Steuerflucht: Wegen Kritik gibt Depardieu Pass zurück

Der Schauspieler attackiert in einem offenen Brief Frankreichs Premierminister scharf. Ayrault hat Depardieus Steuerflucht nach Belgien als „ziemlich kleinkariert“ bezeichnet.

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Steuerflucht Wegen Kritik gibt
(c) Ap (Kai Uwe Knoth)

Paris. „Wir haben nicht mehr dieselbe Heimat.“ Das schreibt der „Obelix“-Darsteller Gérard Depardieu (63) in einem offenen Brief an Frankreichs Premierminister Jean-Marc Ayrault. Von diesem will sich der wohl bekannteste französische Kinoleinwandheld nicht belehren oder kritisieren lassen.

Ayrault hat Depardieus Steuerflucht nach Belgien als „ziemlich kleinkariert“ bezeichnet. Das bringt den Schauspieler derart in Rage, dass er jetzt seinen französischen Pass abgeben will. Vorzuwerfen habe er sich wirklich nichts, denn er habe seit seinem 14. Lebensjahr gearbeitet. Und in diesem Jahr habe er 85 Prozent seiner Einkommen an den Fiskus gezahlt, behauptet er.

Er beschäftige nicht weniger als 80 Personen in Frankreich und habe dem Fiskus im Lauf von 45 Jahren bereits 145 Millionen Euro abgeliefert. Die neue Linksregierung aber sehe darin wohl nicht ein Verdienst, sondern wolle offenbar jene bestrafen, die kreativ sind und Unternehmen gründen.

Was Depardieu aber am meisten kränkt, ist die Art und Weise, wie die Medien und nun auch noch die Regierung über ihn herfallen und ihn an den Pranger stellen wie keinen anderen zuvor. Jetzt reicht es ihm.

Wie andere begüterte Landsleute ist Depardieu im belgischen Dorf Néchin, nur wenige Kilometer jenseits der nordfranzösischen Grenze, samt seinen Millionen mit offenen Armen und mit unverhohlener Schadenfreude aufgenommen worden. Natürlich wissen auch seine neuen belgischen Nachbarn, dass Depardieu nicht der landschaftlichen Reize wegen zu ihnen umzieht.

Haus für 50 Millionen Euro

In Frankreich ist man geteilter Meinung. Depardieu ist mit seinen 170 Filmen längst eine Kultfigur in seiner (bisherigen) Heimat. Zugleich war der für seinen Hedonismus bekannte Filmstar nie ein besonders konformer oder bequemer Mitbürger. Kürzlich wurde ihm wegen Trunkenheit auf seinem Motorrad der Führerschein entzogen. Vor Monaten sorgte er für Aufregung, als er in einem Flugzeug in den Gang urinierte. Wie der Comics-Gallier Obelix reagiert Depardieu aber sehr empfindlich auf Kritik.

In der Rue du Cherche-Midi wird er vielen fehlen. In diesem Quartier im sechsten Pariser Arrondissement machte sich der prominente Nachbar gern nützlich. Als der Fischhändler an der Straßenecke nach einer Erhöhung der Miete schließen wollte, kaufte Depardieu kurzerhand das Geschäft, wie auch zwei Restaurants in derselben Straße, in denen er Stammkunde war. Für dieses Engagement für das heimische Gewerbe bekam er viel Beifall.

Dass er jetzt wegen Geld nach Belgien auswandert, können die Menschen in Frankreich nicht verstehen. Die Fotos vom protzigen Luxus seiner Pariser Prunkvilla, die er jetzt (für 50 Millionen Euro) verkaufen will, haben zudem für irritierte Reaktionen in der Öffentlichkeit gesorgt.

Seit November gilt in Frankreich eine neue Reichensteuer: Wer mehr als eine Million Euro pro Jahr verdient, muss 75 Prozent davon an den Staat abliefern. Die Steuer ist auf zwei Jahre befristet, dennoch verlassen viele vermögenden Franzosen das Land. In der Ortschaft Nechin, in die Depardieu übersiedelte, sind bereits ein Viertel der Einwohner Franzosen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.12.2012)

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