Bloomberg/DJ/Eid. Es ist der sechste Quartalsverlust in Folge, und er gibt keinen Anlass zur Hoffnung, dass der strauchelnde finnische Handyriese Nokia rasch aus der Krise kommt: Bei einem um ein Fünftel auf 7,24 Mrd. Euro gesunkenen Umsatz lag der Nettoverlust bei 969 Mio. Euro. Im Vergleichsquartal des Vorjahres lag der Abgang nur bei 68 Mio. Euro. Seit Jahresbeginn addierten sich die Verluste damit auf 3,3 Mrd. Euro. Dass der einstige Weltmarktführer die Smartphone-Entwicklung verschlafen hat, schlägt sich in einer kaum zu stoppenden Abwärtsspirale nieder.
Barmittel schrumpfen
Der finnische Patient verbrennt im täglichen Geschäft Geld – die operative Marge lag bei minus acht Prozent. Nokia selbst betonte zwar, ganz knapp eine positive Marge erreicht zu haben. Dies gelang aber nur unter Umgehung der Bilanzvorschriften und auf bereinigter Basis. Und so schwinden auch die Geldbestände – die der Konzern zur Überwindung der Durststrecke aber dringend braucht: Sie sanken seit dem Sommerquartal von 4,2 auf 3,6 Mrd. Euro.
Die Aktionäre, deren Stimmung heuer nach drei Gewinnwarnungen und einer Halbierung des Kurses auf dem Tiefpunkt ist, klammern sich an jeden Strohhalm. Der heißt derzeit Lumia 920, das neue Smartphone, das im laufenden vierten Quartal den Markt aufrollen soll. Allerdings verkauft sich der heuer lancierte Vorgänger schleppend: Der Absatz fiel im dritten Quartal von vier auf 2,9 Millionen Stück.
Außer Hoffnung haben die Finnen nichts zu bieten. Da genügen minimale „Erfolgsmeldungen“ für einen Kursanstieg. So geschah es auch am Donnerstag, als die Nachricht, dass der Nettoverlust geringer war als jener im Vorquartal, den Aktienkurs kurzfristig um mehr als sieben Prozent in die Höhe schießen ließ. Später drehte er allerdings ins Minus.
Nokia-Chef Stephen Elop hat bisher offenbar kein Rezept gefunden, das Ruder herumzureißen. Seit er die Konzernstrategie Anfang 2011 neu ausgerichtet hat – wozu auch die Abkehr von eigenen Betriebssystemen für Smartphones und der Pakt mit Microsoft zählte – sank der Umsatz um ein Drittel. Außerdem wurden 20.000 Arbeitsplätze gestrichen, Fabriken und Forschungsstätten geschlossen.
90 Prozent an Wert verloren
Die Aktionäre begegneten allen Schritten jedoch mit Skepsis. Seit Apple 2007 das iPhone auf den Markt gebracht hat, büßte Nokia 90 Prozent seines Marktwertes ein. Zum Vergleich: Nokia kommt auf einen Börsenwert von 8,62 Mrd. Euro, Apple auf 460 Mrd. Euro.
Hinzu kommt, dass der verschlafene Smartphone-Trend nicht die einzige Baustelle bei Nokia ist. Auch bei den normalen Handys geht es bergab. Dieses Jahr mussten die Finnen nach 14 Jahren an der Spitze ihren Titel als größter Handyhersteller der Welt abgeben. Samsung hat diesen Rang mittlerweile eingenommen, zudem nehmen Billighersteller den Finnen laufend Marktanteile ab.
Und nicht zuletzt schwächelt das Ausrüster-Joint-Venture von Nokia und Siemens seit Jahren. Deshalb läuft eine Restrukturierung nach der anderen. Zuletzt haben sich kleine Erfolge eingestellt. Im dritten Quartal schaffte der Telekomausrüster sogar ein operatives Plus.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2012)

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