Wolfgang Eder: „Wir gehen bewusst aus Europa raus“

Billiges Erdgas lockt die Voestalpine nach Nordamerika. Um 500 Mio. Euro entsteht dort ein neues Voest-Werk. Konzernchef Eder will so die Kosten der Produktion in Linz senken.

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Wolfgang Eder – dapd

Wien/Auer. „Künftiges Wachstum findet außerhalb Europas statt“, sagt Wolfgang Eder. Einfacher hätte der Voestalpine-Chef das, was sein Unternehmen in den nächsten Jahren vorhat, nicht zusammenfassen können. Bis 2020 will der Stahlkonzern seinen Umsatz von derzeit 12,1 auf zwanzig Mrd. Euro anheben. Neue Kunden sollen in Asien, Südafrika und Nordamerika gefunden werden: „Wir gehen bewusst aus Europa raus.“

„Raus aus Europa“ heißt es auch bei den Investitionen. Nächstes Jahr steckt die Voestalpine etwa eine halbe Mrd. Euro in den Bau eines Werks in Kanada oder den USA, das günstige Ersatzrohstoffe für die Stahlproduktion in Österreich liefern soll. Ausschlaggebend für den Schritt waren die derzeit günstigen Energiepreise in Nordamerika. Anders als Europa fördern die USA ihre reichen Gasvorkommen im Schiefergestein seit einiger Zeit intensiv. Die Folge: Der Gaspreis in den USA liegt fast drei Viertel unter jenem in Europa.

 

„Europas De-Industrialisierung“

Die Voestalpine will das günstige Gas aus Nordamerika nutzen, um die hohen Kosten der Stahlproduktion in Europa zu senken. Zehn bis 15 Prozent des Eisenerzes, das in Linz und Donawitz verwendet wird, könnte durch heiß brikettierte Eisenstücke („Eisenschwamm“) ersetzt werden. Dieser neue Ersatzrohstoff ist nicht nur günstig zu erzeugen, sondern senkt auch die Energiekosten und den CO2-Ausstoß in den Stahlwerken. In Summe könnte ein „nicht geringer zweistelliger Millionenbetrag“ im Jahr eingespart werden, schätzt Eder. Baubeginn für die Anlage soll 2014 sein. Erste Lieferungen erwartet man ab Ende 2015.

Das allein wird aber nicht reichen, um die Standorte in Europa langfristig abzusichern. Die gesamte Stahlbranche auf dem Kontinent leidet unter hohen Energie-, Umwelt- und Sozialkosten bei gleichzeitigen Überkapazitäten und schwacher Nachfrage. Voestalpine-Chef Wolfgang Eder, der auch Präsident des europäischen Stahlverbands Eurofer ist, fordert ein Umdenken der Politiker in Brüssel: Ansonsten gehe Europa „den Weg der De-Industrialisierung“.

Neben dem langsamen Abschied aus Europa hat der Linzer Konzern noch einen zweiten Plan, um der drohenden Konsolidierung unter den Stahlkochern zu entgehen. Und der heißt: Weg vom klassischen Stahlgeschäft! Im Jahr 2020 soll die Stahlproduktion nicht mehr als ein Viertel des Umsatzes ausmachen, heißt es in der neuen Konzernstrategie, die der Aufsichtsrat Anfang der Woche abgesegnet hat. Derzeit liegt der Stahlanteil bei 30 Prozent. Verstärkt werden stattdessen spezialisierte Fertigteile in den Bereichen Energie und Mobilität, also etwa Schienen oder Komponenten für Autos, Flugzeuge und Kraftwerke.

 

Mehr Umsatz in Asien erhofft

In den kommenden Jahren strebt der Konzern eine Ebit-Marge von neun Prozent an. Um das Umsatzziel von 20 Mrd. Euro bis 2020 zu erreichen, müsste das Unternehmen seinen Absatz im Schnitt um 5,7 Prozent im Jahr steigern. Voraussetzung dafür ist aber ein baldiges Ende der Wirtschaftsflaute. Verkaufen will der Konzern seine Waren zunehmend außerhalb Europas. Der Anteil der europäischen Kunden am Umsatz soll langfristig von über 70 auf 50 Prozent sinken.

Anleger reagierten positiv auf die neue Konzernstrategie. Die Papiere der Voestalpine legten bis Mittwochnachmittag an der Wiener Börse bei negativem Marktumfeld um 0,5 Prozent zu. 17 von 23 Analysten, die Bloomberg befragt hat, empfehlen den Kauf der Aktie. Einer rät zum Verkauf.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2012)

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