Wien/Eid. Markus Beyrer hatte seinen Nachfolger an der Spitze der ÖIAG, Rudolf Kemler, sicher gut gebrieft. Bei einer Stippvisite in Paris hatte Beyrer ihn auch mit dem neuen Großaktionär der Telekom Austria aus Mexiko, der America Movil von Carlos Slim, bekannt gemacht. Einen Vorgeschmack darauf, was Kemler nun als neuer Aufsichtsratspräsident der Telekom erwartet, erhielt er am Dienstag.
Die außerordentliche Hauptversammlung, bei der er in das Gremium gewählt wurde, war nämlich alles andere denn schnelle Routine. Vielmehr machten die von Korruptionsskandal und Kursmanipulationsaffäre, massiver Dividendenkürzung und Wertverlust der Aktie schwer frustrierten Kleinaktionäre ihrem Unmut lautstark Luft.
Zumal die beiden Vertreter der Mexikaner im Aufsichtsrat, der österreichische Investor Ronny Pecik und Amov-Topmanager Oskar Von Hauske Solis (er sollte auch gewählt werden), durch Abwesenheit glänzten.
Sitze für Kleinanleger
Schon beim Eingang zur Wiener Stadthalle werden Flugblätter verteilt: Werner Bolek, der sich an die Spitze einer neuen Interessengemeinschaft der Telekom-Aktionäre gestellt hat („Die Presse“ berichtete exklusiv am 20. Oktober), wirbt um Sympathisanten. Boleks Forderung: Statt „Misswirtschaft und Korruption“ will er die „Mitbestimmung aller Aktionäre“.
Dies bekräftigt er dann auch im Saal: Gemäß den Eigentumsverhältnissen bei der Telekom stünden der ÖIAG drei, America Movil (Amov) zwei bis drei und dem Streubesitz vier bis fünf Sitze im Aufsichtsrat zu. Dass die Kleinaktionäre trotz wiederholter Versuche bis heute nicht vertreten seien, sei ein „Zeichen großer Ignoranz“. Bolek erntet dafür tosenden Applaus und wird von etlichen anderen Aktionären unterstützt.
Rechtsanwalt Georg Vetter legt Kemler die Latte hoch: Als Chef der Staatsholding sitze er, Kemler, an der Schnittstelle von Wirtschaft und Politik und werde sich daher Machtfragen nicht entziehen können. „Sie werden daran gemessen werden, wie gut Sie die Beteiligungen auf Trab bringen, wie Sie die Privatisierung vorantreiben.“ Nach sechs Jahren Stillstand in der Republik sei es an der Zeit, eine Vorwärtsstrategie zu entwickeln.
Bolek will mit der „Runderneuerung des Aufsichtsrats“, der derzeit von der ÖIAG dominiert sei, schon jetzt beginnen. Weil die Mandate aller zehn Kapitalvertreter ohnedies im Mai 2013 ablaufen, stellt er den Antrag, dass Edith Hlawati, Harald Stöber und Wilfried Stadler sofort abgewählt werden. Boleks Antrag wird aus Formalgründen nicht zur Abstimmung gebracht. Damit findet er sich ab. Genauso wie er weiß, dass auch noch so viele Gegenstimmen im Saal die Dominanz von ÖIAG und Amov bei der Kür von Kemler und Von Hauske Solis sowie der Aufstockung des Kontrollgremiums auf zehn Kapitalvertreter nicht brechen können.
Widerspruch zu Protokoll
Aber ein deutliches Signal der Unzufriedenheit ist es, als bei der Frage Beyrers nach den jeweiligen Nein-Stimmen fast alle Hände im Saal hochfliegen. Das Ergebnis spiegelt die aufgeheizte Stimmung dann jedenfalls nicht wider: Kemler erhält 99,73 Prozent, Von Hauske Solis 99,96 Prozent. Zum Vergleich: Bei der Post stimmten 99,78 Prozent der Aktionäre für Kemler, bei der OMV nur 90,10 Prozent.
Bolek meldet Widerspruch zu Protokoll an und behält sich damit die Anfechtung der Wahlergebnisse vor.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.10.2012)

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