barbara Jacobs, die für die Börsenaufsicht die Unterlagen sichtete, hatte bei der Studie nach Eigenangaben den Eindruck, dass es sich dabei eher um Werbematerial als um eine tatsächliche Nielsen-Studie handle. Sie stellte daraufhin Facebook-Finanzvorstand David Ebersman vor die Wahl, die Studie samt einer Bestätigung von Nielsen entweder komplett im Original vorzulegen oder sie aus den Börsenunterlagen zu entfernen. Worauf Facebook alle Hinweise auf die angebliche Studie aus den Unterlagen eliminierte.
Der Vorgang ist nur einer von vielen Merkwürdigkeiten, die die SEC während der zweieinhalbmonatigen Vorbereitungszeit registrierte. Aus der Korrespondenz zwischen der SEC, Facebook und der von Facebook engagierten Anwaltskanzlei geht jedenfalls deutlich hervor, dass das Facebook-Management vor dem Börsengang Informationen nur sehr zögerlich preisgegeben hat, weshalb noch wenige Wochen vor dem IPO selbst über elementare Geschäftsbereiche nur gemutmaßt werden konnte.
Viele der Bedenken, die damals von der SEC geäußert wurden, seien unterdessen zu echten Problemen geworden, hieß es.
Beim für die Zukunft des Unternehmens wichtigsten Punkt, nämlich der Frage, ob das Unternehmen mit der stark steigenden Zahl der Handy-Facebook-Nutzer Geld verdienen könne, habe das Topmanagement bis zum Schluss essenzielle Daten zurückgehalten. Erst als die SEC den Druck dramatisch erhöht hat, seien diese Daten ganz knapp vor dem zum „Börsengang des Jahrhunderts“ hochstilisierten IPO zur Verfügung gestellt worden.
Kursziele zwischen 15 und 17 USD
Facebook war Mitte Mai zum völlig überhöhten Kurs von 38 Dollar an die Börse gebracht worden. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 107 war das Papier damals teurer als fast alle anderen im S&P-Index notierten US-Aktien. Nach einem kurzen Intraday-Anstieg auf knapp über 40 Dollar begann die Talfahrt, die erst bei weniger als der Hälfte des Ausgabekurses, nämlich bei 17,4 Dollar, gestoppt werden konnte. Derzeit notiert das Papier knapp unter 20, gilt aber als überbewertet. Analysten stufen das Kursziel unterdessen auf 15 bis 17 Dollar ein – und nähern sich damit der Einschätzung an, die „Die Presse“ schon beim IPO vertreten hat.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)

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